1851 - 1900 | 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts

Die Beseitigung der Festungseigenschaft Erfurts ist die Voraussetzung für die bauliche Erweiterung der Stadt. Unter tüchtigen Oberbürgermeistern erlebt die Stadt einen Höhepunkt ihrer Geschichte. Trotz starker Bevölkerungszunahme innerhalb ganz kurzer Zeit wird die erforderliche Infrastruktur geschaffen und sogar ständig verbessert. Der Erste Weltkrieg und die Unruhen der 20er Jahre brechen die Aufwärtsentwicklung ab.

1851 bis 1871

1851 bis 1871

Freiherr Carl von Oldershausen (1816 bis 1884) Oberbürgermeister der Stadt Erfurt.

1851

(19. Januar) Generalfeldmarschall Friedrich Carl Ferdinand Freiherr von Müffling, verstorben am 16. Januar, auf dem Brühler Friedhof beigesetzt. Das kleine hallenähnliche Denkmal, in griechischem Stil ausgeführt, ist noch erhalten.

1853

Gründung der Versicherungsgesellschaft „Thuringia“ mit einem Aktienkapital von 5 Millionen Talern in Erfurt. Tochteranstalt der Gesellschaft ist die Fortuna-Rückversicherungs-Aktiengesellschaft in Erfurt.

1856

Der königlich preußische Salinenfiskus befiehlt, im Erfurter Johannesfeld ein Steinsalz-Bergwerk zu errichten. 1862 wird bei Bohrungen das erste abbauwürdige Steinsalzvorkommen erreicht und mit der Produktion begonnen.

1857

Christian Hagans (1829 bis 1908), Begründer der Erfurter Lokomotivenfabrik, errichtet eine Eisengießerei und Maschinenfabrik auf dem Gelände Dalbergsweg 15 und Kartäuserstraße 35/36. Nach der Produktion von landwirtschaftlichen Maschinen, Gussartikeln, Mühlen und Salinenbedarf wird 1872 die erste Lokomotive fertiggestellt.

1857

Die erste Erfurter Gasanstalt, Kohlemarkt 45 - 50, später Herrenbreitengasse, wird in Betrieb genommen. Am 21. Oktober erstrahlen in der Stadt zum ersten Mal die neuen Gasleuchten in den Straßen. Die alten Öllaternen werden schrittweise durch moderne Gasleuchten ersetzt.

1857

Der Neubau des Katholischen Krankenhauses in der Hopfengasse/Kartäuserstraße wird vollendet.

1859

(1. November) Errichtung einer Königlichen Kriegsschule in der Schottengasse. Sie besteht bis 1885.

1860

(21./22. September) Konservativ gesinnte Lutheraner, darunter der Hallenser Historiker Leo, und Katholiken, darunter Graf Cajus von Stolberg, treffen sich in Erfurt zu einem Gespräch, das der Abwehr von Revolution und Antichristentum und der Annäherung der Konfessionen im „Interesse des einen und ungetheilten Vaterlandes“ dienen soll. Diese „Erfurter Conferenz“ ruft in deutschen und ausländischen Blättern eine Pressefehde hervor.

1860

Aus dem Erfurter Turnverein bildet sich eine Freiwillige Turnfeuerwehr, die 1873 durch eine schlagkräftige Rettungskompanie für Menschen und Sachen ergänzt wird.

1861

Die Stadt Erfurt hat 37.012 Einwohner.

1861

Gründung einer „Warte- und Pflegeanstalt“ für kleine Kinder in der Pergamentergasse 31.

1862

Gründung des Freiwilligen Turn-Feuerwehr-Corps. Bis zur Gründung der Berufsfeuerwehr im Jahre 1910 wurden durch das Freiwillige Turn-Feuerwehr-Corps über 200 größere Brände bekämpft.

1862

Die staatseigene Gewehrfabrik am Mainzerhofplatz nimmt nach dreijähriger Bauzeit die Produktion auf. Der Betrieb ist 1866 mit seinen 420 Beschäftigten das größte Fabrikunternehmen der Stadt.

1863

Unter dem Vorsitz des Stadtrates und Eisenbahndirektors Karl Herrmann wird im Sitzungssaal des alten Rathauses der „Verein für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt“ gegründet.

