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Studenten im HörsaalHochzeitspaar vor dem Haus 'Zum Sonneborn'Markt auf dem Domplatz


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Tour de Bildung - Verbundvorhaben Bildungsstadt Erfurt - Lernen vor Ort

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Tour de Bildung: Bildungstourist

Tour de Bildung: Bildungstourist

Tour de Bildung

Auf verschiedenen Etappen erkundet Andreas Kubitza mit dem Fahrrad die Erfurter Bildungslandschaft.

Ob im Schachklub oder Zoopark, in der Kunstschule oder dem Schülerlabor – Lernen kann man in Erfurt an vielen Orten. Einige davon sind bekannt, andere gilt es noch zu entdecken. Der Journalist und Radiomacher Andreas Kubitza wird mit Fahrrad und Aufnahmegerät einige dieser Bildungspunkte der Stadt ansteuern. Begleitet wird er von dem Fotografen Boris Hajdukovic.


Audio-Trailer und Videos zur Tour de Bildung
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Erste Etappe: Sonntagsbrunch in der Magdeburger Allee
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Zweite Etappe: Handstandbrücke
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Dritte Etappe: Die Volkshochschule
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Vierte Etappe: Jazz Workshop der Music Art School
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Fünfte Etappe: Die Stadt- und Regionalbibliothek
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Sechste Etappe: Schachclub Turm Erfurt
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Siebte Etappe: Lange Nacht der Museen
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Achte Etappe: Netzwerkkonferenz und Bildungssymposium
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Neunte Etappe: Forscher Ferien
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Zehnte Etappe: Textil. Festival der jungen Literatur in Thüringen.
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Elfte Etappe: Lange Nacht der Wissenschaften.
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Zwölfte Etappe: Stadtteilzentrum Moskauer Platz
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Dreizehnte Etappe: Erinnerungsort Topf & Söhne
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Vierzehnte Etappe: Zentrum für Integration und Migration
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Fünfzehnte Etappe: Die Herbstzeitlosen
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Audio-Trailer und Videos zur Tour de Bildung

Videos: Tour de Bildung

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Audio: Trailer zur Tour de Bildung

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Männerstimme: Tour de Bildung. Eine kleine Reise durch die Bildungsstadt Erfurt.
Männerstimme: Also Jazz ist eine rhythmische Form, die mit ganz viel improvisatorischer Freiheit verbunden ist.
Frauenstimme: Da arbeiten wir schon mit ganz kleinen Kindern und auch mit sehr untalentierten Menschen und zeigen dort, dass wirklich jeder malen kann.
Fahrradklingeln
Männerstimme: Also wir fangen mit dem Café jetzt an und dann geht es so in dieser Richtung weiter so. So stell ich mir das vor.
Frauenstimme: Mit der Bildung wollen wir eine Alternative zu kostspieligen Angeboten schaffen, weil wir eben möchten, dass Bildung keine Frage der Finanzierung ist.
Fahrradkette
Frauenstimme: Aujourd´hui nous faisons beaucoup choses differents. Heute machen wir viele verschiedene Sachen.
Frauenstimme: Audioworkshop und einen Filmworkshop und einen Zeitungsworkshop und einen Siebdruckworkshop, einen DJ-Workshop - also vor allem im Kreativbereich finden die Workshops statt, die die Leute gern machen wollen.
Frauenstimme: Zum Beispiel kochen und Spaß haben. lachen
Männerstimme: Jeden Mittwoch eine neue Etappe auf Radio F.R.E.I. und www.erfurt.de/bildungsstadt.
Fahrradklingeln
Männerstimme: Wir sind mal guter Dinge, dass es gut ankommt.


Erste Etappe: Sonntagsbrunch in der Magdeburger Allee

"Ihr könnt auch was mit essen, wenn ihr kommt. Wir sehen uns dann Sonntag um 18:00 Uhr!" Erste Etappe: Sonntagsbrunch in der Magdeburger Allee. Als Boris und ich die Ladentür zur Stube öffnen, wird bereits gegessen. Um einen großen Tisch, sitzen Susanne und die anderen bei selbstgebackenem Kuchen, vegetarischen Brotaufstrichen, frischem Obst und Gemüse. Mehrere Hunde verschiedenster Größe beschnüffeln uns zur Begrüßung. Wir werden aufgefordert uns zu setzen und zuzugreifen, was wir uns nicht zwei mal sagen lassen. Ich lobe den Vollkornkirschkuchen, der ganz vorzüglich schmeckt. Boris nimmt Einstellungen an seiner Spiegelreflexkamera vor. "Eigentlich ist es ja ein bisschen spät zum brunchen", sagt Susanne, "aber wir können die Stube meist erst ab 18:00 Uhr nutzen."

Susanne Nöller ist Mitte zwanzig, studiert Anglistik und Romanistik und gründete gemeinsam mit Freunden den Verein K.U.H.B.I.K., was ausgeschrieben "Kommunikation, Unabhängigkeit, Hilfe, Bildung, Inklusion und Kunst" bedeutet. Der Name sei ihr sogar selbst eingefallen, wie sie lachend erklärt. Boris schraubt sein Objektiv einem der Hunde entgegen. Bildung und die aktive Gestaltung des persönlichen Umfeldes hat sich der junge Verein zum Ziel gesetzt. "Gerade hier in Erfurt-Nord ist ja viel Platz verschenkt und wir hoffen, Menschen animieren zu können, sich ihre Umgebung so zu schaffen, wie sie sie gerne hätten." Susanne ist da optimistisch. Elf Mitglieder hat K.U.H.B.I.K. zur Zeit. "Studenten, Arbeitslose, Arbeiter und Künstler. Wir hoffen, dass sich das Spektrum in Zukunft noch ein wenig verbreitert." Die Gruppe diskutiert über die Organisation eines Haarkunst-Workshops, der in ein paar Tagen stattfinden soll. "Wir machen erst mal viele kreative Dinge, weil man die sehr einfach im kleinen Rahmen vermitteln kann. Langfristig planen wir aber auch Sprachkurse oder beispielsweise Kfz-Kurse anzubieten. Und das möglichst kostenlos, weil wir möchten, dass Bildung keine Frage der Finanzen ist." Nach zwei Monaten in ihrem eigenen Laden Werkstadt, einem leerstehenden Uhrengeschäft gleich um die Ecke, dient zur Zeit die Stube in der Magdeburger Allee als willkommener Ort für die Vereinstreffen. Die Suche nach eigenen Räumlichkeiten sei aber bereits im Gange.

"Die Werkstadt war eines von vielen Projekten, die von uns hier im Norden gefördert wurden", sagt Karina Halbauer von Ladebalken, die mit am Tisch sitzt. Seit Oktober 2009 ist Ladebalken nun schon aktiv, vor allem um das Image der ungeliebten Nordstadt aufzubessern und jungen Leuten die Möglichkeit zu geben, Stadtentwicklung mitzugestalten. "Hier im Norden ist vieles noch so offen und formbar. Man kann unheimlich viel ausprobieren". Die Stube, ein ehemaliges Ladengeschäft am Ende der Magdeburger Allee, ist seitdem Ausgangspunkt vielfältiger Aktivitäten: Wanderkino, Street-Art-Festival, Radiosendungen, Ausstellungen, Kunst- und Musikveranstaltungen auf ungenutzten Brachen - und natürlich Workshops. Neben K.U.H.B.I.K. trifft sich zur Zeit auch eine Gruppe, die einen Breakdance-Workshop anbietet regelmäßig in der Stube und es läuft eine Seminarreihe zum Thema Projektmanagement, erklärt Karina. "Bis jetzt haben wir schon viel erreicht. Damit es dieses Jahr so weitergeht, brauchen wir allerdings eine neue Förderung. Da sind wir gerade dabei, uns nach Finanzierungsmöglichkeiten umzuschauen."

Andreas Kubitza
 

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Zweite Etappe: Handstandbrücke

Die Kulturetage in der alten Oper, eine private Schule für Tanz, Gesang, Schauspiel, Artistik und Malerei. Bei einer Internetrecherche war mir die Kulturetage vor allem aufgefallen, weil mir der Name bis dahin komplett unbekannt war. Die Homepage wirkt elegant, ja modern, und will nicht recht zu meiner Vorstellung von typischen Bildungseinrichtungen passen. Schnell war die Nummer gewählt und ein Termin vereinbart.

