Willy Brandt (1913-1992) gehört zu den bedeutendsten und populärsten Politikerpersönlichkeiten der neueren deutschen Geschichte. Neben vielem anderen verbindet sich sein Name insbesondere mit der 1969 eingeleiteten "inneren Demokratisierung" der Bundesrepublik sowie der Entspannungspolitik gegenüber dem "Ostblock" einschließlich der DDR. So wurde Brandt unter seltener Fokussierung auf eine Persönlichkeit im Westen wie im Osten charismatischer Hoffnungsträger und gehasstes Feindbild zugleich. Der Erfurter Gipfel 1970 sollte dies in beeindruckender Form demonstrieren.
Bevor Willy Brandt jedoch vom Bundestag am 20. Oktober 1969 zum ersten sozialdemokratischen Kanzler der Bundesrepublik gewählt wurde, hatte er bereits eine bewegte Vita hinter sich. Am 18. Dezember 1913 in Lübeck als Herbert Frahm geboren, trat er 1930 der SPD bei, wechselte aber schon 1931 zur abgesplitterten Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP). Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 musste er nach Norwegen, 1940 nach Schweden emigrieren, wo er den Namen Willy Brandt annahm und als Journalist arbeitete.
1947 endgültig nach Deutschland zurückgekehrt, startete Brandt eine Politikerkarriere in der SPD, die ihn zum Regierenden Bürgermeister von Westberlin (1957-66) und Außenminister der Großen Koalition (1966-69) werden ließ. 1969 rückte er schließlich zum Regierungschef der Bundesrepublik auf, der sich durch seine "Ostpolitik" internationale Anerkennung verschaffte.
1974 folgte durch die Affäre um den DDR-Spion Günther Guillaume das abrupte Ende der Kanzlerschaft Brandts, die innenpolitisch nicht alle hochfliegenden Hoffnungen hatte erfüllen können. Als die große Integrationsfigur der SPD blieb er jedoch bis 1987 Parteivorsitzender.
1976 wurde der Friedensnobelpreisträger (1971) Vorsitzender der Sozialistischen Internationale. Friedliche Revolution und Wiedervereinigung 1989/90 erlebte Willy Brandt als spätes Geschenk und verlieh ihnen die vielzitierten Worte: "Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört." Er verstarb am 8. Oktober 1992 in Unkel am Rhein.