1864

Die erste „Aktien-Badeanstalt“, gespeist durch einen Gera-Zweigarm, das „Fallloch“, wird auf dem Friedrich-Wilhelms-Platz (Domplatz) eröffnet. Sie besteht bis 1879.

1864

Julius König (1842 bis 1897) begründet das erste große Fuhr- und Speditionsgeschäft in Erfurt.

1864

(21. April) Der Nationalökonom, Jurist und Sozialwissenschaftler Max Weber wird in Erfurt geboren. Die Beziehung des Wissenschaftlers zu Erfurt ist freilich eher zufällig, da die Eltern, beide keine Erfurter, nur kurze Zeit in Erfurt wohnen. Der Vater ist hier von 1862 bis 1868 besoldeter Stadtrat.

1865

(10. Januar) Karl Florenz, der Begründer der deutschen Japanologie, wird in Erfurt als Sohn eines Lehrers geboren. Gestorben 1939.

1865

(11. Januar) Johannes Hartmann, bedeutender Astrophysiker, Professor in Göttingen, ab 1921 Direktor der Sternwarte in La Plata, wird in Erfurt geboren. Er gibt u. a. eine Erklärung der Hagenschen Dunkelwolke, stellt die Hartmannsche Dispersionsformel für Prismen auf. Einen von ihm neuentdeckten Fixstern nennt er „Erfordia“.

1865

Bildung eines Erfurter Zweigvereins des „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“ (ADAV), der 1863 von Ferdinand Lassalle gegründet worden ist.

1865

(9. bis 17. September) Erste Internationale Land- und Gartenbauausstellung in Erfurt. Ausstellungsort: „Vogels- und Hellings Garten“, das Gelände zwischen der heutigen Theater- und der heutigen Lutherstraße.

1865/1866

Abbruch aller noch stehenden Rathausteile mit Ausnahme des Turms, über dessen Erhaltung eine jahrelange Diskussion geführt worden ist, und des südlich daran anschließenden Gebäudes. Der Turm wird 1870 abgebrochen.

1866

(27. Dezember) 4. Generalversammlung des „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“ im Ratskeller.

1866

In der Stadt wütet die letzte Choleraepidemie, zugleich aber eine der schwersten Choleraepidemien. Über 1.000 Menschen fallen der um sich greifenden Epidemie zum Opfer.

1866

Der Hygieniker Max von Pettenkofer erarbeitet eine wissenschaftlich begründete Hygieneanalyse für die Stadt. Die Choleraepidemien von 1850, 1855 und besonders 1866 lenken die Öffentlichkeit verstärkt auf die Gesundheits-, Wasser- und Abwasserverhältnisse in Erfurt.

1867

Niels Lund Chrestensen (1840 bis 1914) gründet seine Kunst- und Handelsgärtnerei, welche sich zuerst ausschließlich mit der Binderei von Kränzen und Buketts beschäftigt. Durch ein von ihm erfundenes Trockenverfahren wird es möglich, neben Dauerblumen (Immortellen) auch andere Blumen zu konservieren und so die damals in Mode kommenden Makart-Buketts künstlerisch zu behandeln. Seine Prunkstücke werden in der ganzen Fachwelt geschätzt und nachgeahmt. In Erweiterung erfolgt die Anzucht landwirtschaftlicher Sämereien und von Mustergetreide, was die Firma namentlich bei den Gärtnern und den Landwirten in ganz Deutschland und im Ausland einführt.

1867

(10. September) Einweihung des Reichart-Denkmals, geschaffen von dem Erfurter Bildhauer Georg Friedrich Carl Kölling, auf dem Reichart-Platz, ab 1900 Kaiserplatz (heute Karl-Marx-Platz). 1900 wird das Denkmal in den Pförtchenanlagen aufgestellt.

1868

(21. bis 25. September) Versammlung des „Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine“ in Erfurt. Die Sitzungen finden in der „Ressource“ statt.

1869

Der Erfurter Zweigverein des „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“ (ADAV) schließt sich der in Eisenach gegründeten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei an. Aus diesem Anlass spricht am 14. Juni August Bebel im Ratskeller.

1869

Inbetriebnahme der Eisenbahnstrecke Erfurt – Nordhausen.

