Stadtgoldschmied 2009: Volker Atrops - Tagebuch Teil 2

 

1. Juli

eine Montage von zwei Fotos übereinander: jeweils mit Pinsel malend
Foto: Uwe (o.) Siggi (u.) bei der Arbeit Foto: © Volker Atrops

Endlich, die Zusammenarbeit mit den Leuten vom CJD kam zu Stande.
Uwe Hegel und Siegfried Drücke sind beide Gärtner wie ich, allerdings schon länger dabei.
Mir fiel direkt auf das beide somit eine gute Vorstellung von Pflanzen, Gartenanlagen und Dekorationsformen haben. Hatte vor meiner Ankunft in Erfurt schon an Zusammenarbeiten mit Künstlern gedacht ...
zwar habe ich sehr nette und technisch ungemein versierte Email- und VBK-Künstler kennengelernt aber es funkte nicht. Uwe und Siggis Technik ist rudimentär aber künstlerisch bringen beide es auf den Punkt. Ich habe Form und Farbe von zwei Schalen und einigen Anhängern vorgelegt die Bemalung haben die beiden konzipiert. Uwe Hegel war der Mann an der Elisabeth Ahnert Front und es glückten Arbeiten die mindestens so gut sind wie die Solveig Nawroth Einladungskarte die mir eben zugesteckt wurde. Siggi Drücke bemalte meine wild gefaltete Schale mit strenger Runge Symmetrie allerdings wie in der Volkskunst direkt aus dem Arm geschüttelt.

2. Juli

Montage von vier Fotos: Totale und Details mit Schmuckkette auf einem Pflasterstein
Bild: Dem Beigeordneten Dietrich Hagemann gefällt die "Wurst" vor der Sparkasse Bild: © Volker Atrops

Habe die Technik die mein Kommilitone Gisbert Stach 1993 entwickelt hat etwas verfeinert und drei Entwürfe für den Rathausvorplatz (Fischmarkt) gemacht. Es handelt sich um scheinbar verlorengegangene Halskettchen die "per Zufall" so auf den warmen Asphalt fielen das Sie dort in bestimmter weise eingetreten wurden.
Vor der Sparkasse wird die Kette in einer Art Wurst ausgelegt (Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei) und bezieht sich auf die eigenartige architektonische Verquickung von Rathaus und Sparkasse sowie deren einfache Hamster und Kröten Symbolsprache.
Vor der Kunsthalle der "Nachbau" einer Spiralzeichnung aus Paul Klees Pädagogischem Skizzenbuch von 1925.
Zwischen Rathauseingang und dem Sockelstumpf Erfurt für Blinde "werfe" ich noch eine Herzanhängerkette hin. "Offen ist die unendliche Liebe"
könnte man einen Titel hochtraben lassen

5. Juli

Hummel im Flug
Foto: Dicker Freund im Anflug Foto: © Volker Atrops

Heute fliegen Sie wieder ein und aus -  meine Freunde wohnen im Untergrund vorm Werkstatteingang. Aus Gründen der Sicherheit wurden Sie mit einem Gift aus Rosenblüten bekämpft.
Die Rosenblüten haben ihr Gift wohl nicht auf
Endlösung geeicht und damit natürlich mehr
Naturverständnis als Hausmeister und Feuerwehr.
Die hatten sich bei der Vergiftungsaktion nach
zwei direkten Todesfällen schon die Hände
gerieben.

7. Juli

Goldstaubspuren
Bild: Gold sogar in den Bürgersteigfugen Bild: © Volker Atrops

In Erfurt ist viel Gold - das Bier, die Schwäne, die Broiler.
Die ganze Geschichte scheint ein einziges
Schmuckkästchen zu sein.
Ich kann verstehen, dass Erfurt bei den reisenden Rentnern
so beliebt ist und es sind schöne Tage, die Linden stehen in voller Blüte.

12. Juli

Wegmarkierung auf Google-Luftbild
Karte: © Volker Atrops

Gold in den Straßen III
Bei offenem Werkstattfenster winden Fetzen
von Stadionsansagen herüber;
123. Deutsche Meisterschaften im Bahnradsport.
Immer herum und schnittig wie der Goldhamster
im Rädchen. Wie fahrradfreundlich ist Erfurt wirklich ?
Ich könnte mit meinem Fahrrad und einer
Goldpigmentdose am Hinterrad eine schöne
Schlaufe aufs Pflaster malen.
Vom leerstehenden Haus am Wenigemarkt
bis zu einem finalen Dreh auf dem Domplatz
Der Goldene Mittelweg in Form einer
Spur des Frohsinns.

