Wie keine andere Kulturpflanze prägte der Färberwaid (Isatis tinctoria L.) das Wirtschaftsleben Thüringens im 13. bis 16. Jahrhundert.
Als wichtigste Farbstoff liefernde Pflanze des Mittelalters in Europa brachte der Waid - eng verbunden mit der Entwicklung der Weberei und des Tuchgewerbes in und außerhalb Thüringens - breiten Bevölkerungsschichten für vier Jahrhunderte Verdienst und Wohlstand.
In der Blütezeit des Waidanbaus und -handels bezeichneten Zeitgenossen den Waid als das „Goldene Vlies Thüringens“.
Die Kenntnis eines feldmäßigen Anbaus des Waids in Thüringen wird auf die Slawen zurückgeführt.
Die Landgüterordnung Karls des Großen aus dem Jahre 795 nennt den Waid in Verbindung mit Flachs und Wolle und lässt bereits zu dieser Zeit auf einen Anbau schließen.
Das trockene und warme Klima der Thüringer Ackerebene mit ihren kalkhaltigen und tiefgründigen Keuper- und Muschelkalk-Verwitterungsböden mit Lößauflage begünstigte die Erzeugung von Waid hoher Qualität. Vor allem im Gebiet zwischen den Städten Erfurt, Langensalza, Gotha, Arnstadt und Weimar bildete sich besonders zwischen 14. und 16. Jahrhundert ein geschlossenes Anbaugebiet heraus.
Der Thüringer Waid war anderenorts angebautem Waid (Niederrheingebiet um Jülich, Gebiet um Nürnberg, Oberschlesien) dank seiner hohen Färbekraft überlegen und bei den Färbern besonders begehrt.
Aber auch die zentrale Lage des Thüringer Beckens mit seiner Anbindung an wichtige Handelsstraßen in Ost-West- (Via regia) und Nord-Süd-Richtung dürfte für den Anbau von Waid und besonders für einen Fernhandel von Vorteil gewesen sein.
Anbau, Aufbereitung und Verwertung
Seit 4000 Jahren werden die Vorzüge des Waids von den Menschen genutzt. Waid diente im alten Ägypten zum Färben der Mumienbänder und sorgte dafür, dass den wertvollen Hinterbliebenen Pilze und Bakterien keine Schwierigkeiten bereiteten. Den Lebenden hielten Stoffe, die mit Waid gefärbt waren, lästige Insekten vom Körper und bewahrten damit vor ansteckenden Krankheiten. Der Grieche Hippokrates erkannte klar die Bedeutung für die Medizin.
Der Waid gehört zur Pflanzenfamilie der Kreuzblütler und ist in der Lebensdauer zweijährig. Im ersten Jahr bildet die Waidpflanze auf tiefer Pfahlwurzel eine Rosette mit zahlreichen Grundblättern, um derentwillen sie für die Farbstoffgewinnung angebaut wurde. Erst im zweiten Jahr kommt es zur Ausbildung eines 50 bis 100 cm hohen Blütenstandes mit gelben Blüten und zur Samenbildung.
Der Anbau des Waids im mittelalterlichen Thüringen erfolgte auf im Herbst tief gepflügtem Acker durch breitwürfige Aussaat im Dezember oder im zeitigen Frühjahr.
Die Erzeugung kräftiger Pflanzen und unkrautfreien Erntegutes setzte arbeitsaufwendiges Ausdünnen und Jäten der Bestände voraus. Die Ernte der Blätter erfolgte durch Abstoßen mit dem Waideisen in kniender Körperhaltung.
Dabei musste darauf geachtet werden, dass einerseits der Zusammenhalt der Blätter als Büschel gewahrt blieb, andererseits der Wurzelkopf nicht verletzt wurde, so dass ein Wiederaustrieb für eine zweite und bei günstiger Witterung für eine dritte Ernte (besonders bei Wintersaat) gegeben war.