1869

Fritz Wolff (1839 bis 1928), Begründer einer der größten und leistungsfähigsten Malzfabriken Deutschlands, erwirbt nach Übernahme des Getreidegeschäfts seines Vaters eine erste kleine Mälzerei in der Rupprechtsgasse. Ab 1885 errichtet er moderne Fabrikanlagen in der Moltkestraße (Thälmannstraße).

1870

(6. Januar) Grundsteinlegung zum Bau des neugotischen Rathauses an Stelle des seit 1830 abgebrochenen mittelalterlichen Vorgängerbaues.

1870

(18. Juli) Großes Thüringer Sängerbundesfest in Vogels Garten.

1870

(9. September) Die ersten 2.500 französischen Soldaten werden in dem auf dem Johannesplatz errichteten Lager für französische Kriegsgefangene untergebracht. 395 gefangene Offiziere werden in Bürgerquartiere eingewiesen.

1870

Das Mosaikbild „Madonna mit Kind“, gefertigt von Dr. Salviati aus Venedig nach einem Entwurf von Prof. Kaselowsky, wird an der Westwand des Domlanghauses fertiggestellt. Es wird 1968 bei der Rekonstruktion des Daches und Wiederherstellung der ursprünglichen Formen, wie sie vor 1845 bestanden haben, entfernt.

1870

Fertigstellung des modernen Volksschulgebäudes in der Gartenstraße. 1883 wird es an den Eisenbahnfiskus verkauft.

1870

In der Stadt sind 639 Brunnen vorhanden, davon 69 öffentliche. Sie sind weder hygienisch einwandfrei noch für die Zukunft ausreichend. Zur Verbesserung wird eine Quellfassung der Erfurter Wasserleitung an der Apfelstädt oberhalb des Muschelkalkgebietes entweder bei Wechmar oder Wandersleben vorgesehen.

1871 bis 1889

1871 bis 1889

Richard Breslau (1835 bis 1897) Oberbürgermeister der Stadt Erfurt.

1871

Die Stadt Erfurt hat einschließlich der Militärpersonen 43.755 Einwohner.

1871

Baubeginn des neuen Güterbahnhofes an der Weimarischen Straße.

1871

Die „Fischersche Augenheilanstalt“ wird mit dem evangelischen Krankenhaus am Lindenweg vereinigt.

1871

(16. Oktober) Der Südfriedhof im Löberfeld wird seiner Bestimmung übergeben. Alle anderen Begräbnisplätze in der Stadt werden geschlossen.

1872

(1. Januar) Erfurt scheidet aus dem Landkreis aus und bildet mit seiner Feldmark einen eigenen Stadtkreis.

1872

(8. März) Das evangelische Waisenhaus wird bei einem Großfeuer zerstört. Dabei wird auch die Kunstkammer mit zahlreichen wertvollen Gemälden, darunter der „Totentanz“ von Jacob Samuel Beck, vernichtet.

1872

Eduard Lingel (1848 bis 1922), bedeutendster Schuhfabrikant der Stadt, gründet sein erstes Unternehmen im Haus „Zum Krummen Hecht“, Fischersand 9. Zur Erweiterung des Werkstattbetriebes wird 1874 das Haus Herrmannsplatz 5 und 6 erworben. 1887 Einrichtung der Schuhfabrik an der Landgrafenstraße (Martin-Andersen-Nexö-Straße).

1873

Aufhebung der Festungseigenschaft Erfurts durch Reichsgesetz vom 30. Mai 1873 mit Wirkung vom 1. Oktober 1873. Damit wird die Bebauung außerhalb der bisherigen Stadtbefestigung möglich. Besonders nach 1890 werden die alten Stadtmauern und Wälle beseitigt, und es entstehen neue Wohnviertel und Fabriken.

1874

Mit dem Abbruch des Brühler Tores fällt das erste Außentor der Befestigung. 1878 folgen das Schmidtstedter Tor mit Brückenkopf, das Krämpfertor und das Löbertor, 1880 das Johannestor, 1881 die Moritzbastion mit Tor, 1881 die Andreasbastion, 1888 der Pförtchenturm. Bis 1900 werden nahezu alle Befestigungsanlagen niedergelegt. Ein letzter Rest der äußeren Stadtmauer, der Wallturm 23 am Boyneburgufer, fällt erst dem Bombenangriff vom 20. Februar 1944 zum Opfer.