14. Juli

Kunstwerk aus Pilzformen auf Ringen geschweißt
Foto: © Volker Atrops

Genug gearbeitet im Öffentlichen Raum. Ziehe mich wieder in die Tiefen der Werkstatt zurück. Die Formelemente des Torazeigers werde ich Türkis emaillieren und zusätzlich soll der Halsschmuck schamanistisch scheppern um die Verdrehung des jüdischen Gerätes Richtung Seidenstraße auch akustisch zu vollführen.
Hätte ich mehr Zeit würde ich 20 Torazeiger in ihre Elemente zerlegen und auf eine Kutte nähen. Um genug Gewicht zu haben und bei einer Levitation mit dem Kopf nicht an die Decke zu stoßen.

18. Juli

ein bekrümeltes Tablett auf einem Tisch
Foto: Blechkuchenspeisung mit Polizeibewachung unterm Roland von 1591 Foto: © Volker Atrops

Es gibt hier Tage, an denen ich 5-6 Gruppen feuchtfröhlicher
Mädchengruppen begegne. Es handelt sich um Junggesellinenabschiede. Es gibt Gegiggel mit der Aufforderung der Braut, irgendetwas abzukaufen, um die Hochzeit zu finanzieren. Gerade 23:00 Uhr auf dem Parkplatz unter meinem Fenster
Reifenquitschen und Motorheulen … später,  ich öffne zur Nacht das Küchenfenster, eine Gruppe pissender Männer in der Hefengasse, Nun ja.
Reifer und gastfreundlicher wirken auf mich die schwarz Gekleideten, die von Zeit zu Zeit den Platz vorm Rathaus belegen. Es handelt sich um Hausbesetzer ohne Haus. Es gibt dort immer einen sehr guten Kuchen und etwas Veganes zu essen. Es riecht weder nach Urin, noch nach Douglas-Probeläppchen. Kaufen muss man auch nichts …
 

20. Juli

ein großes Feld mit Holzklappstühlen
Bild: Kameraeinstellung aus dem Film Bild: © Volker Atrops

Darf heute im Balkonkinoklub vom Kunsthaus einen Wunschfilm zeigen. Habe mir "Jazz on a Summers day" von Bernd Stern gewünscht. Vielleicht, weil im Büro von Frau Kirchner (videoarchiv) Bernd Sterns durchkreuzte Marilyn Monroe hängt. Oder weil Erfurt oft so gepflegt auf mich wirkt. Eben konservatorisch, wie der Dokumentarfilm des Newport Festivals. Wie mir hier schon öfter bei recht engagierten Veranstaltungen aufgefallen ist - handverlesenes Publikum … Paul und Paula hätte wohl eher gezogen.

23. Juli

eine Frau beim Fotografieren einer Schmuckkette
Foto: Pressefotografin im Festsaal Foto: © Volker Atrops

Puh - gestern Anlieferung der Bakterien aus Jena, heute schon
Pressetermin im Festsaal des Rathauses mit Bürgermeisterin und  zwei präsentationswürdigen Schmuckstücken. Die Präsentationsform der Medaille zum Beispiel besteht neben der Kunststoffpetrischale
aus einem roten Fahrradventildeckel, einem Verpackungsmoosgummi, einem Gummiband meines Einwegfeinstaubfilters, etwas rotem Bastelfilz und Heißkleber.
Ähnlich wie bei Orden geht es ja nicht um den Materialwert, sondern um den Akt.

25. Juli

zwei Personen bei der Arbeit
Foto: Nachtschicht am Ofen Foto: © Volker Atrops

So langsam geht auch etwas mit Erfurter Künstlern. Habe ein Emailschild vorgelegt. Christoph (Blankenburg) und Ulrike (Schneider) haben dann eine Art Waldfee ins
Email gekratzt. Das Medium Emailschild hat mir gefallen,
da Werbeemailschilder bei Dorfverschönerungsvereinen in
den 20iger Jahren ähnlich umstritten waren, wie Arbeiten der
Streetart heute. Außerdem ist mir die Ofenplattenemailiererei,
wie sie in den Künstlerwerkstätten für gewöhnlich praktiziert wird,
so versiert sie auch sein mag, etwas über...