Doch bereits diese erste Etappe hat es in sich, irgendwer muß mir die Luft aus dem Reifen gelassen haben. Mit über einer halben Stunde Verspätung erreiche ich tags darauf den ehemaligen Hintereingang der alten Oper. Boris ist schon da und fotografiert, Inhaber Patrik Pavlik, mit dem ich zum Interview verabredet war, hat keine Zeit mehr für mich, sein Kurs beginnt. Wir machen einen neuen Termin aus und er verweist auf den Artistik-Kurs, den ich mir noch für ein paar Minuten anschauen könne. Im Ballettsaal springt eine Mädchengruppe wild durcheinander und wirft bunte Plastikreifen durch die Luft. Die junge Dozentin Bogdana Koshtelyanchuk aus Kiew beendet die Stunde für heute und erklärt: "Wir beginnen das Training mit Erwärmung, dann tanzen wir, danach machen wir Übungen aus dem Bereich Jonglage, Pantomime und Akrobatik." Kaum habe ich mein Aufnahmegerät ausgepackt, werde ich von den Mädels umringt. Auf die Frage, was sie denn alles lernen, meint die elfjährige Paula: "Die Handstandbrücke ist am schwierigsten. Erst macht man einen Handstand und dann geht man zur Brücke über. Zur Zeit bereiten wir uns auf den Kinderkult im April in der Messehalle vor."

Einen Tag später führt mich Patrik Pavlik durch die Räumlichkeiten: ehemalige Hinterräume des Opernhauses - Schneiderei, Maske, Garderobe. Pavlik stammt aus Bratislava, ist Tänzer, Choreograph und diplomierter Tanzpädagoge und war seit 1994 Mitglied im Ensemble der alten Oper. "Das Haus hat eine 125-jährige Tradition und mir war es wichtig, diese weiterzuführen", sagt er als wir auf dem alten Dachboden stehen, den er zu einem Atelier ausbauen will. Aber das sei alles noch Zukunftsmusik. "Wir haben uns bewußt dagegen entschieden, als Verein zu arbeiten. Manche Entscheidungen gehen dann einfach schneller. Das bedeutet aber auch, dass wir keine öffentlichen Förderungen bekommen und unser Geld selbst verdienen müssen. Reich werden kann man mit Kunst natürlich nicht."

Seit knapp drei Jahren bietet die Kulturetage Kurse für jung und alt aus den verschiedensten künstlerischen Bereichen an. Nicht ohne Stolz verweist Pavlik auf die gute Ausbildung seiner Mitarbeiter: "Fast alle Dozenten haben ein Hochschulstudium und lange Berufserfahrung hinter sich, das ist nicht der Normalfall." Die meisten Kurse seien gut besucht, sogar Wartelisten gäbe es. Andere wiederum liefen nicht so gut. Welche das sind, müsse allerdings ein Betriebsgeheimnis bleiben. "Erfurt ist eben nicht Leipzig oder Berlin, wo es ein reges Studentenleben und eine große Kulturszene gibt. Aber das ist vielleicht auch ein Vorteil, denn in solchen Städten wären wir nur ein Angebot unter vielen."

Andreas Kubitza
 

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Dritte Etappe: Die Volkshochschule

Donnerstag Abend sei ein guter Termin, dann könnten wir uns gleich die Sprachkurse ansehen. Torsten Haß empfängt uns vorher in seinem Büro. Zwanzig Minuten haben wir, dann muss er zu einem Termin. Ich frage ihn, wie man Leiter einer Volkshochschule wird. "Ich bin ausgebildeter Grundschullehrer, habe mich dann zum Diplom-Motologen weiterqualifiziert, habe dann neben dem Beruf Verwaltungsbetriebswirtschaft studiert, dann als Geschäftsführer eines Bildungsvereins in der Erwachsenenbildung gearbeitet und war bis 2007 persönlicher Referent des Oberbürgermeisters." Auf die Frage, was das interessanteste an seinem Job ist, sagt er: "Die Vielfalt, die die Arbeit mit sich bringt. Morgens um acht geht der erste Kurs los, abends um 22 Uhr der letzte.

Am liebsten würde ich überall mit dabei sein, was leider nicht möglich ist. Wir haben fünf verschiedene Fachbereiche - Sprachen, Kreativität, Politik und Gesellschaft, Kunst und Kultur, Schulabschlüsse und Beruf sowie Gesundheit mit über 6500 Kursteilnehmern pro Jahr." Ich frage, ob es möglich sei, in einem Beruf, wie dem seinen, persönliche Akzente zu setzen. "Den Bereich Politik und Gesellschaft gab es vorher nicht, dafür habe ich mich persönlich eingesetzt. Seitdem kommen sogar Stadtratskandidaten, um Kurse über Kommunalpolitik zu besuchen. Auch für die Integrationskurse für Menschen mit Migrationshintergrund, die wir mittlerweile anbieten, habe ich mich stark gemacht."

Wir gehen eine Etage tiefer zu Andreas Dölle, Leiter des Bereiches Sprachen, Kommunikation und Integration. "Ein Integrationskurs geht ein halbes Jahr und umfasst 600 Stunden Deutschunterricht und 45 Stunden Landeskunde mit jeweils zwei Prüfungen am Ende. Landeskundliche Fragen wären zum Beispiel, wann der zweite Weltkrieg endete oder in welchen Abständen der Thüringer Landtag gewählt wird. Von 33 Fragen muss man aber nur 17 richtig beantworten." Insgesamt werden 24 Fremdsprachen angeboten, größtenteils Englisch und Spanisch. "Es gibt aber auch exotischere Kurse Norwegisch, Dänisch oder Arabisch", erklärt Andreas Dölle weiter. Die Motivation der Teilnehmer sei dabei sehr unterschiedlich. "Natürlich steht an erster Stelle das Interesse an der Fremdsprache, es kommen aber auch viele, die nach der Arbeit was für's Gehirn tun, oder einfach andere Menschen kennen lernen wollen."

Eine willkommene Möglichkeit dazu böte der Kurs "Französisch kochen mit Olivia", der vor wenigen Augenblicken begonnen habe. Wir werden von Andreas Dölle aber gleich vorgewarnt: "Ich habe bis jetzt noch nichts zum Probieren bekommen. Die essen alles selber auf." In der Küche im ersten Stock riecht es nach angebratenem Fleisch und Zwiebeln. Olivia Mauny aus Saint Malo in der Bretagne bereitet mit ihren acht KursteilnehmerInnen ein französisches Vier-Gänge-Menü zu. Die Rezepte sind zweisprachig, so kann man nebenbei ein paar nützliche Französischvokabeln für den Urlaub lernen. "Erst besprechen wir das Menü, dann bilden wir verschiedene Gruppen, die für jeweils einen Gang verantwortlich sind und zum Schluss essen wir alle zusammen", sagt Olivia Mauny mit französischem Akzent. "Heute gibt es Feuilletés au fromage, Macédoine de légumes, Hachis parmentier et salade - und als Nachtisch Ile flottante." Teilnehmerin Constanze ist Frankreich-Fan und hatte zuvor bei Olivia schon den Kurs "Französisch für Touristen" besucht. "Ich kenne viele Gerichte schon aus dem Urlaub und hatte großes Interesse, das mal selber zu kochen." Viel Zeit, weitere Fragen zu beantworten hat sie jedoch nicht: "Ich muss mich jetzt erst mal um das Wasserbad kümmern, damit die Crème für den Eischnee eingedickt werden kann."

Andreas Kubitza
 

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Vierte Etappe: Jazz Workshop der Music Art School

Wie schön, dass sich das Angenehme manchmal mit dem Nützlichen verbinden lässt. Jazz mochte ich schon immer gern. Sonntagnachmittag, Boris und ich fahren wieder in die Magdeburger Allee. Diesmal ins Ilvers, einem Lokal, in dem ein Jazz-Workshop stattfinden soll. Wie im Internet zu lesen war, sind dafür eigens ein Gitarrist, ein Saxophonist und ein Hammondorganist angereist. Organisiert wird der Workshop von der Music Art School, deren Übungsräume sich nur ein paar Meter über den Hof befinden. Als wir ankommen, ist der Gastraum bereits gut gefüllt. Ungefähr vierzig TeilnehmerInnen verschiedenen Alters sitzen bei Kaffee und wippen mit den Beinen zum Takt eines funkigen Jazz-Stückes , das die Band auf der kleinen Bühne spielt. Applaus. Schlagzeuger Marcus Horn, der die private Musikschule für Rock, Pop und Jazz seit 2002 betreibt, legt die Drumsticks beiseite und begrüßt die Anwesenden.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde teilt er die Gruppen ein: Gitarre, Saxophon, Zusammenspiel als Band. "Dass der Workshop zustande kam, liegt daran, dass ich meine Bandkollegen, mit denen ich sowieso zur Zeit in Thüringen unterwegs bin, überzeugen konnte, nicht nur das Konzert heute Abend zu spielen, sondern auch als Dozenten für den musikalischen Nachwuchs da zu sein", sagt Marcus Horn als wir uns später zum Interview treffen. Aus ganz Thüringen seien die Nachwuchsmusiker angereist, auch aus Sachsen-Anhalt und Hessen. "Wir haben Bläser, Gitarristen, Bassisten, Schlagzeuger - alles Leute, die auf ihrem Weg noch ganz spezielle Fragen haben und diese hier im Workshop klären wollen." In der Pause treffe ich Friedrich Gabel, der eigentlich Philosophiestudent in Jena ist. "Ich spiele seit zwölf Jahren E-Gitarre, viel Jazz und Blues. Seit vier Wochen spiele ich in einer Band. Gerade dafür braucht man am Anfang den ein oder anderen Tipp von den Profis." Auf die Frage, was er bis jetzt aus dem Gitarrenworkshop mitgenommen habe, antwortet er: "Ich habe gelernt, dass man genau darauf achten muss, welche Töne die anderen Instrumente in der Band spielen. Damit vermeidet man, auf der Gitarre genau das gleiche zu spielen, sondern kann eher darauf aufbauen."