1874

Der Schulgeldzwang wird aufgehoben, ebenso die bisher übliche kirchliche Schulaufsicht.

1875

(24. Januar) Der „Thüringer Geflügel-Zuchtverein“ wird gegründet.

1875

(29. Dezember) Vorläufige Einweihungsfeier des neuen Rathauses. Im November haben bereits die ersten Dienststellen des Magistrats im Gebäude ihre Tätigkeit aufgenommen. Am 13. Januar des folgenden Jahres findet hier die erste Stadtverordnetenversammlung statt.

1875

Bau der Schule „Zur Himmelspforte“ in der Marktstraße 6.

1875

Die ehemalige Gangolfkirche, Bahnhofstraße/Ecke Schmidtstedter Straße, wird abgebrochen. Bis zum Neubau der modernen Schule in der Gartenstraße 1 war hier die Reglerschule eingerichtet.

1875/76

Der Bau der Kanalisation, des Wasserwerkes, einer 26 km langen Fernwasserleitung von Wechmar zum Hochbehälter auf der Cyriaksburg, des Wasserleitungsnetzes und das Zuschütten von Geraarmen (1896) verbessern die hygienischen Verhältnisse grundlegend in der Stadt.

1876

(22. März) Einweihung des Kriegerdenkmals im Hirschgarten zu Ehren der Gefallenen der beiden Kriege von 1866 und 1870/71. Im preußisch-österreichischen Krieg nehmen die Erfurter Infanterieregimenter an der Schlacht von Königgrätz teil, im deutsch-französischen Krieg sind sie an der Schlacht bei Sedan beteiligt, bilden später den Belagerungsring um Paris mit und verbleiben dort bis zum Kriegsende.

1876

(6. September) Eröffnung der „Allgemeinen Deutschen Gartenbau-Ausstellung“ im Augustapark des Steigers in Anwesenheit der Kaiserin Augusta. Dauer der Ausstellung bis zum 17. September.

1876

(24. September) Einweihung des Denkmalbrunnens für den 1874 verstorbenen bedeutenden Stadtrat und Eisenbahndirektor Karl Herrmann sowie Umbenennung des ehemaligen Rossmarkts in „Herrmannsplatz“.

1877

Die Stadt Erfurt errichtet eine Gewerbliche Fortbildungsschule.

1878

Franz Anton Haage gründet eine Gärtnerei. Im Anfang steht die Kultur der damals beliebten Levkoje im Vordergrund. Bald tritt die Anzucht von Gemüsesämereien in den Vordergrund, besonders Blumenkohl und ausgewählte andere Gemüse. Auch die Blumenzucht wird in großem Maße betrieben. Es findet ein reger Versand nach dem Ausland statt, namentlich nach Österreich-Ungarn.

1878

Richard Hegelmann, Pionier der elektronischen Industrie in Erfurt, gründet eine Fabrik für Feinmechanik, Optik und elektrische Geräte in der Bahnhofstraße 40, später Anger 16.

1878

Die „Erfurter Volkszeitung“ wird gegründet.

1879

(18. August) Die neue „Aktien-Badeanstalt“ am Herrmannsplatz wird eröffnet. Im folgenden Jahr Abbruch der alten „Aktien-Badeanstalt“ am Fallloch, Friedrich-Wilhelms-Platz (Domplatz).

1879

Der Bau des neuen Landgerichtsgebäudes am Friedrich-Wilhelms-Platz (Domplatz) wird vollendet. Bis 1875 befand sich auf diesem Gelände die Parkanlage „Louisental“.

1879

Eröffnung der „Volksküche“ und der „Wärmestube“ in der Predigerstraße 6.

1880

Die Stadt Erfurt hat 72.360 Einwohner.

1880

Das neue Lehrerseminar in der Regierungsstraße 42 a wird seiner Bestimmung übergeben.

1880

Der Schlachthof am Steinplatz (heute Gebäude der Stadtreinigung) wird in Betrieb genommen. Von nun an dürfen allein unter einwandfreien Verhältnissen, wie sie die einzelnen Fleischereien bis dahin nicht gewährleistet haben, Schlachtungen vorgenommen werden.