Die Blätter wurden in einem fließenden Gewässer gewaschen und auf Wiesen (Waidrasen) zum Trocknen und Anwelken ausgebreitet. Die Aberntung eines Ackers Waid (z. B. in Gotha 0,2269, in Erfurt 0,2642 ha) erforderte 10 Arbeitskräfte pro Tag, so dass Bauern mit größeren Anbauflächen auf die Hilfe fremder Arbeitskräfte angewiesen waren.
Der Pfarrer Heinrich Crolach berichtet 1555, dass sich zur Erntezeit des Waids Wanderarbeiter aus der Lausitz und aus Schlesien als Tagelöhner verdingten.
Die angewelkten Waidblätter wurden auf Waidmühlen, die meist Eigentum der Gemeinden waren, zu einer breiartigen Masse zerquetscht und zerrieben. Eine Waidmühle bestand zu diesem Zweck aus einem aufrecht laufenden Mühlstein von 1,65 m 1) Durchmesser und 0,48 m Dicke mit gezähnter Lauffläche, der auf einer kreisförmigen, aus Steinplatten gebildeten Tenne (3,60 m im Durchmesser) lief. Der Antrieb des Mühlsteins erfolgte göpelartig durch Pferde.
Aus der zerquetschten Blattmasse formten Frauen von Hand ungefähr faustgroße Waidballen (-bälle), die nach ihrer Trocknung auf Waidhorden als so genannter Ballenwaid von den Bauern auf den Markt in der Stadt gebracht wurden. Der Ballenwaid stellte ein Halberzeugnis dar, das durch die Bauern entsprechend dem allgemein geltenden Gebot, Gewerke und Gewerbe nur in den Städten zu betreiben, nicht weiter aufbereitet werden durfte.
Der von Waidhändlern aufgekaufte Ballenwaid wurde in ihren Waidhäusern eingelagert, um hier in den Herbst- und Wintermonaten zum Fertigerzeugnis, dem Waid-Farbpulver, aufbereitet zu werden.
Diese Arbeit verrichteten die Waidknechte, die die erforderlichen Kenntnisse und Erfahrungen dafür besaßen und im Dienste der Waidhändler standen. Die trockenharten Waidballen wurden auf den Böden der Waidhäuser mit Waidhämmern (Plöcher) zerschlagen und zu Haufen geschüttet. Durch Begießen der Haufen mit großen Mengen Wassers begann unter starker Dampf- und Hitzeentwicklung ein Gärungs- bzw. Fermentationsprozess, der sich über mehrere Wochen erstreckte.
Im Verlauf des Fermentationsprozesses waren mehrere Arbeitsgänge erforderlich, die sich unter Beachtung von Ruhepausen für die Fermentation wiederholten.
Die Haufen mussten auseinander gerissen und die Waidmasse gewendet, zerkleinert sowie erneut aufgehäuft und mit Wasser befeuchtet werden. Entscheidend für die Färbekraft des erzeugten Farbpulvers war die Einhaltung einer für die Fermentation optimalen Temperatur.
Die Blätter des Waids enthalten nur eine farblose Vorstufe (Isatan B) des für den Waid charakteristischen blauen Farbstoffs (Indigo) enthalten. Erst beim Zerquetschen der Waidblätter in der Waidmühle und im Verlauf des Fermentationsprozesses auf den Böden der Waidhäuser wurde diese Vorstufe unter Einwirkung eines in der Waidpflanze enthaltenen und freigesetzten Ferments (Isatase) in Indigo überführt.
Nach Trocknung und Siebung wurde der aufbereitete Waid, das fertige Waid-Farbpulver, das eine taubenmistähnliche Beschaffenheit und Farbe aufwies, in Fässern aus Tannenholz zum Versand und Verkauf verpackt.
