Tag der deutschen Einheit

27.09.2010 00:00

Liebe Erfurterinnen und Erfurter, letzten Novem­ber jährten sich die fried­liche Revolu­tion der Ost­deut­schen und die Öff­nung der Gren­zen zum 20. Mal. Und in diesem Jahr am 3. Okto­ber feiern wir den 20. Jahres­tag der Deut­schen Ein­heit mit einem Bürger­fest. Auf dem Fisch­markt erwartet Sie von 13 bis 17 Uhr ein buntes Pro­gramm, und meine Büro­tür wird Ihnen genau­so offen stehen, wie die Türen der Stadt­rats­frak­tionen.

Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer, ein knappes Jahr später, am 3. Oktober wurde aus den beiden Deutschen Staaten wieder ein gesamtdeutscher Staat. Für die gesamte Republik wie auch für uns in Erfurt ist das ein Grund zu feiern, aber auch ein Grund inne zu halten, sich zu erinnern, zu resümieren und nach vorn zu blicken.   

Blicken wir zurück: Während die DDR-Führung 1989 den 40. Jahrestag der DDR vorbereitete, wollten viele Menschen ihr Land verlassen und hofften, über Ungarn nach Österreich und damit in die Freiheit zu gelangen. Unter denen, die dieses Risiko auf sich nahmen, waren auch viele Erfurterinnen und Erfurter – bis zum Ende des Jahres 1989 verließen gut 4.000 ihre Heimatstadt. Die, die blieben, organisierten sich vielfach in Bürgerinitiativen wie "Neues Forum", "Demokratischer Aufbruch" und "Demokratie Jetzt" oder traten im Laufe des Jahres demokratischen Parteien bei. Ende Oktober mündeten die Proteste in öffentliche Demonstrationen und Kundge­bungen. Kirchliche Vertreter und die Bürgerbewegung erzwangen die Aufnahme des Dialoges zwischen den Bürgern und dem Rat der Stadt. Im vollbesetzten Stadtverordnetensaal im Rathaus kam es zu kontroversen Diskussionen zwischen den Vertretern der Bürgerbewegung und der damaligen Oberbürgermeisterin, eine zweite Versammlung fand in der Thüringenhalle statt.

Nach Friedensgebeten – unter anderem in der Prediger-, der Michaelis-, der Lorenz-, der Wigberti- und der Kaufmannskirche – forderten Zehntausende Erfurter am 26. Oktober auf dem Domplatz eine sofortige demokratische Erneuerung. Die regelmäßig stattfindenden Donnerstagsdemonstrationen und die Forderungen nach Reformen und Veränderungen des Systems fanden immer größeren Zuspruch. Als am 9. November die Grenzen geöffnet wurden, begann eine Welle der Auswanderung – doch die Demonstrationen fanden weiterhin statt. Eine der größten war die am 19. November, zu der sich mehrere Zehntausend Menschen auf Initiative Erfurter Künstler auf dem Domplatz versammelten. Am 4. Dezember erzwangen die Bürgerinitiativen die Kontrolle über die Bezirkszentrale des MfS in der Andreasstraße. Am folgenden Tag gründete sich das Bürgerkomitee. Während am 10. Dezember Tausende Erfurter einen Bürgerwall entlang der inneren Stadtmauer bildeten, um gegen den drohenden Abriss der historischen Altstadt zu protestieren, trat die Oberbürger­meisterin Rosemarie Seibert zurück. Am 13. Dezember bildet sich der "Runde Tisch" in Erfurt und markiert die weitere Entwicklung der kommenden Monate in Erfurt.

Die politische Wende und die Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 sind meiner Meinung nach der größte Glücksfall in der deutschen Geschichte. Und sie sind das beste Beispiel dafür, dass der Einzelne in der Lage ist, Dinge zu verändern und Großes zu tun. Die Freiheit und Demokratie in der wir heute leben verdanken wir dem Mut vieler tausend Menschen. Was kein Politiker zuvor hatte schaffen können, schaffte das "einfache Volk" – die vielen kleinen Räder in einem großen, mächtigen Getriebe.

In den Jahren nach der Wende waren das politische Interesse und die Wahrnehmung der eigenen demokratischen Rechte vielfach wesentlich stärker ausgeprägt als heute. Ich würde mir wünschen, dass es heute mehr Menschen gäbe, die politisch interessiert sind. Stattdessen tragen viele Bürgerinnen und Bürger den Gedanken in sich, sowieso nichts ändern zu können. Das stimmt mich traurig. Denn der Beweis des Gegenteils ist gerade einmal 20 Jahre alt.

Darum ist es wichtig, die Erinnerung an die Wendejahre Deutschlands wach zu halten. Machen Sie sich und anderen bewusst, dass jeder Einzelne etwas bewegen kann! Und wenn Sie Lust haben, dann feiern Sie mit uns am 3. Oktober.

Ihr
 

Andreas Bausewein