Die Pause ist vorbei. Ich schlage Boris vor, mal bei den Saxophonisten reinzuschauen. Dozent Heiner Schmitz, der schon mit Joe Cocker und Phil Collins zusammengearbeitet hat, ist gerade dabei, eine spezielle Übungsmethode zu vermitteln. Dazu hat er den Schalltrichter seines Instruments mit einem Handtuch verstopft und versucht unter großer Kraftanstrengung einen kläglichen Ton hervorzubringen. Allgemeines Gelächter. "Joggen mit Gewichten nenne ich das", erläutert er, "Gerade bei den tiefen Tönen, die am Anfang sehr schwer zu spielen sind, braucht man eine gute Bauchmuskulatur. Das ist die Voraussetzung für einen geilen, vollen Sound."

Nachdem er das Handtuch wieder entfernt hat, setzt er zu einem kraftvollen Solo an. "Das Wichtigste beim Jazz ist nicht nur das Üben und das Spielen, sondern auch das Hören, dass man fremde Einflüsse in das eigene Spiel aufnimmt und weiterverarbeitet. Ich habe das Gefühl, dass das den Teilnehmern ganz gut gelingt." Heiner Schmitz lobt die Aufgeschlossenheit und Motivation seiner Workshopgruppe. Auch Marcus Horn ist zufrieden - mit dem Workshop, dem abschließenden Konzert aller Beteiligten im Ilvers - und mit Erfurt. "Aufgewachsen bin ich in Jena, aber ich war Erfurt immer verbunden, weil ich während meiner Ausbildung hier gewohnt hab. Nachdem mich meine musikalischen Wege weggeführt hatten, bin ich sehr gerne zurückgekehrt. Dass das Prinzip der Popmusikschulen, das ich aus anderen Städten kannte, hier in Erfurt funktioniert, freut mich natürlich. Ich bin auch froh, dass ich damit etwas für die Kultur und den musikalischen Nachwuchs hier tun kann. Gerade bei den Jazzkonzerten jeden Sonntag im Presseklub sind immer mehr junge Leute im Publikum, die sich für diese Musik begeistern."

Andreas Kubitza       

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Fünfte Etappe: Die Stadt- und Regionalbibliothek

An die Stadt- und Regionalbibliothek am Domplatz kann ich mich nur noch ganz dunkel erinnern. Ich weiß noch, dass ich einmal über siebzig D-Mark bezahlen musste, weil ich einen Stapel CDs nicht rechtzeitig zurückgegeben hatte. Seit fast zehn Jahren war ich nicht mehr dort gewesen. "Das ist eine ganz normale Entwicklung", meint Bibliotheksdirektor Dr. Eberhard Kusber im Gespräch. "In den verschiedenen Lebensphasen richten sich die Interessen neu aus. Während des Studiums ist natürlich die Universitätsbibliothek viel wichtiger. Die Stadtbibliothek kommt häufig dann wieder ins Spiel, wenn es um Familiengründung geht und Informationen zu Kinderpflege oder Erziehungsfragen benötigt werden." Eberhard Kusber studierte Ägyptologie, Religionswissenschaft und Philosophie in Heidelberg und Tübingen, arbeitete dann in der süddeutschen Kleinstadt Oberkirch als Kulturreferent und kam schließlich 2009 nach Erfurt, wie er erzählt. "Das Reizvolle an der Erfurter Stadtbibliothek ist zum einen ihre Geschichte und zum anderen die Vielfalt des Angebotes. Von mittelalterlichen Handschriften über eine reiche DDR-Literatur bis hin zu CDs und DVDs oder aktuellen Bestsellern ist hier alles zu finden. Wir haben insgesamt circa 500.000 Medieneinheiten in unserem Katalog, nur die Hälfte davon ist als Freihandbestand sichtbar." Nicht ohne Stolz verweist er auf die Kinder- und Jugendbibliothek in der Marktstraße, die 2010 nach einer aufwendigen Renovierung wiedereröffnet wurde.

Dort angekommen führt uns Bibliothekarin Sabine Arndt durch das historische Haus. Farbenfrohe Designermöbel, viel Licht und Raum prägen die neue Innenarchitektur. Sogar einen Kickertisch und Sessel mit integrierten Lautsprechern, in denen man Hörbücher oder Musik hören kann gibt es. "Wir legen Wert darauf, dass die Kinder nicht nur zum Ausleihen kommen, sondern sich hier im Haus auch gerne aufhalten", sagt Sabine Arndt. "Wir haben viele Veranstaltungen im Programm. Vormittags kommen Kindergartengruppen oder Schulklassen zu Bibliotheksführungen, Quiz oder Lesungen. Einmal im Jahr veranstalten wir gemeinsam mit der Buchhandlung Peterknecht die Kinderbuchtage. Diesmal hatten wir zehn Autorenlesungen im Programm - vom Fantasy- und Liebesroman bis hin zum Krimi. Die Kinder waren begeistert."

Aber nicht nur Kinder und Jugendliche will die Stadt- und Regionalbibliothek ansprechen. Ein Ort für alle soll es sein, so Dr. Eberhard Kusber. Ob die Bibliothek nicht zunehmend durch das Internet ins Abseits gedrängt wird, frage ich ihn. "Viele Informationen muss man sich im Netz mühsam zusammensuchen und hat dann meist trotzdem noch ein unvollständiges Bild. In der Bibliothek kann man nachfragen und wird bei der Recherche von Fachleuten unterstützt. Das kann das Internet nicht leisten. Deshalb ist gerade die soziale Funktion der Bibliothek ist nicht zu unterschätzen. Meine Vision ist, die Bibliothek als Wohlfühlort und Erlebnisraum zu etablieren. Am Domplatz planen wir im Herbst ein Bibliothekscafé einzurichten, das mit einer ganz eigenen Atmosphäre dazu beitragen soll."   

Andreas Kubitza       

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Sechste Etappe: Schachclub Turm Erfurt

Das Gebäude, ein unscheinbarer Flachbau im Erfurter Osten, teilt sich der Club mit einem Fußballverein. Gleich daneben ist ein Spielfeld, auf dem auch heute trainiert wird. Es ist Freitagabend, Holger Schade, Vereinsvorsitzender des Schachclubs Turm Erfurt, begrüßt uns zu den regelmäßigen Trainingszeiten. Doch scheinbar sind wir wieder mal etwas spät. "Jetzt haben Sie gerade das erste Training verpasst. Gerade noch war hier alles voller Kinder." Dreißig Mitglieder aus allen Altersgruppen hat der Verein, die jüngsten sind sechs Jahre alt, wie Holger Schade weiter ausführt. Ich frage ihn, was die Kinder denn so trainieren, wenn sie da sind. "Es werden beispielsweise bestimmte Stellungen aufgebaut, für die Lösungen gefunden werden müssen. Und es werden die Spielphasen, also Eröffnung, Mittelspiel und Endspiel trainiert." Worauf es denn in den verschiedenen Phasen ankommt, frage ich weiter. "Wenn bei der Eröffnung einzelne Bauern zu weit vorgezogen werden, hat der König meistens keinen Schutz und kann leicht bedroht werden. Besser ist es, möglichst viele Figuren schon in der Eröffnung zu verwenden. Im Mittelspiel ist es wichtig, die Figuren möglichst günstig im Mittelfeld zu positionieren und die Türme auf offene Linien zu bringen. Im Endspiel sollte man unbedingt eine Pattstellung vermeiden. Das passiert wenn der gegnerische König zwar nicht angegriffen wird, er aber gleichzeitig keine Möglichkeit mehr hat einen regelgerechten Zug zu absolvieren."  

Heute Abend ist nicht viel los. Zwei Spieler sind noch da. Einer von ihnen ist der 73-jährige Manfred Hase, der Clubälteste. "Ich habe das Schachspielen gelernt, als ich 1959 in Berlin bei der Armee war. Das war eine willkommene Abwechslung wenn man Bereitschaftsdienst hatte. Bevor ich vor drei Jahren hier zum Verein kam, hatte ich allerdings über dreißig Jahre lang nicht gespielt." Mit routinierten Handbewegungen spielt er eine Zugkombination, die er offenbar auswendig kennt und nippt an seiner Biertulpe. "Bier darf man natürlich bei offiziellen Turnieren nicht trinken, das ist klar", lacht er. Seinem Gegner zuliebe habe er heute mal italienisch eröffnet. "E4, E5 und dann Springer F3. Ein offenes Spiel, das auf Angriff geht."