Das Färben mit Waid war ein komplizierter Vorgang, den die Färber nach wohlgehüteten Rezepturen durchführten. Die Färbebrühe (Küpe) wurde mit warmem Wasser in beheizbaren Kupfergefäßen angesetzt und enthielt neben dem Waidpulver Zusätze von Kleie, Krapp (pulverisierte Wurzel der ebenfalls im Mittelalter gebauten Färberröte [Rubia tinctoria L.]) und vor allem Pottasche.
Krapp und Kleie förderten bei der Küpe ebenfalls eine erwünschte Gärung, während die Pottasche der Neutralisierung der bei der Gärung entstehenden Säuren diente.
In Abhängigkeit von der Menge des Farbpulvers im Ansatz der Küpe, der Nutzungsdauer der Küpe durch nachlassende Färbekraft und der Menge des zugefügten Krapps wurden mit Waid die Farben schwarz, blau, braun und grün in abgestuften Tönen erreicht. Damit war der Waid fast Universalfarbstoff des Mittelalters.
Formen der Waidballen
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts kam in ungefähr 300 thüringischen Dörfern Waid zum Anbau. Bei einer geschätzten Anbaufläche von 40 bis 50 Acker/Dorf ergibt sich für das Thüringer Anbaugebiet zu dieser Zeit eine Gesamtfläche von ungefähr 15.000 Acker (rund 3.750 ha), die mit Waid bestellt waren. 2)
Erfurt und der Waid
Drei „W“s bestimmen Erfurt: Waid, Wein, Wolle.
Wie keine andere Kulturpflanze prägte der Färberwaid das Wirtschaftsleben Erfurts vom 13. bis 16. Jahrhundert. Der Waidpfad, eine kleine Straße am östlichen Stadtrand, vor allem aber der Waidmühlenweg nördlich der Innenstadt und die Straße an der Waidwäsche im Südosten Erfurts (Ortsteil Melchendorf) lassen an die Fertigung des Ballenwaides durch die Waidbauern denken.
Eine genauere Aussage über den Umfang des Waidanbaus im Gebiet der Stadt Erfurt (Vogtei- und Amtsdörfer) gestatten die Waidregister (Waidbüchlein) der Stadt, die Angaben über die Zahl der Waidbauern, über die Waidanbauflächen sowie über das zu entrichtende Waidgeld (Waidpfennig) für den Waidanbau enthalten. So bauten im Jahre 1579 1.774 Waidbauern in 49 Dörfern auf 4.857 Acker ( rund 1.838 ha) Waid. 3)
In Zeiten blühenden Waidhandels erlangten die Waidbauern aus dem Waidanbau auch nach Abzug der Aufwendungen für in Anspruch genommene Lohnarbeit und für das Waidgeld beträchtliche Geldmengen.
Da der Waid darüber hinaus vorwiegend auf Brachflächen im Rahmen der extensiven Dreifelderwirtschaft angebaut wurde, ging sein Anbau nicht zu Lasten des Anbaus von Getreide, sondern führte zu einer Intensivierung des Ackerbaus und zu einer Erhöhung der Einnahmen.
Waidhandel
Die Bauern waren dem Marktzwang unterworfen und mussten den Ballenwaid auf dem Markt von Städten mit dem Recht des Waidhandels zum Kauf anbieten. Diese Städte waren vor allem Erfurt, Gotha, Arnstadt, Langensalza und Tennstedt. Sie werden als die fünf Waidstädte Thüringens bezeichnet.
Bis in das 17. Jahrhundert nahm Erfurt unter ihnen eine herausragende Stellung im Waidhandel ein. Aber auch in Mühlhausen, Weimar, Greußen, Weißensee und Naumburg wurde Waidhandel betrieben.
