Gedanken zum Jahreswechsel

28.12.2009 00:00

Liebe Erfurterinnen und Erfurter, der Jahres­wech­sel steht ins Haus. Ich möch­te die Gelegen­heit nutzen, Ihnen, Ihren Fami­lien, Freun­den und Bekann­ten privat wie beruf­lich alles erdenk­lich Gute, Gesund­heit, Freude und Erfolg für 2010 zu wün­schen. Ich möchte diesen tradi­tionel­len Neu­jahrs­gruß aber auch dafür nutzen, das vergan­gene Jahr Revue passieren zu lassen…

Das 20. Jahr nach der friedlichen Revolution und der politischen Wende in Deutsch­land war ein in besonderem Maße demokratisches Jahr. In der Landes­hauptstadt Erfurt fanden sechs Wahlen statt. Die Europawahl, die Kommunalwahlen und die Wahlen der Erfurter Ortsteilräte, die Wahl zum fünften Thüringer Landtag und die Wahl des 17. Deutschen Bundestages. In einem Jahr wie diesem, in dem wir an die politische Wende erinnern und daran, dass im Herbst 1989 zehntausende Menschen für Freiheit und freie Wahlen mutig auf die Straße gingen und demonstrierten, hätte ich mir gewünscht, dass mehr Menschen von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Doch die nächsten Wahlen kommen gewiss und ich kann nur an Sie appellieren, dieses Recht in Anspruch zu nehmen.

Einem, der den "Wandel durch Annäherung" vorantrieb und dessen Traum ein gemeinsames, geeintes Deutschland war, haben wir in diesem Jahr ein Denkmal gewidmet: Willy Brandt. Seit dem 20. Mai erstrahlt der Schriftzug "Willy Brandt ans Fenster" auf dem Dach des Erfurter Hofes und erinnert an das erste deutsch-deutsche Gipfeltreffen am 19. März 1970 zwischen Bundeskanzler Willy Brandt und DDR-Ministerpräsident Willi Stoph. Tausende Erfurterinnen und Erfurter riefen Willy Brandt damals ans Fenster, der durch seinen Besuch und eine kleine Geste sprichwörtlich ein Fenster öffnete. Und so wundert es nicht, dass Brandt 1994 in seinen Erinnerungen schrieb: "Der Tag von Erfurt. Gab es einen in meinem Leben, der emotionsgeladener gewesen wäre?" Die Einweihung dieses Denkmals, der Leuchtschrift, des Infoterminals und der Zimmerbeleuchtung, war trotz der Wetter­kapriolen für mich und sicherlich auch für die vielen Gäste der Einweihungsfeier einer der emotionalsten Tage dieses Jahres.

Weniger feierlich dafür aber umso fröhlicher ging die Eröffnung des Hirschgartens am 20. Juni vonstatten, als dieser mit einem großen Volksfest eingeweiht wurde. Ich bin persönlich sehr froh, dass einer der letzten großen Schandflecke der Innen­stadt dieser attraktiven Grünanlage gewichen ist und damit auch dem Willen der Erfurter Bürgerinnen und Bürger Rechnung getragen wurde. 2008 wurde das Areal noch im Rahmen der Entente Florale zum Blühen gebracht – ein unglaublich schönes Projekt, an das ich mich immer wieder gerne erinnere – und heute ist der Hirschgarten Anziehungspunkt für viele Erfurter Familien. Außerdem freut es mich, dass uns mit diesem Park eine Verbindung zwischen Anger und Langer Brücke gelungen ist, welche beide belebt. Und in ein paar Jahren, wenn die Bäume ihre ganze Pracht entfalten, wird der Hirschgarten eine noch größere Aufenthaltsqualität aufweisen.

Von besonderer Bedeutung für die Thüringer Landeshauptstadt war aber auch die Eröffnung der Alten Synagoge am 27. Oktober dieses Jahres. Wie Sie wissen, hat die Landeshauptstadt viele Glanzstücke vorzuweisen, aber es gibt nur einen "Erfurter Schatz". Dieser Schatz ist nach einer Reise um die halbe Welt zu Hause, im Herzen Erfurts, angekommen – in der Alten Synagoge, unserem ältesten und zugleich jüngsten Museum der Stadt. Auf drei Etagen beleuchtet es die jüdische Seite Erfurter Geschichte. Im Erdgeschoss wird der Synagogenbau selbst thematisiert, im Obergeschoss werden mittelalterliche Handschriften präsentiert und im Keller der im jüdischen Viertel gefundene "Erfurter Schatz", ein Schatz, nur deswegen erhalten, weil ein jüdischer Kaufmann seinen wertvollsten Besitz vor dem Pogrom 1349 in Sicherheit bringen wollte. Dieses außergewöhnliche Museum hat sich innerhalb kürzester Zeit zu einem Besuchermagnet weit über die Grenzen unserer Stadt hinaus entwickelt.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
gewiss gäbe es noch viele Dinge anzusprechen. So möchte ich an dieser Stelle nur an die vielen Veranstaltungen des Bauhausjahres erinnern; aber auch an die DomStufen-Festspiele und Carl Orffs "Carmina Burana", die nach 15 Jahren auf die Domstufen zurückkehrte; an das Internationale Folklorefestival Danetzare; an den 50. Geburtstag unseres Thüringer Zooparks Erfurt; an das 15-jährige Bestehen des Seniorenbeirates, an den 20. Geburtstag der Inter­kulturellen Woche und das 10-jährige Bestehen des Netzwerkes für Integration und Migration; an die 123. Deut­schen Meisterschaften im Bahnradsport und die U17 Fußball-Europameisterschaft; aber auch daran, das wir an einem Kulturkonzept für Erfurt arbeiten an dem Sie alle mitwirken können…  

Zu guter letzt möchte ich kurz nach vorn blicken: Das kommende Jahr steht finanziell unter keinem guten Stern. Aufgrund der konjunkturellen Lage hat auch Erfurt ein Haushaltsdefizit zu kompensieren, welches Einschnitte im Bereich sowohl der Freiwilligen Leistungen als auch der Pflichtaufgaben erfordern wird. Gerade jetzt ist es wichtig zusammenzuhalten und diese schwierige Zeit mit Engagement und kreativen Ideen zu meistern. Ich bin mir sicher, dass wir das gemeinsam schaffen werden!

Ich hoffe Sie alle können auf friedliche und fröhliche Feiertage im Kreise Ihrer Lieben zurückblicken. Ich wünsche Ihnen Kraft und Gesundheit, um auch im neuen Jahr den alltäglichen Herausforderungen gewachsen zu sein. Ich wünsche Ihnen einen guten Rutsch in das Jahr 2010 und verabschiede mich bis zum 11. Januar

Ihr

Andreas Bausewein