Volljährig

06.10.2008 00:00

Liebe Erfurterinnen und Erfurter, vergangenen Freitag feierten wir einen 18. Geburtstag: Das Kind "vereintes Deutschland" wurde volljährig. Während viele Erfurterinnen und Erfurter das verlängerte Wochenende für eine Reise nutzten – vielfach in den anderen Teil Deutschlands – lud die Thüringer Landes­regierung zu einem Festakt in das Erfurter Theater ein.

Je älter ein Kind wird, desto wichtiger werden Freunde und Gleichgesinnte. Eltern und Großeltern sind da, aber präsent sind die Gleichaltrigen. Während die erstgenannten die sind, bei denen man sich Rat holt, sind die anderen die, die das Leben ausmachen und ausfüllen. Das ist beim geeinten – volljährigen – Deutschland nicht anders: Schon lange hat es sich von den Wegbereitern und Begleitern der Einheit losgelöst. Zwar sind Gorbatschow, Kohl, Genscher und die vielen anderen politischen Wegbereiter noch immer da, aber sie sind nicht mehr so präsent.

Während meine Generation noch in dem Bewusstsein aufwuchs nicht weg zu können, leben das vereinte Deutschland und die erste Generation dieses geeinten Landes ohne die Grenze in den Köpfen. Für sie ist nicht mehr wichtig, wie dieses Gesamt­deutschland genau entstand. Wichtig ist einzig und allein, dass es existiert. Jeder kann leben, arbeiten und studieren wo er möchte. Ob der Lebens­mittelpunkt nun an der Ostsee oder im Münsterland, in der sächsischen Schweiz oder im Ruhrpott oder aber in Erfurt, der Mitte Deutschlands, liegt, uns stehen alle Türen offen: Gesamt­deutsche Freundschaften und das Denken in gesamt­deutschen Dimensionen sind alltäglich und sie sind das, was dieses "volljährige Kind" ausmacht.

Trotz allem sollten wir die Geburts­helfer nicht aus den Augen verlieren. Und vor allem sollten wir des Öfteren an die denken, die den Samen für das geeinte Deutschland gelegt haben – das Volk. Die Wende war ein großer Glücksfall und bestes Beispiel dafür, dass der Einzelne, der Kleine, in der Lage ist, etwas Großes zu tun und Dinge zu verändern. Dank des ungeheuren Mutes vieler tausend Menschen, die zuerst in Leipzig und dann in allen größeren Städten der ehemaligen DDR auf die Straße gingen und Freiheit forderten, konnte es Freiheit erst geben.

Leider ist vielen diese Gewissheit, etwas ändern zu können und das allgemeine Interesse an Politik, abhanden gekommen. Nicht nur viele junge Menschen sind politik­verdrossen, auch viele ältere Bürgerinnen und Bürger glauben nichts bewegen zu können. Das stimmt mich sehr traurig. Denn der Beweis, dass dies möglich ist, ist gerade mal 18 Jahre alt. Und was sind 18 Jahre auf ein ganzes Leben gerechnet? Nicht viel.

Darum wünsche ich mir, dass Sie alle die Erinnerungen an die Wendejahre Deutschlands wach halten. Erzählen Sie Ihren Kindern und Enkelkindern von Ihrem Leben auf der einen oder auf der anderen Seite der Mauer: Von den negativen genauso wie von den positiven Seiten, von der Stimmung die damals die Menschen erfasste und von der Möglichkeit etwas bewegen zu können.

Ihr

Andreas Bausewein