Der Verkauf des Ballenwaids erfolgte zunächst nach Schock Waidballen und später nach einem Schüttmaß (Kübel) und war durch Vorschriften streng geregelt. In Erfurt waren vier vereidigte Waidmesser bestellt, die im Auftrag des Rates der Stadt über die Einhaltung erlassener Ordnungen (Zuchtbrief von 1351; Waidordnungen aus dem 15. bis 18. Jahrhundert) wachten. Dazu gehörte neben dem Vermessen des Ballenwaids auch die Überprüfung seiner Färbekraft. Zur Qualitätsprüfung wurden einzelne Waidkugeln zerschlagen und angefeuchtet. Mit einzelnen Stücken wurden anschließend Probestriche auf Papier oder weißen Stein gezogen. Waren diese Striche dann nur schwach zu erkennen oder hatten sie einen schmutzigen Farbton, dann war der Waid mit Unkraut durchsetzt und eher wertlos. War der Farbton dagegen lichtblau oder grün, so sprach dies für beste Qualität.
Erfurts Anger (früher „Weydtmarkt“) war seit 1531 der Markt, wo allein der Ballenwaid verkauft werden durfte. Von Trinitatis (1.Sonntag nach Pfingsten) bis Michaelis (29. September) fand dort täglich außer an Sonn- und Feiertagen der Waidhandel statt. Bis zu 300 hochbeladene Pferdefuhrwerke fanden sich so an den fast täglich stattfindenden Markttagen ein, so dass in Erfurt der größte Waidmarkt Mitteleuropas stattfand und hier über fast 400 Jahre Bestand hatte. Der Markthandel begann nach Erklingen der Waidglocke vom Turm der Vitikirche, die 1809 abgerissen wurde. Die Waidhändler mussten übrigens Bürger der Stadt sein.
Viele Häuser in der Altstadt, wie die des heutigen Theaters Waidspeicher, erinnern an die Tradition des Färberwaides. In den Dachböden der Häuser „Zum Roten Ochsen“, „Zum Breiten Herd“, „Zum Paradies und Esel“, „Zur Windmühle“ und „Zum Stockfisch“ sind ebenfalls Produktionsstätten des Färberwaides wieder zu erkennen. Sie wurden von Waidhändlern errichtet und demonstrieren zugleich den Reichtum, den Waidherstellung und Waidhandel bescherten.
Bereits für die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts ist der Fernhandel mit Thüringer Waid nachweisbar. Als wichtige Märkte für Waid aus Thüringen entwickelten sich die Zentren des Tuchgewerbes in der Oberlausitz und in Schlesien. Die Waidhändler zogen zunächst als Wanderhändler mit ihren Fuhrwerken nach Görlitz und Breslau und weiter nach Polen. Im Jahr 1339 erhielt die Stadt Görlitz das Stapelrecht für Waid. Damit war für die Waidgäste (Waidhändler) die Auflage verbunden, dass jeglicher Waid, der in die Markgrafschaft Oberlausitz gelangte, für vier Wochen in Görlitz niedergelegt und zum Verkauf angeboten werden musste. Erst nach dieser Zeit durften die Thüringer Waidhändler den nicht verkauften Waid nach Schlesien und Polen weiterführen. Mit dem Stapelrecht war auch die Benutzung vorgeschriebener Straßen (Straßenzwang) für den Transport des Waids verbunden. Als Rückfracht nahmen die Waidhändler Wachs, Leder und Tuche mit nach Thüringen, so dass sich über den Waidhandel weitere Handelsbeziehungen knüpften. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ließen sich die Thüringer Waidhändler zunehmend durch im Lohnverhältnis stehende Handelsdiener in Görlitz vertreten und im 16. Jahrhundert kam es zur Gründung von Handelsniederlassungen (Faktoreien).
Im oberdeutschen Raum war Nürnberg, wo sich die Tuchfärberei als spezielles Gewerbe herausgebildet hatte, ein bedeutender Abnehmer für Waid aus Thüringen. Über die Messe in Nördlingen gelangte Thüringer Waid in Gebiete der Tucherzeugung von Franken, Schwaben und des Donauraumes.
