Bühne für den Kaiser

29.09.2008 00:00

Liebe Erfurterinnen und Erfurter, ein Biwak auf dem Petersberg, Soldaten in historischen Uniformen zu Fuß und zu Pferd, Damen in prunkvollen Kostümen – am Wochenende jährte sich der Erfurter Fürstenkongress zum 200. Mal und bot tausenden Gästen ein Spektakel der besonderen Art. Publikum war bei dieser außer­gewöhnlichen Feier ausdrücklich willkommen, die halbe Stadt schien auf den Beinen und manch einer erhaschte sogar einen Blick auf Napoleon.

"Erfurt im höchsten Glanze" versprach das Plakat zum Jubiläums­wochenende des Fürsten­kongresses. Und es hielt, was es versprach: Vier Tage konnte man zumindest erahnen, von welcher Bedeutung das als Fürsten­kongress in die Geschichte eingegangene Treffen Napoleons mit Zar Alexander I. von Russland und den meisten der deutschen Rheinbund­fürsten für die Erfurterinnen und Erfurter war. Denn während sich die politischen Verhandlungen dieses Treffens, das Erfurt vom 27. September bis zum 14. Oktober 1808 in das Zentrum der europäischen Politik rückte, im Verborgenen abspielten, so war das ganze Drumherum um so präsenter. Militärische Messen und Paraden, Bälle, Ausflüge, Jagdgesell­schaften, Feste und hochkarätige Theater­aufführungen der weltberühmten "Comédie-Française" verwandelten Erfurt in eine Bühne.

Bereits am Donnerstag bezog das historische Biwak Stellung auf dem Petersberg. Rund 1 300 Uniformierte aus 16 Ländern bevölkerten die Festung und tauschten die bequemen Betten zu Hause gegen einfache Lager aus Stroh. Während zahlreiche Schaulustige zwischen den Zelten flanierten, köchelten über den Feuern Suppen, boten Marketenderinnen ihre Waren feil und schallte so mancher Kanonenschuss über die Stadt. Ein Höhepunkt des Biwaklebens war der Große Zapfenstreich am Freitagabend. Viele der Gäste kamen direkt aus dem Theater, in dem zuvor "Erfordia – Die Petersbergsinfonie" uraufgeführt wurde.

Besonders festlich gestaltete sich aber der Samstag – Napoleon gab sich die Ehre. Während ich am Donnerstag einen echten Nachfahren Napoleons kennen lernen durfte, war es am Wochenende der US-Amerikaner Marc Schneider, der wohl berühmteste Napoleon-Darsteller, der in der Uniform des Kaisers an den Feier­lichkeiten teilnahm. Statt zu Pferd kam er zwar zu Fuß in die ehemalige Statt­halterei, doch seiner Wirkung tat das keinen Abbruch. Mit Zar Alexander I. (Alexander Valkovitsch) ritt er vom Hirschgarten auf den Petersberg und lud ihn am Abend in den Kaisersaal ein. Zu diesem rauschenden Fest kamen fast 100 Nachfahren damaliger Kongress­teilnehmer aus deutschen und französischen Adelshäusern, Darsteller historischer Persönlichkeiten wie Goethe, Wieland und nicht zu vergessen viele Erfurterinnen und Erfurter – die Herren in Frack oder Uniform und die Damen in festlichen Empire-Kleidern.

Dieses Wochenende war zweifelsohne der Höhepunkt im Kulturjahr der Stadt. Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche und hoffe, dass auch Sie bleibende Erinnerungen an den Erfurter Fürstenkongress 2008 haben.

Ihr

Andreas Bausewein