30. Juli

Plastiktaucher in einer Wasserflasche
Foto: Historischer Flaschentaucher Jetztzeit Foto: © Volker Atrops

"Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" - somit wohl dem, der eine
60-Stunden-Woche hat. Egal, gleich hole ich endlich meine Familie
vom Bahnhof ab, in meiner Vorfreude mache ich am Anger noch eine
wunderbare Entdeckung. Von wegen, "Erfurt - Rentnerstadt", wie es die Presse mir statt "Rentertourismusparadies" in den Mund gelegt hat. Ein glasklar und simpel gestalteter roter Bollerwagen als Musikstation (ein Scheiß auf ipot und Ghettoblaster) - dazu ganz prima Formationstanz steppende Jungs. Was ist das? Jumpstyle …
Ganz prima - das zum Abschluss. Leider hatte ich meine Camera nicht dabei. Aber vor lauter Freude habe ich noch eine Arbeit für die Ausstellung dazu gemacht.

31. Juli Ausstellungseröffnung

verkleideter und maskierter Herr beim Streuen von Goldstaub auf das Stadtmodell
Foto: Der Stadtgoldschmied als Sandmännchens Sack Foto: © Volker Atrops

Schon im Vorfeld gab es Spekulationen und Fiktionen, die für bare Münze gehalten wurden, wie zum Beispiel der Text auf der Einladungskarte. Selbst im kleinen Dokumentarheftchen (Au-e) sind Schmuckstücke abgebildet, die es so gar nicht gibt oder erst noch geben wird.
Durch lange Eröffnungsreden und Videosalate kam der bestellte Dj auf ganze 3 Songs.
Daher möchte ich allen Musikinteressierten Lesern noch einen Besuch des Woodstocks in der Michaelisstraße ans Herz legen, in dem sogar schon die Japanischen Kampfhörspiele (auch YouTube) aus meiner Geburtsstadt Krefeld aufgespielt haben, wobei trotz deutsch niemand was verstanden hat.
Die Aktion "Gute Nacht Erfurt" bildete dann den Abschluss des Abends, wobei ich vermummt als Sandmännchens Sack angeblich 2 kg Gold über Krämerbrücke, Synagoge, Rathaus, Sparkasse und Domplatz des Stadtmodels für Blinde rieseln ließ. Einige Touristen sollen sich wohl erschreckt haben, ob der Montur. Durch den Sack vernahm ich allerdings Stimmen, die riefen "mehr hier" "ahh wie das schillert" hallotri und Gelächter.

3. August

Mann mit bepackter Sackkarre
Foto: Mit Werkzeugturm, Tochter, Sackkarre zur Straßenbahn Foto: © Volker Atrops

Turbulenter als die Eröffnung gestaltet sich
für mich der Rückbau in den Künstlerwerkstätten, wo ich gleich an 10 Arbeitsplätzen eingerichtet war. Das auf Null bringen meiner Nachtschichtzimmer in der Kleinen Synagoge - auch nicht ohne, alles ein drunter und drüber. Mitten drin im Altpapier - ein Auto "Paaaapa schieb mich maaaaal aaaahhn" Irgendwann ist es soweit und alle sind fertig.

Sack und Pack die Abreise kann beginnen.

Letzter Tag

Pflasterstraße abwärts zum Breitstrom, rechts ein Durchlass der Schlösserbrücke
Foto: Wo das Wasser seicht ist kann es überquert werden - Erfesfurt Foto: © Volker Atrops

Nun es wird noch einen Artikel im "hEFt" geben (Ausgabe - Du und ich in der Hängematte).
Einen Verschönerungsvorschlag für den Gazawüstenstreifen direkt vor der Kleinen Synagoge (z. Hd. Grünflächenausschuss).
Mit Sandsteinsäulen aus den Künstlerwerkstätten und ungewöhnlichen Buchssorten aus unserer Baumschule würde ich dort gern ein Rastplatzgärtchen kreieren. Vorausgesetzt die Ämter sind aufgeschlossen und wohlwollend.
Ansonsten wurde mir hier immer sehr freundlich auf meine Fragen geantwortet, wobei ich einiges hinzulernen konnte.