Frankfurt a. M. war ebenfalls ein wichtiger Stapelplatz für Thüringer Waid, insbesondere aus Nordthüringen. Von hier aus wurde das Tuchgewerbe in den mittelrheinischen Städten mit Waid versorgt. Selbst Köln als Markt für das Waidanbaugebiet am Niederrhein erhielt Zufuhr von Waid aus Thüringen, der wahrscheinlich von hier auch in die Tuchgewerbezentren Flanderns und der Niederlande gelangte.
Ziel des Fernhandels mit Waid in nördlicher Richtung waren hansische Küstenstädte, vor allem Bremen, Lübeck, Hamburg und Rostock. Der Transport des Waids nach Bremen wurde teils auf dem Wasserwege über Werra und Weser vorgenommen. Es ist anzunehmen, dass Thüringer Waid über die hansischen Küstenstädte auch über Nord- und Ostsee, u. a. nach England, ausgeführt wurde.
Der Fernhandel mit Waid brachte viel fremdes Geld nach Thüringen. Insbesondere die Waidhändler, die nicht nur mit Waid, sondern auch mit anderen Landesprodukten bzw. mit Waren aus Rückfrachten handelten, kamen rasch zu Wohlstand und Reichtum. Die Gerechtsbücher (Steuer-) der Waidstädte weisen aus, dass sie zu den vermögendsten Bürgern gehörten. In Erfurt wurden sie wegen ihres Reichtums Waidjunker genannt. Nicht wenige von ihnen spielten im gesellschaftlichen Leben der Städte eine bedeutende Rolle und hatten in den Räten Sitz und Stimme. Von ihrem Reichtum künden noch heute prächtige Bürgerhäuser.
Was Waidhandel einbrachte, zeigt die Bilanz des Jahres 1617 vom Waidhändler Hiob von Stotternheim. Er exportierte 3.080 Kübel Färberwaid. Das erbrachte Einnahmen von 125.159 Gulden. Davon blieben ihm als Jahresgewinn 28.475 Gulden. So wundert es auch nicht, dass laut Ratsordnung von 1612 der Waid als „die fürnehmste Nahrung in dieser Stadt“ bezeichnet wurde.
Andererseits war der Waidhandel durch zeitweilige Unsicherheit auf den Handelsstraßen und durch säumige Bezahlung der Ware durch auswärtige Abnehmer mit Risiken verbunden. Auch erforderte der Waidhandel, bedingt durch die lange Umschlagszeit zwischen Aufkauf des Ballenwaids und dem Verkauf des Farbpulvers von mindestens einem Jahr, einen hohen Kapitalbedarf. Erfurter Waidhändler schlossen sich deshalb miteinander, aber auch mit Kaufleuten in Städten des Waidabsatzes (Görlitz, Nürnberg) zu Handelsgesellschaften zusammen.
Neben den Waidhändlern und Waidbauern zogen Angehörige verschiedener Gewerke und Gewerbe (Böttcher, Fuhrleute, Schiffer, Krämer, Gastwirte) mittelbar Nutzen aus einem blühenden Waidanbau und -handel.
Der Waid war auch eine wichtige Steuerquelle für die Waidstädte und die jeweiligen Landesherren. Die Waidbauern des Erfurter Gebietes mussten entsprechend der Menge an erzeugtem Ballenwaid den so genannten Waidpfennig als Ungeld (bereits 1250 urkundlich erwähnt) entrichten. Beim Verkauf des Ballenwaids hatte der Käufer für jeden Kübel Waidgeld an die Stadt abzuführen. Auch der Verkauf des Farbpulvers war mit einer Abgabe belastet. Zeitweise wurde für ausgeführten Waid Geleitsgeld oder Waidzoll je Fuhrwerk durch die Landesherren erhoben.
Der blühende Waidanbau- und -handel und die steuerlichen Einnahmen daraus versetzten die Stadt Erfurt in die Lage, ihren Landbesitz durch Erwerb von Dörfern beträchtlich zu erweitern. Vermutlich trug der Waid dazu bei, dass die Erfurter Bürger im Jahre 1392 auf eigene Kosten die Universität gründen konnten.