1882

(20. April) Einweihung des neuen städtischen Krankenhauses in der Nordhäuser Straße 74; am 24. April 1882 wird der Krankenhausbetrieb aufgenommen. Gleichzeitig wird das bisherige evangelische Krankenhaus am Lindenweg aufgehoben.

1882

(1. Mai) Umwandlung der Direktion der Thüringischen Eisenbahngesellschaft in die Königliche Eisenbahndirektion Erfurt im Zuge der Verstaatlichung der Bahnen der Gesellschaft.

1882

(2. Juni) Festliche Einweihung des neuen Rathauses mit Festsaal. Die Gemälde des Festsaales hat der Düsseldorfer Historienmaler Professor Peter Janssen in den Jahren 1878 bis 1882 gefertigt. Anlässlich dieses Ereignisses finden zahlreiche Veranstaltungen statt, wie eine Stadtrundfahrt mit dem Oberbürgermeister Richard Breslau und ein Fackelzug aller Erfurter Schulen und Vereine.

1882

Nach der Gewerbezählung steht Erfurt unter den deutschen Städten mit der Erwerbsgärtnerei an erster, der Schuhfabrikation an fünfter und der Konfektion an achter Stelle.

1883

(13. Mai) Die Erfurter Pferde-Straßenbahn, erbaut von der Berliner Firma Marcks & Balke, nimmt den Verkehr auf. Die Linie 1 verkehrt von Ilversgehofen über den Anger zur Flora (Fahrzeit etwa 23 Minuten). Die Linie 2 fährt von der Post am Anger zum Schützenhaus (Fahrzeit etwa 13 Minuten). Die Streckenlänge der Linie 1 beträgt 5 km, die der Linie 2 beträgt 2,4 km.

1883

Das innerstädtische Fernsprechnetz wird geschaffen. An das überörtliche mitteldeutsche Fernsprechnetz wird die Stadt durch Leitungen nach Leipzig und Halle (1893), nach Eisenach (1894) und nach Nordhausen (1898) angeschlossen.

1883

Bau der Johanneskirche in Hochheim. 1922/23 Reparatur des Bauwerkes. 1977 Renovierung und 1991 bauliche Sanierung der Kirche.

1884

(4. September) Die neue Synagoge am Kartäuserring wird eingeweiht. In der berüchtigten „Kristallnacht“ von 1938 wird sie von den Nationalsozialisten in Brand gesteckt und völlig vernichtet.

1885

Fertigstellung der kaiserlichen Oberpostdirektion Anger/Ecke Schlösserstraße. Der Postanbau auf dem Anger erfolgt in den Jahren 1894/95.

1886

(27. Juni) Eröffnung einer Gemäldegalerie im ehemaligen kurmainzischen Pack- und Waagehof am Anger (heute Angermuseum).

1886

(5. Oktober) Gründung des „Evangelischen Bundes zur Wahrung deutsch-protestantischer Interessen“ in „Steiniger’s Hotel“ (Predigerstraße 10). Von Erfurter Seite sind an der Gründung führend Oberregierungsrat von Tettau, der Senior Rudolphi, Pfarrer an der Predigerkirche, und der spätere Senior Richard Bärwinkel (1840 bis 1911), Pfarrer an der Reglerkirche, beteiligt. 50 Jahre später tagt der Evangelische Bund wieder in Erfurt (8. bis 12. September 1936). Dabei wird ein „Erfurter Wort“ an die deutschen Protestanten verkündet, worin sich der Bund gegen die "Deutschen Christen" und die Entchristlichung des deutschen Lebens wendet.

1886

Das Eisenwarengeschäft Walter im Erdgeschoss des Hauses „Zum Breiten Herd“ (Gildehaus) am Fischmarkt lockt mit der Ankündigung, eine elektrische Beleuchtungssensation vorzuzeigen, zahlreiche Schaulustige an. Nach dem Einschrauben der Sicherung entflammt eine kräftige Lichtbogenlampe. Ihr bläulicher Schein erscheint Anwesenden als Teufelsspuk, sie verlassen eiligst den Laden.

1886

Eröffnung der Eisenbahnstrecke Erfurt – Sangerhausen.

