Guten Appetit

23.06.2008 00:00

Liebe Erfurterinnen und Erfurter, alljährlich kommen viele Millionen Touristen in unsere Stadt – besichtigen Sehenswürdigkeiten, besuchen Feiern und Feste und kehren ein in die vielen Restaurants und Kneipen. Diese sind untrennbar mit dem Alltag Reisender verbunden. Die Ausstellung "Zu Gast – 4 000 Jahre Gastgewerbe" im Stadtmuseum widmet sich ihrer Geschichte.

Trinkschalen mit Zechgelagen, das Reisebesteck der Österreichischen Kaiserin Sissi, eine Menschenfressergabel oder auch Bordellmarken – die Geschichte der Gastlichkeit ist so vielfältig wie die heutige Gastronomielandschaft. Was uns heute "urig" erscheint, war früher reinster Luxus und Gaststätten waren weit mehr als Orte des Sattwerdens.

Die Schenken im mittelalterlichen Erfurt waren zumeist Treffpunkte für bessergestellte Einheimische, vor allem aber Anlaufstelle für Durchreisende. Hier konnte man sich von den Strapazen der Reise erholen: Die Pferde wurden versorgt und untergestellt, es gab Braten und Branntwein und am Ende des Abends lockte die Aussicht auf eine ruhige und friedliche Nacht. Die oftmals verlausten und verwanzten Betten nahm man dafür gerne in Kauf.

Dass die damaligen Verhältnisse wenig mit der verklärten Mittelalterromantik zu tun haben, ist aber nur ein Bestandteil der Ausstellung im Stadtmuseum. Gemeinsam mit dem Deutschen Klingenmuseum in Solingen und dem August Kestern Museum Hannover untersucht und zeigt das Erfurter Stadtmuseum die rund 4 000-jährige Geschichte der bezahlten Gastlichkeit. Mit dem Gastgewerbe haben sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der drei ganz unterschiedlich aufgestellten Museen an ein in dieser Komplexität noch nicht dargestelltes Thema gewagt.

Das Ergebnis ist weit mehr als ein Streifzug durch die Geschichte der Gastlichkeit, sondern auch in diverse Abgründe der Menschheit. Denn gastlich ging nicht immer einher mit gemütlich oder auch friedlich. Nutzen Sie die Gelegenheit und tauchen Sie ein in die Geschichte des, wie Museumsdirektor Hardy Eidam zu sagen pflegt "zweitältesten Gewerbes der Welt".

Seien Sie zu Gast bei den Römern, die ihre Trinkgelage für politische Absprachen nutzten, besuchen Sie die verrufenen Winkel- und Kneipschänken, in denen gewürfelt und geprügelt wurde oder lassen Sie sich in das 17. Jahrhundert versetzen, in dem Messer und Gabel wahlweise auch als Pistole nutzbar waren. In diesem Sinne, guten Appetit.

Ihr

Andreas Bausewein