Vom Waidverkauf profitierten neben den Waidjunkern und der Stadt auch Handwerker und das gesamte örtliche Markttreiben. Dieses Markttreiben hatten Kaiser und Könige gefördert: 805 bestimmte Karl der Große Erfurt zu einem der Grenzhandelsplätze im Osten seines Großreiches. Am 24.12.1331 verlieh Kaiser Ludwig der Bayer Erfurt ein erstes Messeprivileg. 1472 erteilte Kaiser Friedrich II. der Stadt ein zweites Messerecht. 1497, am 17.Juli, bestimmte König Maximilian I. von Habsburg, dass eine Messe zu Pfingsten, die andere zu Martini (11. November) beginne sollte. Derartige Vorrechte haben Erfurt zu einem bedeutenden Handelsplatz werden lassen.
Die Tatsache, dass Waid im Mittelalter erheblich über den Bedarf der Region hinaus produziert wurde, hatte auch zur Folge, dass die Textilproduktion und –veredlung in Erfurt selbst einen Aufschwung erlebten. Die Wollweber zählten bereits zu den neun großen Zünften. Auch die Färberinnung, die zu den neun kleinen Zünften zählte, brachte es nun zu einigem Wohlstand. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts tätigte sie in der Barfüßerkirche recht kostspielige Spenden, wie z. B. zum „Färberaltar“ oder für die farbige Verglasung der Kirchenfenster.
Die Waidstädte waren deshalb darauf bedacht, ihre Einnahmen nicht durch Unterlaufen des Markt- und Straßenzwanges durch fremde Händler oder des stadtwirtschaftlichen Rechts der Aufbereitung des Ballenwaids durch die Dörfer schmälern zu lassen. Diesbezügliche Beschwerden und Eingaben der Waidstädte und Erlasse der Landesherren als Antwort geben davon Zeugnis.
Niedergang des Waidanbaus und -handels
Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts setzte ein Preisverfall für das Waidpulver ein. Der Farbstoff Indigo, der in Indien und später in Ländern Mittelamerikas, aber auch in Nordamerika (South Carolina) billiger erzeugt wurde, drängte zunehmend als Konkurrent auf den Markt. Der mit dem Indigo aus Waid chemisch identische „Kolonial“-Indigo wurde aus Arten des zu den Schmetterlingsblütlern gehörenden Indigostrauchs (Indigofera L.) gewonnen.
Beschleunigt wurde der Rückgang im Waidanbau durch den dreißigjährigen Krieg mit seinen vor allem für den Fernhandel abträglichen Folgen. 1629 ist in Thüringen nur noch für 30 Dörfer auf 675 Acker Waidanbau nachgewiesen.
Erfurts Einwohnerzahl schrumpfte zum Beispiel von ca. 20.000 auf 13.000. Als 1684 auch noch eine Pestepidemie tausenden Bürgern das Leben kostete, soll die Einwohnerzahl nur nach etwa 7.000 betragen haben. Handwerk und Handel gingen rapide zurück. Hatte man vor dem Krieg noch 79 Waidhändler gezählt, so gab es nach 1648 nur noch 19.
Waidpulver fand zunehmend nur noch als Zusatz zur Küpe aus Indigoverwendung. Auch Verbote zur Indigo-Verwendung durch die Tuchfärber konnten den Verfall des Waidanbaus und -handels nicht aufhalten. Bereits 1577 sah eine kaiserliche Polizeiordnung ein Verbot der „Teufelsfarbe“ Indigo vor. Es folgten mehrere Reichsverordnungen (Reichsabschiede zu Regensburg 1594, 1603, 1604) und kursächsische Verordnungen (Landesgebrechensabschiede 1650, 1654, 1661) gleichen Inhalts und Sinnes.