Ich will die beiden nicht länger stören und gehe wieder rüber zu Holger Schade. Wir sprechen über den Unterschied zwischen Amateuren und Profis. "Das Wichtigste ist regelmäßiges Training, Spielpraxis und Erfahrung. Wenn man drei oder vier Jahre lang im Verein gespielt hat, sollte man eigentlich jeden Amateur problemlos besiegen können. Aber auch Laien sollte man natürlich nicht unterschätzen. Gegen einen Großmeister haben wir als Vereinspieler aber kaum eine Chance. Dafür müsste man täglich trainieren und viele Partien anderer Großmeister nachspielen." Ob sie denn schon den ein oder anderen Titel erringen konnten, frage ich. "Wir spielen sowohl Einzelturniere als auch in verschiedenen Mannschaften in den Bereichen Erwachsene und Schüler. Aus den verschiedenen Altersklassen nehmen regelmäßig Spieler an der Thüringenmeisterschaft teil – sofern sie in den Qualifikationsturnieren auf den vordersten Plätzen sind. Bis jetzt hatten wir mehrere Bezirksmeister und einen Vizelandesmeister." Boris und ich beschließen spontan, eine kleine Partie gegeneinander zu spielen, auf Amateurniveau natürlich. Holger Schade schaut uns über die Schulter. Gott sei Dank kommentiert er nicht, was wir tun.    

Andreas Kubitza       

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Siebte Etappe: Lange Nacht der Museen

Boris und ich sitzen auf dem Wenigemarkt, wir essen Döner und Eis. Wir überlegen, wo wir überall hingehen sollen, um dem Anspruch der Veranstaltung gerecht zu werden – und, um alle drei Ausstellungskategorien abzudecken: ‚Historie und Kunst’, ‚Zeitgenössische Kunst’ und ‚Natur und Technik’. Nach vielfältigem Hin- und Herwenden von Prospekt und Stadtplan stehen unsere drei Stationen des heutigen Abends fest.

Als erstes gehen wir ins "Gewerk" - ein Atelier für moderne Kunst in der Rudolfstraße. Verschiedene Künstler teilen sich hier eine Villa, in einem Viertel, in dem man dies nicht unbedingt vermuten würde. Einer von ihnen ist der gebürtige Iraker Nooraldeen Amen Hama. In seinem Atelier riecht es süßlich nach Räucherstäbchen. Im Hintergrund ein kleines Radio mit orientalischen Gitarrenklängen. Die Wände sind lückenlos mit Bildern behangen. Arabische Kalligraphie, farbintensive Ölgemälde, filigrane Arbeiten auf Fotopapier, bei denen er mittels einer speziellen Kratztechnik verschiedene Farbschichten freilegt. "Ich verwende verschiedene Techniken, arbeite viel mit Ornamenten und kräftigen Farben. Ich versuche die orientalische Tradition mit der europäischen Moderne zu verbinden. Im Irak hatte ich schon viel über das Bauhaus, die Brücke oder Paul Klee gelesen und wollte deshalb unbedingt nach Deutschland." Nooraldeen Amen Hama kam vor zehn Jahren nach Erfurt. Seit zwei Jahren hat er sein Atelier im "Gewerk". "Manchmal arbeite ich die ganze Nacht. Wenn ich eine Idee habe, dann muss ich sofort anfangen und höre nicht mehr auf, bis das Bild am nächsten Morgen fertig ist."

Wir sind auf dem Weg zu einem Luftschutzkeller aus dem zweiten Weltkrieg in der Meister-Eckehart-Straße. Bis jetzt wusste ich nicht, dass es in Erfurt ein derartiges Museum gibt. "Gegenüber Kassel, Dresden oder Berlin hat Erfurt den Nimbus einer wenig zerstörten Stadt. Dennoch gab es in Erfurt, gerade in der Altstadt, erhebliche Treffer mit vielen Opfern. Am schlimmsten hat es das Augustinerkloster getroffen, wo viele Kinder verschüttet wurden", sagt Hardy Eidam, Direktor des Stadtmuseums, und damit auch verantwortlich für den Luftschutzkeller, den wir direkt vor dem Eingang treffen. Durch eine enge Treppe geht es hinunter in einen Raum, der nicht größer ist als ein durchschnittliches Wohnzimmer. Bei Fliegeralarm fanden hier über fünfzig Menschen Platz. Holzbänke, Gasmasken, große Warnaufschriften an den Wänden, historische Dokumente. Aus Lautsprechern dröhnen Sirenen, Bombeneinschläge, schreiende Kleinkinder. Deutlich mitgenommen kommen wir nach einer Viertelstunde wieder an die Oberfläche. Hardy Eidam ist noch da. "Wir bieten Führungen speziell für Schulklassen an. Unser pädagogisches Ziel ist, die Atmosphäre so realistisch wie möglich zu gestalten. Das heißt, es gibt eine Klanginstallation und wir machen auch das Licht aus. Das hinterlässt natürlich einen anderen Eindruck als eine Geschichtsstunde im Klassenraum. Und es passiert schon des Öfteren, dass ein paar von den Mädels rausgehen müssen, weil sie es nicht aushalten."

Als nächstes peilen wir das Elektromuseum in der Schlachthofstraße an. Das ist ziemlich weit außerhalb. Ich nötige Boris, sich von einem Bekannten ein Fahrrad auszuleihen. Das Elektromuseum ist beeindruckend. Ein riesiges Sammelsurium von skurrilen Elektro-Apparaten, Schaltschränken, Rechenmaschinen, Fernsehern, Radios, Telefonen, Röhren, Transistoren, Dioden und Widerständen aller Epochen, Farben, Formen und Größen. Um die Sammlung in Gänze zu erfassen bräuchte man mehrere Tage. Überall schnarrt, rattert, klingelt und brummt es. Boris zieht mich an der Jacke in einen Raum, durch den eine rote Absperrleine verläuft. Dahinter stehen zwei sogenannte Tesla-Transformatoren. Andreas Schmidt, der extra für den heutigen Abend aus dem Wasserkraftwerk Ziegenrück angereist ist, beginnt seine Hochspannungsvorführung. Armlange Lichtblitze zucken um die Kugel am oberen Ende des Transformators und erzeugen ein hochfrequentes Sirren und Knistern. Eine Leuchtstoffröhre, die Andreas Schmidt in die Nähe der Blitze hält, beginnt bläulich zu glimmen. Allgemeines Erstaunen. Das Publikum ist sichtlich beeindruckt. "Die Energieübertragung hört leider nach zwei bis drei Metern auf.", erläutert Andreas Schmidt. "Tesla wollte mit seiner Methode Energie durch die Luft übertragen. Leider funktioniert das Prinzip bei großen Leistungen nicht." Beim Rundgang treffe ich auf eine Gruppe älterer Herren. Wie sich herausstellt gehören sie dem Verein an, der das Museum betreibt. "Wir sind insgesamt über hundert Mitglieder, aktiv beteiligen sich jeden Dienstag ungefähr zwanzig.", sagt Johann Kuhn. "Mit dem Museum wollen wir ein Stück Technikgeschichte bewahren. Und wir wollen unser Wissen weitergeben, zum Beispiel an Schulklassen, mit denen wir arbeiten. Bei vielen Schülern müssen wir allerdings bei den Grundbegriffen der Elektronik ganz von vorn anfangen."  

Andreas Kubitza       

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Achte Etappe: Netzwerkkonferenz und Bildungssymposium

Ein sonniger Freitagvormittag. Auf dem Campus der Fachhochschule finden sich nach und nach die Beteiligten der Netzwerkkonferenz ein, welche von Lernen vor Ort organisiert wurde. Immerhin schon die dritte. "Das Vorhaben Bildungsstadt Erfurt - Lernen vor Ort in dem die Stadtverwaltung Erfurt mit Arbeit und Leben Thüringen und dem Thüringer Institut für Akademische Weiterbildung kooperiert, hat die Erfurter Bildungslandschaft im Fokus", erklärt Dr. Lenore Kahler, die im Team der Stadtverwaltung arbeitet und die Konferenz mitorganisiert hat. "Das Treffen soll dazu dienen, unterschiedliche Akteure in Erfurt, die etwas mit Bildung zu tun haben, miteinander ins Gespräch zu bringen und sie miteinander zu vernetzen. Dieses Mal thematisch vor allem zu Fragen der Bildungsgerechtigkeit." Dazu dienen vor allem die Workshops mit diversen Fragen rund um dieses Thema: "Ein Bildungsleitbild für Erfurt", "Bildungsberatung in Erfurt – Bestand erhoben, was nun?", "Problemlagen im Übergang Schule – Beruf und Fragestellungen an den künftigen Erfurter Bildungsbericht", "Bildungsbeteiligung im Kontext des demographischen Wandels", "Non-formales und informelles Lernen im Kontext von Erwerbsbiographien – Grenzen und Möglichkeiten der Nutzung".

