Kirchen in Erfurt: Heilig-Geist-Kirche, Erfurt-Kerspleben

Evangelische Heilig-Geist-Kirche im Evangelischen Kirchspiel Kerspleben mit den Kirchgemeinden Kerspleben, Kleinmölsen, Ollendorf, Töttleben

Hinter Gräbern auf dem Friedhof steht die hell angestrichen Kirche. Hohe Fenster prägen die Fassade, das mit Ziegeln gedeckte Dach hat drei Gauben. Dahinter ist der mit Zinnen besetzte Turm und die Kirchturmspitze zu erkennen.
Kirche auf dem Ortsteilfriedhof Kerspleben Foto: © Stadtverwaltung Erfurt
Arndt Bräutigam
Pfarrer
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Kirchplatz 1
99098 Erfurt-Kerspleben
Deutschland

Kirchplatz 1, 99098 Erfurt-Kerspleben

Barocke Saalkirche

Schwarz-Weiß-Aufnahme einer Dorfkirche
Foto: Heilig-Geist-Kirche, Erfurt-Kerspleben, um 1930 Foto: © Stadtverwaltung Erfurt / Stadtarchiv

Aus der Ferne prägt der Kirchturm mit seinem überaus schlanken, weithin sichtbaren Spitzhelm die unverwechselbare Silhouette des Ortes Kerspleben und ist damit gleichsam eines seiner Wahrzeichen.

Die Kirche von Kerspleben ist eine barocke Saalkirche, die zwischen 1719 und 1721 entstand. Ihre Vorgängerin war eine vermutlich im 14. Jh. an neuer Stelle erbaute Kirche St. Peter und Paul; der ursprüngliche Standort einer gleichnamigen Kirche oder Kapelle lag entfernt im südlichen Teil des Ortes. Dieses Patrozinium könnte auf den früh belegten Einfluss des Erfurter Petersklosters in Kerspleben zurückgehen.

Mit dem Kirchen-Neubau rückte die Gemeinde aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen von ihrem alten Peter- und Pauls-Patrozinium ab. Vielleicht sollte alles neu sein und das aus dem Mittelalter Überkommene ablösen, und so wurde das soeben fertig gestellte, festliche und helle Gotteshaus dem Heiligen Geist geweiht.

Der Kirchturm hingegen war zu diesem Zeitpunkt bereits über 250 Jahre alt, denn sein Baubeginn ist nach der Bautafel an der östlichen Außenwand 1456 datiert. Ob er tatsächlich einst frei neben dem Vorgängerbau stand, wie es die örtliche Überlieferung vermittelt, muss noch baugeschichtlich hinterfragt werden. Durch den oberen Umgang mit dem Zinnenkranz, die bis zu fast 2 m dicken Mauern, die allseitig verteilten Lichtschlitze und den erhöhten Eingang auf der Südseite ist der wehrhafte Charakter des Turmes unverkennbar. Neben der kirchlichen Funktion hatte der Kirchturm noch eine der dörflichen Sicherheit dienende Schutzaufgabe: er diente bei Bedarf der Kontrolle der Handelsstraße (Via regia) und im Kriegsfall der rechtzeitigen Warnung. Und schließlich konnte er bei akuter Gefahr letzte Zuflucht sein. Wertsachen wie die Sakramente und wichtige Dokumente ließen sich hier sicherstellen. Die Obergeschosse waren von außen nur über eine angestellte Leiter durch ein spitzbogiges Portal erreichen.

Das Innere der Kersplebener Kirche wird von dem prachtvollen barocken Kanzelaltar mit der hintergründigen Freskomalerei eines roten Vorhanges und dem großen, üppig verzierten Orgelprospekt dominiert. In seiner Geschlossenheit wird der Kirchenraum im Schrifttum zu den schönsten des Barock im mittleren Thüringen gezählt.

Die Orgel ist ein Werk des bekannten Erfurter Orgelbauers Johann Georg Schröter von 1720/21.

Weitere bemerkenswerte Ausstattungsstücke der Kirche sind der spätgotische Flügelaltar mit 15 aus Lindenholz geschnitzten Figuren (um 1490; der Altar wird dem namentlich unbekannten Meister der Altäre von Burgtonna und Großrudestedt zugeschrieben), ein Taufengel in Doppelfunktion (1. Hälfte 18. Jh.), ein von Antonius Stegmann gestiftetes Lesepult (1700), ein Vortragekreuz (1653), zwei lebensgroße Pfarrerbildnisse (17./18. Jh.), eine steinerne Kreuzigungstafel an der östlichen Turm-Außenwand (um 1420/30) sowie eine Piscina und ein gotischer Wandschrank mit Schablonenmalerei im kreuzgegrateten Turm-Erdgeschoss. Jenes ist über ein spitzbogiges Portal an der Westseite durch eine metallbeschlagene Bohlentür erreichbar, die sich von innen verriegeln lässt.

Zwischen 1969 und 1972 erfolgte eine umfassende Restaurierung der Kirche, 1992 der Orgel, 1996/97 von Dach und Fassade sowie 2003/04 des Turmes.

Quelle: Kirchenkreis Weimar – nach Frank Störzner: Die Kirche von Kerspleben. In: Kerspleben und Töttleben 1104-2004. Beiträge aus 900 Jahren Ortsgeschichte. Kerspleben 2004.