Der Mensch im Mittelpunkt

09.11.2009 00:00

Liebe Erfurterinnen und Erfurter, am heutigen Mon­tag wie in der gesam­ten Woche stehen Menschen im Mittel­punkt: Am Diens­tag und am Sams­tag werden einige für ihr außer­ordent­liches ehren­amt­liches Engage­ment aus­gezeich­net. Ab heute Nach­mittag werden die ersten Denk­nadeln an ermor­dete jüdische Erfurter­innen und Erfurter erinnern. Und heute Abend feiern wir den Fall der Berliner Mauer.

In den vergangenen Wochen reihten sich die Berichte, Reportagen und Filme über die DDR-Geschichte und die "Wendezeit" aneinander. Am heutigen Tag, dem Tag an dem die Mauer fiel und sich die Grenze zwischen Ost und West öffnete, finden die Feiern ihren Höhepunkt – auch in der Thüringer Landeshauptstadt.

Vielfach sehen wir in den letzten Tagen die politischen Wegbegleiter und -bereiter dieser Zeit. Sie sind zweifelsohne wichtig, doch im Mittelpunkt der Feiern in Erfurt stehen die Menschen, ohne die die Wende nicht gekommen wäre: Menschen wie Sie und mich, die seinerzeit auf die Straße gingen und durch friedliche Massen­demonstrationen in Erfurt wie in der gesamten DDR die eigentlichen Wegbereiter der Vereinigung der beiden deutschen Staaten waren. Darum werden sich heute Abend 15 Akteure des Erfurter Wendeherbstes 1989 in das Goldene Buch der Landeshauptstadt Erfurt eintragen.  

Doch zuvor stellen wir am Nachmittag die ersten "DenkNadeln" des Arbeits­kreises "Erfurter GeDenken 1933 - 1945" auf. Denn heute ist auch der Jahrestag der Erinnerung an die Reichs­pogromnacht 1938. Der Arbeitskreis erforscht seit knapp drei Jahren die Biografien der im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten jüdischen Erfurterinnen und Erfurter und entwickelte mit den "Denk­Nadeln" der Künstlerin Sophie Hollmann eine Form, ihrer unübersehbar zu erinnern. Heute werden die ersten vier DenkNadeln eingeweiht:

Die Nadel in der Straße des Friedens 1 erinnert an das Ehepaar Dr. Hilde und Carl Ludwig Spier. In der Straße des Friedens 13 wird Blondina Schüftan gedacht, sie war die Frau des 1936 verstorbenen Rabbiners und wurde 1942 deportiert. Die dritte DenkNadel in der Puschkinstraße 16 erinnert an den Lehrer Leopold Stein, der in seiner Wohnung jüdische Kinder unterrichtete. Einem Kind ist die vierte Nadel am Domplatz 23 gewidmet: Günther Beer war vier Jahre alt, als er mit seiner Mutter und den Großeltern ins Ghetto Belzyce deportiert wurde, dort verliert sich seine Spur.

Ich bin sehr dankbar, dass der Einladung zur Einweihung der ersten DenkNadeln mehrere Nachfahren gefolgt sind – denn ein Besuch in Deutschland ist für die meisten von ihnen bis heute alles andere als selbstverständlich.

Beide Anlässe sind für uns als Deutsche von historischer Bedeutung. Die Erinnerung an diese eine sehr brutale Zeit und an die andere sehr friedliche Wendezeit wach zu halten, ist unser aller Verantwortung.    

Ihr

Andreas Bausewein