Zur Eröffnung im großen Hörsaal spricht Veronika Schönstein, die aus Freiburg i. Br. angereist ist, über die Erfahrungen ihrer Stadt mit dem Bildungsbericht. In Freiburg gibt es schon einen zweiten, Erfurt wird bald erstmalig einen solchen Bericht veröffentlichen. Darin werden zahlreiche Daten zur Erfurter Bildungslandschaft erfasst und dargestellt. Ursula Schulzeck, verantwortlich für das Bildungsmonitoring bei Lernen vor Ort, präsentiert erste Zwischenergebnisse: statistische Erhebungen aus dem Bereich der allgemeinbildenden Schulen. "Wesentliche Aussagen sind, dass Erfurt einerseits einen relativ hohen Anteil an Gymnasiasten hat, aber andererseits die untere Spanne der Schüler an Regelschulen häufig auf der Strecke bleibt. Da gibt es zwischen den Schulen große Unterschiede. Die soziale Lage des Stadtteils, in dem die Schule liegt, ist dabei nicht immer Ausschlag gebend." Der erste Erfurter Bildungsbericht soll im Frühjahr 2012 erscheinen.

Nach der Mittagspause ist die Stimmung feierlich. Die offizielle Gründung des "Erfurter Netzwerkes Bildungsberatung" steht an. Ein Audiotrailer bringt Erfahrungen von Erfurter Bürgerinnen und Bürger mit Bildungsberatung zu Gehör, einzelne Mitglieder des künftigen Netzwerkes stellen sich vor und die Ziele des Netzwerkes werden beschrieben, dann schreitet man zur Unterschrift. Im Anschluss gibt es Smalltalk, Sekt und Händeschütteln. "Insgesamt haben 35 Einrichtungen, die Bildungsberatung anbieten, das Gründungsdokument unterschrieben. Im Netzwerk wollen wir auf freiwilliger Basis zusammenarbeiten, um das Feld der Bildungsberatung weiter zu professionalisieren und besser nach außen zu vertreten", sagt Dr. Lenore Kahler.

Einen Tag später ist Lernen vor Ort auf dem 9. Thüringer Bildungssymposium vertreten, das vom Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur in der Universität Erfurt veranstaltet wird. Dieses Jahr zum Thema "Gleiche Chancen in der Bildung." Infostände, Fachvorträge und Workshops haben eine enorme Besuchermenge angelockt. Vor dem Audimax am Stand von Lernen vor Ort treffen wir Maren Weißhuhn von Arbeit und Leben Thüringen. "Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit ist eines der wesentlichen Themen des Modellvorhabens Lernen vor Ort. Ganz klar, dass wir uns hier präsentieren." Ein weiteres Thema sind die sogenannten "Klasse(n)kisten", die Dr. Katrin Langer vom Thüringer Institut für Akademische Weiterbildung auf dem Symposium in einem Workshop präsentiert. In den Experimentierkoffern befinden sich anschauliche Materialien für naturwissenschaftliche Versuche, die in Grundschulen eingesetzt werden können. "Zum Beispiel so einfache Dinge wie ein Wasserglas und ein Luftballon. Dazu gibt es ganz konkrete didaktische Anweisungen, wie man damit experimentieren kann. Wir wollen so mathematisch-technisch-naturwissenschaftliche Kompetenzen bei den Schülern fördern – ein Aktionsfeld, mit dem sich das Thüringer Institut für Akademische Weiterbildung im Rahmen des Modellvorhabens Lernen vor Ort beschäftigt."

  

Andreas Kubitza       

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Neunte Etappe: Forscher Ferien

Die Sommerferien sind bald zu Ende, Boris und ich gehen in die Schule – in die Barfüßerschule. Durch das leere Schulhaus hallt von Ferne Kinderlärm und Wasserplätschern. Die Geräusche kommen aus einem Klassenraum im zweiten Stock. Auf einigen Tischen stehen große Wasserbottiche, daneben rote Knetmasse, Plastikbecher, Gummibälle, kleine Würfel aus verschiedenen Materialien und ein Schiffchen aus Metall. "Der Würfel aus Wachs und der aus Buchenholz, die schwimmen und der Metallwürfel geht unter." Marlene ist sieben Jahre alt und geht in die zweite Klasse. Sie nimmt ein paar Würfel und lässt sie ins Wasser plumpsen. Gut, dass Handtücher auf den Tischen liegen. Marlene hat die Würfel vorher gewogen und auch das Schiff. "Das Schiff - das genauso viel wiegt wie der Metallwürfel - das schwimmt", erklärt sie stolz. Marlene und ihre Freunde Florian und Lätitia schauen mit großen Augen dem Schiff und den Würfeln nach, die auf dem Wasser treiben.   

"Heute gehen wir der Frage nach, welche Gegenstände sinken und welche schwimmen. Dazu haben wir eine ganze Reihe von Experimenten mitgebracht", erklärt Karsten Langer vom Modellvorhaben Bildungsstadt Erfurt - Lernen vor Ort. "Ziel dabei ist bei den Kindern Begeisterung für naturwissenschaftliche Fragestellungen zu wecken. Die meisten Themen werden später im Sachkundeunterricht noch mal ausführlich behandelt, so dass man an die Experimente gut anschließen kann." Die Experimente rund um das Thema Wasser regen zum Selbermachen und Weiterdenken an. Warum geht ein Schiff nicht unter? Warum lässt sich ein kleiner Ball leichter unter Wasser drücken als ein großer? Warum schwimmt der Würfel aus Buchenholz, der aus Tropenholz aber nicht? "Ab 66 Gramm gehen alle Würfel unter. Das ist wegen der Schwerigkeit", fasst Marlene ihre Forschungsergebnisse zusammen. "Das Konzept Forscher Ferien und die Klasse(n)kisten mit Experimenten zu verschiedenen naturwissenschaftlichen Themen wurden von der Deutsche Telekom Stiftung mit Partnern entwickelt. Zur Zeit erproben wir, unter welchen Rahmenbedingungen wir das Angebot in Erfurt einsetzen können", sagt Karsten Langer. Neben den Experimenten zum Thema Wasser stehen für die kleinen Forscher Exkursionen zum Thema Nachhaltigkeit sowie Solarenergie auf dem Programm. Aber nicht nur für Marlene, Lätitia, Florian und die anderen Kinder zwischen der zweiten und vierten Klasse sind die Forscher Ferien eine Herausforderung: "Da ich ja keine Wissenschaftlerin bin, hab ich mich anfangs etwas unsicher gefühlt, aber mittlerweile macht es mir sehr viel Spaß", sagt Horterzieherin Marina Stopfel, die die Kinder während der Woche in der Barfüßerschule betreut.

Bereits in den kommenden Herbst- und Sommerferien gehen die Forscher Ferien in die nächste Runde. Mittel- und langfristig sollen weitere Erfurter Schulen von dem Angebot profitieren. "Je mehr Schulen mitmachen, umso mehr Kinder können erreicht werden. Als Betreuer kämen hier auch Studierende der Erfurter Hochschulen sowie ehrenamtlich tätige Senioren, die vorher ein Training über die Volkshochschule absolviert haben, in Frage. Daneben soll der Freizeittreff Petersberg zu einem MINT-Zentrum ausgebaut werden. Hier soll es schwerpunktmäßig Angebote im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik für Kinder geben", erläutert Karsten Langer die Pläne für die Zukunft.

 

Andreas Kubitza       

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Zehnte Etappe: Textil. Festival der jungen Literatur in Thüringen.

"Normalerweise hört man ja aus Erfurt nicht so viel", sagt die junge Frau mit selbstgedrehter Zigarette, die aus Weimar zum Textil-Festival angereist ist, "aber manchmal lohnt es sich ja doch." Wir sitzen auf dem Hinterhof der alten Salinenschule unweit des Ilversgehofener Platzes. In wenigen Minuten beginnt in der umfunktionierten Turnhalle der Team-Thüringen-Slam – ein poetischer Bühnenwettstreit, bei dem das Publikum über den besten Auftritt entscheidet. Mit dabei sind große Namen der Slam-Poetry Szene: Klötgen und Koslovsky, Felix Römer, Xóchil A. Schütz. Das überwiegend studentische Publikum wird nach zwei Runden und unter frenetischem Applaus das Team Allen Earnstyzz zum Sieger küren. Die drei Jungs punkteten mit einer Performance aus Beatboxing und Spoken Word.