1886

Die am Eingang zur Marktstraße stehende „Rolandsäule“ wird aufgrund der modernen Verkehrsverhältnisse an ihren jetzigen Standort versetzt.

1886

Zur Erzeugung von elektrischem Strom zur Beleuchtung des Rathauses wird in der Rathausgasse 2 ein Gasmotor zum Antrieb einer elektrischen Kraftmaschine aufgestellt.

1887

Die „Hohe Batterie“, ein ehemaliges Vorwerk der Stadtbefestigung, wird eingeebnet. Es entstehen auf diesem Gelände kleine Anlagen und ein Sportplatz für den Erfurter Fußballverein. Im Jahre 1908 wird die gesamte Anlage zum heutigen Stadtpark umgestaltet.

1888

Otto Schwade gründet die „Deutsche Automat-Dampfpumpen-Fabrik“ am Grenzweg 2. Das Werk entwickelt sich sehr rasch zum führenden Produzenten von Dampfpumpen, Kreiselpumpen und Kurbelpumpen in Deutschland.

1888

(12. April) Von dem Drucker Wilhelm Wellendorf und seinem Sohn wird in der Kleinen Schottengasse die erste „Privat- und Stadtbrief-Beförderung“ gegründet. Sie verfügt über 36 Briefkästen, welche sechsmal täglich geleert werden. Mit der Übernahme des Postverkehrs durch die Reichspost stellt die „Privat- und Stadtbrief-Beförderung“ am 31. März 1900 ihre Tätigkeit ein.

1888

Die erste Frauenbadeanstalt wird am Bergstrom eröffnet. Später wird sie als Familienbad unter der Bezeichnung „Dreienbrunnen-Bad“ nach dem Dreibrunnenfeld verlegt.

1889 bis 1896

Ausschmückung des Treppenhauses des Rathauses durch den Historienmaler Eduard Kaempffer (1859 bis 1926) mit Gemälden nach thüringischen Sagen.

1889

Die „Thüringer Tribüne“, das Organ der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, wird gegründet.

1889

(31. Oktober) Das Lutherdenkmal auf dem Anger, entstanden nach Entwürfen des Berliner Künstlers Fritz Schaper, wird feierlich eingeweiht.

1889

Vollendung des Neubaus der Neuerbeschule.

1890 bis 1895

1890 bis 1895

Gustav Schneider (1847 bis 1913) Oberbürgermeister der Stadt Erfurt.

1890

(6. September) Der Angerbrunnen, Symbol von Gartenbau und Gewerbefleiß der Stadt, wird enthüllt. Den Entwurf hat der Berliner Bildhauer Heinrich Stöckhardt geschaffen. Künstlerische Ausführung: Erzgießer Howald aus Braunschweig und Steinmetz Lorenz Müller aus Erfurt.

1890 bis 1898

Nach jahrelangen Auseinandersetzungen und Planungen wird der alte Wallgraben zum Flutgraben, der die Hochwassergefahr in der Stadt beseitigen soll, umgebaut. Am 14. Oktober 1898 wird der Flutgraben seiner Bestimmung übergeben. Danach wird der innere Festungsgraben („Wilde Gera“) zugeschüttet und eine Ringstraße (heute Juri-Gagarin-Ring) darauf angelegt.

1891

(15. bis 17. September) Kaiser Wilhelm II. in Erfurt.

1891

(14. bis 21. Oktober) Im „Kaisersaal“ in der Futterstraße findet der Erfurter Parteitag der Sozialdemokratischen Partei statt, auf dem das „Erfurter Programm“ beschlossen wird. Zu den 250 Delegierten zählen August Bebel, Wilhelm Liebknecht und Max Singer.

1892

Bau der Johannesschule in der Yorckstraße 49 (Rosa-Luxemburg-Straße).

1892

Errichtung und Betreibung einer elektrischen „Centralstation“ (Kraftwerk) durch die AEG. Die Elektrizität entwickelt sich zur treibenden Kraft der Industrialisierung in der Stadt.

1893

Bau der Josefskirche in der Bogenstraße.