Es hat nicht an Bestrebungen und Versuchen gefehlt, den Waidanbau in Thüringen und anderenorts wieder zu beleben. In einer Art Denkschrift („Weyd Bedencken“) an den Kurfürsten von Sachsen stellte Laurentius Niska 1631 Vorteile und Nutzen des Waidanbaus für Thüringen aus merkantilistischer Sicht heraus. Er betonte insbesondere die größere Beständigkeit und Güte der Waidfarbe gegenüber dem Indigo.
Der Siegeszug des billigeren Indigos war jedoch nicht aufzuhalten. 1747 betrieben nur noch drei Erfurter und zwölf Gothaer Dörfer Waidanbau. Bis 1802 verringerte sich die Zahl der Waid anbauenden Dörfer im Gothaer Land auf sieben.
Unter dem Einfluss der Napoleonischen Kontinentalsperre (1806 bis1813) schien der Waidanbau neue Impulse zu erhalten. 1811 stellte der Erfurter Chemiker und Apotheker J. B. Trommsdorff, Mitglied der Erfurter Akademie der gemeinnützigen Wissenschaften, ein neues Verfahren zur Gewinnung von Waid-Indigo auf der Grundlage von frischen Waidblättern vor, das sich durch Extraktion des Farbstoffs wesentlich einfacher und ökonomischer gestaltete als das aufwendige mittelalterliche Verfahren der Waidpulver-Gewinnung und zu reinerem Farbstoff führte. Trommsdorff konnte sich bei seinen Arbeiten auf Ergebnisse bereits in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhundert an der Erfurter Akademie durchgeführter Untersuchungen zu dieser Problematik stützen.4)
Die auf der Grundlage des Verfahrens von Trommsdorf 1812 in Erfurt gegründete Waidindigo-Fabrik hatte jedoch keinen langen Bestand. Ursache war nicht allein die Aufhebung der Kontinentalsperre, sondern auch die geringere Ausbeute an Farbstoff im Vergleich zum Indigostrauch.
Auch andere zur Wende des 18. und 19. Jahrhunderts entstandene Waidfabriken in Erfurt, Neudietendorf (Herrnhuter Brüdergemeinde), Molschleben und Mühlberg mit zum Teil verbesserter Technologie der Waidindigo-Gewinnung hielten sich nicht über die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hinaus.
In Gotha war bereits in der Mitte des 18. Jahrhunderts die Erzeugung von Waidpulver zum Erliegen gekommen. Der in den Dörfern des Herzogtums Sachsen-Gotha erzeugte Ballenwaid wurde fortan auf die Märkte in Langensalza und Erfurt zum Verkauf gebracht oder selbst zu Waidpulver verarbeitet.
1761 war das Verbot des Handels und der Aufbereitung von Waid für die Dörfer durch Herzog Friedrich III. aufgehoben worden.
In Weimar, Greußen und Arnstadt war Waidhandel und -aufbereitung schon früher (1619, 1621 bzw. 1627) eingestellt worden.
Als es 1880 A. von Baeyer gelang, den Indigo aus Steinkohlenteer synthetisch herzustellen, und 1897 die großtechnische Erzeugung aufgenommen wurde, war das endgültige Aus für den Waidanbau in Thüringen und in anderen Gebieten Deutschlands gekommen.
Das gleiche Schicksal wie der Waidpflanze war dem Indigostrauch in den Ländern seines Plantagenanbaus beschieden.1912 wurde in Pferdingsleben (Landkreis Gotha) letztmalig in Thüringen Waid angebaut.