Bevor es losgeht, treffe ich Johanna Schuhmacher, Grafikdesignerin und Mit-Initiatorin des Festivals, in der Textilwerkstatt. In einem ehemaligen Klassenraum hängen bunte Stoffe, Nähmaschinen rattern. "Als wir über die Namensgebung für das Festival nachdachten und auf ‚Textil’ kamen, habe ich sofort ein Bild vor Augen gehabt: einen Raum mit Nähmaschinen, an denen gearbeitet wird", erinnert sich Johanna, die gerade an einem Aufnäher arbeitet. "Im übertragenen Sinne werden hier Texte auf Textilien gebracht. Wir haben ein Stempelalphabet anfertigen lassen, und die Festivalbesucher können auf Stofffetzen, Aufnäher oder Beutel ihre Sprüche stempeln. Jemand hat sich letztes Jahr sogar ein ganzes Gedicht auf ein T-Shirt gestempelt." Das Textil-Festival geht dieses Jahr bereits in die zweite Runde, offenbar hat sich das Konzept bewährt. "Die Texte werden in verschiedenen Formen dargeboten, neben der Textilwerkstatt gibt es Hörstationen, man kann sich Clips anschauen und wir haben natürlich das Programm auf der Bühne." Über drei Abende erstrecken sich Performance und Slam Poetry, Kabarett, eine bunte Literatur-Show mit jungen Thüringer AutorInnen, Musik und Tanz.

"Das Textil-Festival ist ein ideales Podium für Leute, die sich ausprobieren und Gleichgesinnte treffen wollen", findet Diana Hellwig, die im Vorfeld des Festivals an einen von sechs Literatur-Workshops teilgenommen hatte. Unter der Anleitung von Performance-Poetin Etta Streicher erarbeitete die Gruppe aus eigenen Texten kurze ‚Mini-Dramen’, die beim Festival zum ersten Mal vor Publikum aufgeführt wurden. "Ich habe in Leipzig Germanistik studiert und kenne dort die Literaturszene ein wenig. Das ist wegen der großen Universität natürlich überhaupt nicht mit Erfurt vergleichbar. Aber Erfurt braucht eine lebendige Kulturszene und viel mehr von solchen Veranstaltungen, sonst wird das hier eine arrivierte Stadt, in der junge Leute nur wenig geistige Bewegungsmöglichkeiten haben. Deshalb hoffe ich natürlich, dass es auch nächstes Jahr ein Textil-Festival geben wird." Das hofft auch Johanna: "Wir haben uns ja jetzt quasi etabliert. Es steckt natürlich auch eine Menge Arbeit drin. Das Festival wird ja vom Kulturrausch e.V. und Radio F.R.E.I. komplett ehrenamtlich organisiert. Im Orga-Team sind wir ungefähr zu zehnt, und es wäre schön, wenn nächstes Jahr noch ein paar Leute mitmachen." Johanna schaltet ihre Nähmaschine aus. "Lass uns mal rübergehen, der Slam fängt an."

Andreas Kubitza       

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Elfte Etappe: Lange Nacht der Wissenschaften.

Diese Etappe hat es in sich und es zahlt sich aus, dass Boris mittlerweile auch ein Fahrrad hat. Gerade noch rechtzeitig treffen wir in der Sporthalle der Universität ein. Eberhard Loosch ist Professor für Sport- und Bewegungswissenschaften. Gemeinsam mit Universitätspräsident und Professor für antike Kultur Kai Brodersen untersuchte er in einem Seminar die Leistungsfähigkeit der Athleten zu Zeiten der antiken olympischen Spiele. Neben den Disziplinen Weitsprung mit Zusatzgewichten, Waffenlauf und Diskuswurf wurde auch die antike Ernährung erprobt. Gerste, Weizen, Linsen, Gemüse, Obst, Meeresfrüchte, Fleisch, Honig, Fischsoße, Nüsse und Wein bildeten die Ernährungsbasis der griechischen Athleten. "Vor allem der Verzicht auf Zucker machte einigen Studierenden zu schaffen. Insgesamt kam die Ernährungsumstellung aber gut an. Einige konnten sogar ihre sportlichen Leistungen verbessern. Um zu wissenschaftlich tragfähigen Ergebnissen zu gelangen, müssten wir die Studie allerdings größer anlegen. Die ersten Resultate sind jedoch recht vielversprechend", erläutert Eberhard Loosch in seinem Vortrag. Dann geht es nach draußen. Das Publikum kann sich auf einer Sandfläche im antiken Diskuswurf erproben. Über fünf Kilo wiegt die flache Metallscheibe, dreißig Meter weit wurde sie damals geworfen. Um die zehn Meter sind die Bestweiten des heutigen Abends. Wir müssen mehrmals in Deckung gehen.

Wir fahren weiter zum Helios Klinikum, dort sind unter anderem die Operationssäle zu besichtigen. Auf dem Gang vor den OPs drängen sich die Besucher. Eine ältere Frau, die offenbar gerade an einer Führung teilgenommen hatte, bei der ein Video von der Einsetzung einer Hüftgelenksprothese gezeigt wurde, sieht ganz blass aus und muss sich setzen. Eine Schwester bringt ihr ein Glas Wasser. "Darauf sind wir natürlich vorbereitet. Meist geht das aber schnell vorbei", sagt Professor Dirk Eßer, ärztlicher Direktor und Chefarzt der HNO-Klinik. An einer Plastikpuppe wird in den OP-Sälen außerdem der Ablauf einer Vollnarkose demonstriert und es können endoskopische Operationen an Schweinelebern nachvollzogen werden. "Wir sind ja neben Stadtverwaltung, Universität und Fachhochschule Mitinitiatoren der Langen Nacht und freuen uns, dass wir über die Jahre eine deutliche Zunahme von Besuchern haben. Diesmal haben wir mit der Teddyklinik und ähnlichen Angeboten auch sehr viel für Kinder im Programm. Den größten Andrang gibt es aber immer in den OP-Sälen, da können wir nur fünfzig Leute pro Stunde reinlassen. Die Pathologie ist auch sehr gefragt", erklärt Dirk Eßer weiter.

Nach zwanzig frostigen Minuten auf dem Fahrrad erreichen wir die Fachhochschule. Wir haben uns eine Demonstration zum Thema Luftströmungen ausgesucht. Es dauert eine Weile, bis wir den Raum 9.E.08 finden. Laboringenieurin Sylvia Willing vom Fachbereich Gebäude- und Energietechnik willigt ein, eine letzte Vorführung zu geben - es ist immerhin kurz nach halb zwölf. Nach ein paar kurzen Erläuterungen nimmt sie das Licht zurück. Es zischt. Unsere Augen sind auf eine Holzkammer mit einer Glasscheibe gerichtet, die den halben Raum einnimmt. Eine sogenannte Raumströmungskammer mit verschiedenen Rohren, Düsen, und Luftauslässen. Im Scheinwerferlicht steigt von unten dichter Nebel auf. Es zischt erneut. Der Nebel kommt jetzt aus einer seitlichen Düse weiter oben und verteilt sich im Raum. "Achtzig Prozent der Zeit befinden wir uns drinnen, deshalb ist die Behaglichkeit in Räumen ein wichtiges Thema. In dieser Kammer können wir sichtbar machen, wie die verschiedenen Luftauslässe arbeiten, und die Studierenden sehen am konkreten Beispiel, welche Vor- und Nachteile es jeweils gibt", erläutert Sylvia Willing die Darbietung. "Das ist für die Ingenieure in der Praxis wichtig, um den verschiedenen Anforderungen an das Raumklima in Räumen, die mechanisch be- und entlüftet werden, gerecht zu werden. Das können zum Beispiel Büros, Sporthallen oder Kinosäle sein."

Andreas Kubitza       

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Zwölfte Etappe: Stadtteilzentrum Moskauer Platz

Wer in Erfurt die Adresse "Moskauer Platz" hört, hat sofort die entsprechenden Bilder im Kopf: Beton, Plattenbauten und im Hintergrund die halbverfallene Ruine des ehemaligen Kultur- und Freizeitzentrums. Die Moskauer Straße ist nicht weit von hier, nur zwei Ecken weiter. Boris und ich verfahren uns trotzdem. Unser Ziel: das Stadtteilzentrum, das vom Verein Mitmenschen e.V. getragen wird. Nach telefonischer Rücksprache finden wir schließlich unseren Weg durch den nasskalten Novembernachmittag. Ein kürzlich sanierter Flachbau in schickem Lila, der sofort aus dem Umgebungsgrau hervorsticht. Drinnen Kinderlärm, Leiterin Anja Kaufmann begrüßt uns freundlich. "Wir haben Angebote für Kinder, für Eltern und Senioren, die direkt auf die jeweiligen Bedürfnisse zugeschnitten sind", erläutert sie während wir uns einem großen Aufenthaltsraum am Ende des Ganges nähern. "Es gibt eine offene Kinderbetreuung am Nachmittag und dreimal in der Woche Seniorennachmittage. Nicht weit von hier ist unser Jugendhaus mit Angeboten für Jugendliche ab 13 Jahren. Meine Aufgabe sind vor allem die Familienbildungsangebote. Das heißt, wir unterstützen die Eltern in Fragen der Entwicklung und Erziehung der Kinder. Ziel dabei ist, dass Eltern und Kinder gemeinsam aktiv werden und neue Modelle des Miteinander kennenlernen. Das geht von thematischen Workshops bis hin zu gemeinsamen Basteln, Kochen und Backen. Auch, dass die Eltern untereinander ins Gespräch kommen, ist uns wichtig."