1893

(1. November) Der neue Hauptbahnhof, nach Entwürfen von E. Keil und O. Erlausen errichtet, wird fertiggestellt und in Betrieb genommen. Die Gleisanlage wird auf den bisherigen Festungswall hochverlegt. Eine Unterführung durch die frühere Wallanlage stellt die Verbindung mit den neuen südlichen Außenbezirken her.

1894

(1. Mai - 30. September) Große Gewerbe- und Industrieausstellung auf der Daberstedter Schanze, dem heutigen Stadtpark.

1894

(1. Juni) Die elektrische Straßenbahn nimmt anstelle der Pferdebahn ihren Betrieb auf. Das Bahnnetz umfasst fünf Linien: Erfurt-Nord (Ilversgehofen) – Steigerstraße (Flora), Streckenlänge 5362 m; Brühlerwall – Leipziger Straße, Streckenlänge 4443 m; Gothaer Straße – Weimarische Straße, Streckenlänge 3666 m; Schützenhaus – Nordhäuser Straße, Streckenlänge 4126 m; Blücherstraße – Kavallerie-Kaserne, Streckenlänge 4650 m. Der Betriebsstrom (Gleichstrom 500 Volt) wird im eigenen Kraftwerk erzeugt.

1894

Eröffnung eines ständigen Theaters, der heutigen "Alten Oper", an Stelle des bisherigen Saisontheaters.

1894

Der Schulneubau „Johannesschule“ in der Talstraße 20 wird fertiggestellt.

1894

(22. Juni) Einweihung der Josefskirche in der Bogenstraße 4.

1894

(27. Dezember) Das erste „Volksbrausebad“ wird in der Talstraße eröffnet.
 

1895 bis 1919

1895 bis 1919

Hermann Schmidt (1851 bis 1921) Oberbürgermeister der Stadt Erfurt.

1895

Der „Sport-Club“ Erfurt wird als erster thüringischer Fußballverein gegründet. Er zählt zu den Gründungsmitgliedern des am 28. Januar 1900 in Leipzig von 86 deutschen Fußballvereinen gegründeten Deutschen Fußballbundes (DFB).

1896

Der Neubau des Gymnasiums in der Schillerstraße 33 wird fertiggestellt.

1896

(14. Juni) In Erfurt findet der 1. Thüringische Archivtag statt. Er wird von Archivaren der Stadtarchive in Erfurt und Nordhausen und der Staatsarchive Weimar, Rudolstadt, Meiningen, Sondershausen und Gotha besucht. Weitere Thüringische Archivtage finden in Erfurt in den Jahren 1904, 1922, 1933 und 1995 statt.

1896

(23. bis 25. November) Reichsweiter Kongress der nichtkonservativen Christlich-Sozialen im Erfurter Kaisersaal unter Leitung des Pfarrers Friedrich Naumann. Dabei wird am 24. November der National-Soziale Verein gegründet. Vorsitzender wird Friedrich Naumann.

1897

(2. und 3. August) 2. Thüringer Turnfest in Erfurt. Veranstalter ist der im Jahre 1866 gegründete „Erfurter Männer-Turnverein“.

1897

Bildung eines Ortskartells der freien Gewerkschaften. Es umfasst im Jahre 1912 36 Einzelgewerkschaften mit 10.663 Mitgliedern.

1897

(3. Oktober) Die städtische Volksbibliothek mit einer Lesehalle wird in der Michaelisstraße 14 eröffnet.

1898

Gründung der Fabrik für Eisenhoch- und Brückenbau Ernst Pfeffer in Erfurt-Gispersleben.

1898

(31. Oktober) Eröffnung der staatlich-städtischen Handwerker- und Kunstgewerbeschule auf Initiative der Stadt Erfurt und der preußischen Staatsregierung. Eröffnung des Lehrbetriebes in der 1894/96 erbauten Schule in der Talstraße 20 a.

1899

(3. August) Die neue Espach-Badeanstalt wird eröffnet.

1900

(25. August) Das Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I. wird in Anwesenheit Kaiser Wilhelms II. und der Kaiserin eingeweiht. Der bisherige „Reichart-Platz“ wird nun in „Kaiserplatz“ umbenannt (heute Karl-Marx-Platz).

1900

(26. April) Gründungsversammlung der Handwerkskammer; 33 Handwerksmeister nehmen an der Veranstaltung teil.