In zahlreichen Dörfern des Thüringer Beckens und seiner Randgebiete künden noch heute Flurnamen vom einstigen Waidanbau. Als steinerne Zeugen findet man Reste von Waidmühlen (Mühlsteine aus Sand- bzw. Kalkstein, Langsteine, Tennenteile), die nach Einstellung des Waidanbaus im Zeitverlauf meist zweckentfremdet genutzt worden. 5)
Außer der am ursprünglichen Standort einzigen im Originalzustand erhaltenen Waidmühle in Pferdingsleben (Landkreis Gotha) stehen rekonstruierte Waidmühlen als Kulturdenkmale auf der ega in Erfurt (Cyriaksburg), in Tüttleben (Landkreis Gotha), Bergsulza (Landkreis Apolda) sowie in Rohrborn (Landkreis Sömmerda).
Erhalten als Gebäude sind Waidhäuser in Arnstadt und Gotha sowie die Waidfabrik in Molschleben (Landkreis Gotha).
Der Waid heute
Zu Beginn der 80er Jahre entdeckte der Neudietendorfer Malermeister Wolfgang Feige die traditionsreiche Pflanze neu. Angeregt durch den Waidbauern im Stadtwappen seiner Heimatstadt begann er die Geschichte des Waids zu erforschen und nach Alternativen für eine Nutzung in unserer Zeit zu suchen.
Im Ergebnis dieser Untersuchungen konnten bisher mehr als 20 Produkte entwickelt werden, wobei die traditionelle Indigo-Blaufärbung von Textilien jedoch eine untergeordnete Rolle spielt.
Die Thüringer Waidverarbeitungs-GmbH nutzt vor allem die pilz- und insektenhemmenden Inhaltsstoffe des Waidsaftes für die Herstellung von Anstrich-, Lasur- und Fassadenfarben, die im baulichen Bereich Verwendung finden.
Das Hans-Knöll-Institut für Naturstoff-Forschung Jena e. V. hat in Zusammenarbeit mit der Waid-Forschungs-GmbH Neudietendorf das Verfahren zur Waidverarbeitung wissenschaftlich untersucht und optimiert.
Landwirte in der Umgebung von Neudietendorf bauen die Pflanze an. Ein modernes, von der Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft entwickeltes Anbauverfahren sowie die Bereitstellung von züchterisch verbesserten Waidherkünften garantieren eine effiziente und umweltgerechte Produktion.
Die Einsatzgebiete sind vielfältig, wie die Produktpalette aufzeigt:
Waid-Anstrichfarbe,
Waid-Lasurfarbe,
Waid-Fassadenfarbe,
Waid-Holzimprägnierung,
Waid-Steinkonservierung,
Feuerhemmendes Sprühmittel.
Extrakte aus Blättern sowie das Öl der Samen werden zu kosmetischen Produkten, wie Shampoo, Waschlotion oder Pflegecreme verarbeitet.
Auch international wurde diese Wiederentdeckung gewürdigt: 1992 war Erfurt im Rahmen seiner 1250-Jahrfeier Ort einer ersten internationalen Waidtagung.
Als Alternativkultur könnte Thüringens Traditionspflanze Waid für die Gewinnung natürlicher Rohstoffe auch in der Landwirtschaft zur Wende des 21. Jahrhunderts einen Platz haben.
Fußnoten:
1) Maße der Waidmühle in Pferdingsleben (Kreis Gotha) als Beispiel.
2) ZSCHIESCHE, E., Der Erfurter Waidbau und Waidhandel, ein culturgeschichtliches Bild aus der Vergangenheit, Mitteilungen des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt, Heft 18, 1896.
3) WIEGAND, F., Einige Bemerkungen zur Erfurter Waidproduktion in: Europäische Stadtgeschichte im Mittelalter und früher Neuzeit, Weimar 1979, S. 237 - 258.
4) BENNECKENSTEIN, C; BENNECKENSTEIN, H., Die Waidpflanze und ihre historische Bedeutung, Beiträge von der Waidtagung am 19.9.1987 in Pferdingsleben, Gotha 1988, S. 31 - 39.
5) MÜLLEROTT, H.-.I. Quellen des Waidanbaus in Thüringen, Fachschulabschlussarbeit (MS), Leipzig 1989.