Wir sind im Aufenthaltsraum angekommen, wo ungefähr zwanzig Kinder malen, schneiden und kleben. Mit dabei auch einige Eltern und Senioren. Aus dem bunten Bastelpapier sollen Laternen werden, denn heute ist Martini. Bei Anbruch der Dunkelheit wollen alle gemeinsam mit ihren Laternen durchs Viertel ziehen, bis zum Jugendhaus, wo schon ein kleines Lagerfeuer und Stockbrot warten. Stefanie Willing sitzt mit ihren beiden Kindern Emily und Elias am Basteltisch und beklebt ein Eulenmotiv mit bunten Glitzersteinen. "Mein Bruder hat seine Laterne schon gestern fertiggehabt," sagt die siebenjährige Emily, als Elias in Richtung Kickertisch aufspringt. "Ich wohne hier gleich um die Ecke in der Moskauer Straße und wir kommen seit zwei Jahren hierher, seitdem die Kinder zur Schule gehen. Ich selbst helfe ab und zu beim Basteln oder spiele mit den Kindern, aber Emily und Elias sind fast jeden Tag hier. Es ist fast wie in einer kleinen Familie. Viele Kinder und Eltern kennen sich schon aus dem Kindergarten, aber man lernt auch viele Eltern neu kennen", sagt Stefanie Willing und klebt das Pergamentpapier mit der Eule an einen Pappring.

Auch Anja Kaufmann bastelt mit. "Unser Angebot hat sich hier im Stadtteil sehr schnell herumgesprochen, wir sind aber prinzipiell offen für das ganze Stadtgebiet. Viele Kinder bzw. Jugendliche kommen über viele Jahre hinweg zu uns - erst in die offene Kinderbetreuung und später gehen sie ins Jugendhaus. Besonders freut mich, dass viele Eltern das Angebot mit annehmen und mit ihren Kindern gemeinsam kommen, anstatt sie einfach hier abzugeben." Mittlerweile ist es draußen dunkel geworden. Anja Kaufmann versammelt die Gruppe auf der Treppe vor dem Eingang. Überall leuchtet es bunt. Sie deutet auf ihre Kollegin, die ihre Laterne an einem langen Stab in die Höhe hält. "Alle folgen dieser Laterne!" Dann geht es los. "Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne..."

10.11.2011, Andreas Kubitza       

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Dreizehnte Etappe: Erinnerungsort Topf & Söhne

Entlang der Weimarischen Straße sieht es aus wie in den Gewerbegebieten vieler deutscher Städte: Tankstellen, Imbissketten und Einkaufszentren zwischen Bahngleisen und Bundesstraße. "Stets gern für Sie beschäftigt, …" steht in großen Lettern und Anführungszeichen an der renovierten Fassade eines älteren Gebäudes, gut zu lesen aus dem Auto oder Zugfenster. Und erst auf den zweiten Blick wird deutlich, dass es sich hier nicht um einen Werbeslogan handelt. Der Satz, einst als Briefschlussformel verwendet, verweist auf die ungeheuerliche Normalität, mit der eine Erfurter Firma sich am Völkermord während des Nationalsozialismus beteiligte: Topf & Söhne. Die Ofenbauer von Auschwitz. Auf eigene Initiative und ohne äußeren Zwang entwickelten Ingenieure hochleistungsfähige Krematoriumsöfen in etlichen Konzentrationslagern und Be- und Entlüftungsanlagen für die Gaskammern von Auschwitz. Techniker installierten und warteten die Anlagen vor Ort, bei laufendem Betrieb. "Die Arbeitsplätze der Ingenieure mit den historischen Zeichenmaschinen, sowie die vielen Dokumente – Zeichnungen, Telefonnotizen, Geschäftskorrespondenz -   aus dem hiesigen Betriebsarchiv und dem Konzentrationslager Auschwitz sind Zeugnisse dafür, wie für den Holocaust gedacht, gerechnet und produziert wurde", sagt Dr. Annegret Schüle, Historikerin und Leiterin des Erinnerungsortes.

Bis zu dessen Eröffnung im Januar 2011 war es allerdings ein weiter Weg. Das Firmengelände des nach dem Mauerfall erst privatisierten und dann insolventen "Erfurter Mälzerei- und Speicherbaus" lag etliche Jahre brach und drohte gänzlich zu verfallen. Die Gläubigerbanken bemühten sich erfolglos um eine Verwertung. Auch fehlte es zunächst am politischen Willen, sich mit der Erfurter NS-Vergangenheit auseinanderzusetzen. Darüber hinaus kam es nach dem Verkauf des Geländes an einen Investor zum Interessenskonflikt mit einer Gruppe von HausbesetzerInnen, die eines der Gebäude als alternatives Kulturzentrum genutzt und sich ebenfalls für die Geschichtsaufarbeitung eingesetzt hatten. Am Ende standen gescheiterte Gespräche zwischen Stadt und HausbesetzerInnen über eine Alternative, die gewaltsame Räumung, der Abriss eines Großteils der teils desolaten Firmengebäude und die Neubebauung mit Einkaufsmärkten. Übrig blieb das ehemalige Verwaltungsgebäude mit einem gestalteten Außenbereich, auf dem Parkplatz der Einkaufsmärkte erinnern Metallstelen an die historischen Dimensionen des Geländes. "Gerade an einem so sensiblen Ort wäre uns natürlich eine friedliche Lösung zwischen Eigentümern und HausbesetzerInnen lieber gewesen. Allerdings war die Sanierung des Verwaltungsgebäudes durch den privaten Investor, der die restlichen Teile des Geländes verwertet, die einzige Chance, den historischen Ort zu retten und damit den Erinnerungsort in dieser Form zu schaffen", erklärt Annegret Schüle.

Boris und ich begleiten eine Gruppe von UnteroffizierInnen bei einem Besuch der Ausstellung. Die Gruppe ist extra aus Storkow angereist, danach geht es weiter ins ehemalige Konzentrationslager Buchenwald. Der Besuch in KZ-Gedenkstätten ist Bestandteil der politischen Bildungsarbeit bei der Bundeswehr. "Die Geschichte der Firma Topf & Söhne kannte ich jedoch bis jetzt nicht. Dass man die Massenvernichtung rein technisch betrachtet hat, Abläufe durch bessere Umluftanlagen und effizientere Öfen versuchte zu optimieren, ist erschreckend", sagt Major Steffen Krausche, Kompaniechef des Führungsunterstützungsbataillons 381 Storkow nach der Führung. In der Ausstellung   wurde angeregt diskutiert. "Unsere Diskussionen drehten sich vor allem um die Frage, wie unterschiedlich man Dinge zu verschiedenen Zeiten bewertet und welche Parallelen man zur heutigen Zeit ziehen kann, vom Bau von Bomben bis hin zur Kinderarbeit."

Eine Aktualisierung der Thematik ist durchaus erwünscht. "Die Ingenieure von Topf & Söhne waren ja keine Bestien, auch keine Soldaten, die sich im Kriegseinsatz an Verbrechen beteiligten, sondern Menschen, die ganz normal zu ihrer Arbeit gegangen sind. Hier im Erinnerungsort können wir zeigen, dass ganz alltägliche Motive, wie Konkurrenzdenken, Streben nach Geld oder beruflicher Anerkennung, dazu geführt haben, sich an den Verbrechen der Nationalsozialisten zu beteiligen.", erklärt Rebekka Schubert, pädagogische Mitarbeiterin am Erinnerungsort. Das Angebot reicht von zweistündigen Führungen bis hin zu mehrtägigen Projekten. "Im Mittelpunkt steht dabei immer das forschende Lernen, wobei sich die TeilnehmerInnen selbst auf Spurensuche in der Ausstellung begeben. Sie befragen dort historische Dokumente, wie Geschäftsunterlagen oder Zeichnungen nach Handlungen, Motiven und Handlungsoptionen."

Seit der Eröffnung zählt der Erinnerungsort 13.000 BesucherInnen, darunter die verschiedensten Berufsgruppen, wie Führungskräfte und Angestellte in Banken, bei Gerichten, bei der Polizei, in der städtischen Verwaltung, Lehrkräfte und PfarrerInnen, aber auch IngenieurInnen. "Das Haus hat sich zu einem wichtigen Gesprächszentrum für Themen entwickelt, die die ethischen Grundlagen unserer Gesellschaft betreffen und damit auch für die Zukunft bedeutend sind", resümiert Annegret Schüle nach einem Jahr.

25.01.2012, Andreas Kubitza 

 

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Vierzehnte Etappe: Zentrum für Integration und Migration

Ein Schulhof im Erfurter Norden. In einem Flachbau neben dem Spielplatz befindet sich das Zentrum für Integration und Migration – kurz ZIM. Es ist Mittwoch gegen 18:00 Uhr, Zeit für die wöchentliche Rechtsberatung für MigrantInnen. Im Flur treffen wir Tajinisa Muschenko, eine Kirgisin, die seit acht Jahren in Erfurt lebt. Eine Nachbarin behauptet, ihre Tochter habe die Scheibe der Haustür beschädigt. Die Rechnung der Hausverwaltung kann und will sie nicht bezahlen. "Ich bin alleinerziehend mit zwei Töchtern. Zurzeit mache ich einen Lehrgang in Buchführung, danach wäre es schön, wenn ich eine Arbeit fände", erzählt sie. "Ich spreche Kirgiesisch, Usbekisch und Russisch, habe aber schon viel vergessen. Mein Deutsch ist mittlerweile am besten, weil ich keine Bekannten hier habe, mit denen ich die anderen Sprachen sprechen kann. Ich lebe gern in Erfurt, bis auf den Streit mit der Nachbarin habe ich keine Probleme hier." Den Tipp mit der Rechtsberatung hat sie von einer Freundin, die hier auch schon Hilfe erfahren hat. "Die Vermieterin behauptet etwas, das nicht stimmt, die Beweislast liegt auf ihrer Seite. Wir können zudem eine Zeugin benennen, die meine Mandantin entlastet. Ich werde eine entsprechende Gegendarstellung schreiben", fasst Rechtsanwalt Stefan Güntzel das Ergebnis der Beratung zusammen. Seit er im Dezember 2007 mit der Beratung begann, steige der Bedarf stetig an. "Die Anfragen unterscheiden sich dabei nicht von denen die ich in meiner Weimarer Kanzlei bearbeite – größtenteils Streitigkeiten mit Ämtern und Behörden sowie mietrechtliche Probleme. Manchmal ist es jedoch sprachlich nicht ganz einfach. Ohne Frau Kluschkova, die ins Russische übersetzt, wäre ich manchmal aufgeschmissen."

Termin bei Beate Tröster, der Leiterin des ZIM. "In Erfurt gibt es etwa 10.000 Migranten, die meisten stammen aus Vietnam und aus der russischen Förderation. Wir sind eine der ersten Anlaufstellen, bieten Vermittlung und Beratung an – etwa bezüglich Sprach- und Integrationskursen, dem Aufenthaltsstatus, bei Behördengängen oder der Anerkennung von Bildungsabschlüssen. Es gibt aber auch eine Reihe von Kulturangeboten, wie beispielsweise einen afrikanischen Trommelworkshop, einen russischen Chor oder verschiedene Sportangebote."     

Am Sonntagnachmittag trifft sich der Vietnamverein. Aerobic und Tanz stehen auf dem Programm. Etwa 40 Frauen treffen sich hier regelmäßig, auch um sich auszutauschen und zu feiern. Zwei Geburtstage sind es heute. Es gibt selbstgebackenen Obstkuchen und vietnamesische Süßigkeiten. In der Küche wird es eng. "Der Verein hat über 400 Mitglieder in Erfurt. Die meisten sind schon seit Ende der 80er Jahre hier. Unser Angebot richtet sich vor allem an Frauen und Kinder. Es gibt zum Beispiel eine Vietnam-Schule damit die Kinder richtig Vietnamesisch lernen. Wir müssen uns in Deutschland gut integrieren, dürfen aber unser eigenes Wissen nicht vergessen", sagt Bui Huu Trung, Vorsitzender des Vietnamvereins Erfurt. Bao Anh und Tuu Yen spielen ein Computerspiel. "Eine ist die Verkäuferin und eine die Kundin. Dann muss man die Kleidung verkaufen", erklären sie und zeigen auf das bunte Display in ihren Händen. Die beiden Mädchen sind acht Jahre alt, im Gegensatz zu ihren Eltern sprechen sie perfektes Deutsch. "Wir gehen in die Riethschule. Unsere Lieblingsfächer sind Deutsch, Kunst und Englisch. Am Wochenende kommen wir oft hier her, weil es zu Hause zu langweilig ist und wir uns hier treffen können."

Das ZIM bietet insgesamt sechs verschiedenen migrantischen Vereinen Raum. Die städtische Einrichtung ist Teil eines Netzwerks aus insgesamt 57 Organisationen, die sich in Erfurt um Integrationsarbeit kümmern, erfahre ich von Beate Tröster. Trotzdem bleibt noch viel zu tun: "Integration ist eine Querschnittsaufgabe, die die gesamte Gesellschaft betrifft – Familie, Kindergarten, Schule, Arbeitsstelle oder Nachbarn sind hier an erster Stelle gefragt. Interkulturelle Kompetenz sollte am besten schon im Kindergarten und in der Schule erworben werden. Auch manche Mitarbeiter in Ämtern und Behörden könnten da noch etwas dazulernen."

16.03.2012, Andreas Kubitza

Fünfzehnte Etappe: Die Herbstzeitlosen

"Ein Gedicht ist ein Gedanke, der verdichtet wird. Ein Gedicht ist ein Geschenk und jeder packt es anders aus. Ein Gedicht begleitet mich manchmal eine sehr lange Zeit." Einmal im Monat treffen sich die Herbstzeitlosen. In der Bibliothek des Kompetenz- und Beratungszentrums für Seniorinnen und Senioren wird Kaffee ausgeschenkt, dazu gibt es Sahnetorte. Evelyn Acker begrüßt die acht Anwesenden, die gekommen sind, um sich gegenseitig ihre neuen Texte vorzustellen. "Die Gruppe gibt es jetzt seit 2007, und wir sind von Anfang an auf großes Interesse gestoßen. Ich selbst war erst als Teilnehmerin dabei, inzwischen kümmere ich mich als Leiterin auch um die Organisation.", erklärt Evelyn Acker. Ihre Inspiration holt sich die 59-Jährige, die die jüngste der Gruppe ist, aus Kunst und Literatur: "Ich bin Autodidaktin, aber gelesen habe ich schon immer viel - Heinrich Heine, Jack London, Eva Strittmatter, Emma Watson, Joan Aiken und viele andere. Da ich male, bin ich irgendwann auf die Idee gekommen, auch selbst zu schreiben."

Nach dem Organisatorischen wird gelesen. Texte über eine Fahrt nach Stuttgart mit kaputtem Navigationssystem, einer Bootsfahrt auf der Elbe und einem zusammengebrochenen Bücherregal werden zu Gehör gebracht. Hier zu lang, da zu unverständlich, dort zu viele Adjektive – die Kritik ist offen und direkt. Harry Urban bekommt den Hinweis, in seinem Text noch mehr Pointen zu setzen. Der 72-jährige Rentner war früher Starkstromelektriker und stammt aus einem kleinen Dorf bei Zeitz. Seine Leidenschaft sind mundartlich verfasste Texte in Lyrik und Prosa. "Ich habe bei der Reichsbahn an der Elektrifizierung der Strecken gearbeitet, war deshalb viel im Freien und kam mit den unterschiedlichsten Leuten aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zusammen. Da habe ich mir viel notiert und zu Geschichten und Gedichten in ostthüringer Mundart verarbeitet. Über meinen Heimatort Diemendorf schreibe ich auch viel. Einige meiner Gedichte wurden sogar schon in der Zeitung abgedruckt. Bei den Herbstzeitlosen bin ich seit vier Jahren dabei und freue mich vor allem über Anregungen und Kritik von den anderen."

Evelyn Acker will vor allem Mut zum Schreiben machen: "Viele sagen: Es gibt so viele Bücher, eigentlich ist alles schon geschrieben. Dann antworte ich mit einem Zitat von Eva Strittmatter: Macht nichts, ob das schon da ist oder nicht, du drückst aus, was du fühlst und denkst, gleich wie gut oder wie schlecht es ist." Besonders gut gelungene Texte werden sogar gedruckt: "Wir geben vierteljährlich unser Heft Die Herbstzeitlosen heraus und bereiten uns zur Zeit auf das Erfurter Federlesen vor, das im September stattfinden wird. Das ist ein Schreibwettbewerb für Seniorinnen und Senioren, der von der Stadtbibliothek und dem Seniorenkompetenzzentrum schon seit 15 Jahren mit großem Erfolg veranstaltet wird." Wer nicht nur im Publikum sitzen will, kann sich den Herbstzeitlosen gerne anschließen: "Wir sind immer auf der Suche nach neuen Mitgliedern für unsere Gruppe. Wer Leidenschaft fürs Schreiben und Lesen mitbringt ist bei uns herzlich willkommen", sagt Evelyn Acker.

27.04.2012, Andreas Kubitza

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