Erinnern

30.01.2012 00:00

Liebe Erfurterinnen und Erfurter,  vergangenen Freitag hatte ich gleich mehrere bewe­gende Begeg­nungen: Die eine mit Alfred Cohn, die andere mit Éva Pusztai. Beide über­lebten den Holo­caust und beide waren am Frei­tag, dem 27. Januar, dem natio­nalen Gedenk­tag an die Opfer des National­sozialis­mus, zu Gast in der Landes­hauptstadt.    

Alfred Cohn wurde am 4. Januar 1932 als jüngster Sohn von Max und Martha Cohn in Erfurt geboren, er hatte zwei ältere Geschwister, Helmut und Rosemarie. Max Cohn, der sich in der SPD und im "Reichsbanner Schwarz Rot Gold" engagierte, entstammte einer jüdisch gläubigen Familie. Die Kinder galten damit als "jüdische Mischlinge ersten Grades". Am 30. Januar 1933 begann im Deutschen Reich die staatlich organisierte Verfolgung von politischen Gegnern und von Menschen­gruppen, die aus der sogenannten Volksgemeinschaft ausgeschlossen werden sollten. Auch die der Familie Cohn:

Die Cohns waren, wie viele andere Erfurter Bürger, von der Ausgrenzung aus dem gesellschaftlichen Leben betroffen. Max Cohn verlor bereits 1933 seine Anstellung, ab 1941 musste er in einem "arisierten" Erfurter Unternehmen Zwangsarbeit leisten. Aus ihrer Wohnung wurden Sie vertrieben und in eines der Erfurter Juden- bzw. Ghettohäuser in der Johannesstraße 98/99 zwangseinquartiert. Den Kindern wurde der Besuch einer Schule untersagt. Max Cohn wurde 1943 in das Konzentrations­lager Auschwitz-Monowitz verschleppt, er starb Anfang April 1945 im KZ Buchenwald. 1944 wurden Helmut und Rosemarie in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Helmut wurde in Auschwitz ermordet, Rosemarie starb im KZ Bergen-Belsen. Alfred, der am 31. Januar 1945 in das Ghetto Theresienstadt verschleppt wurde, überlebten nur deshalb, weil der Weitertransport nach Auschwitz nicht mehr möglich war.

Am Freitag besuchte er mit seiner Frau und Tochter seine alte Heimatstadt Erfurt. Anlass war der Einweihung der siebenten DenkNadel, die in der Johannesstraße 98 aufgestellt wurde und seiner Familie gewidmet ist. Für seine wertvolle Erinnerungs­arbeit, Herr Cohn engagiert sich u. a. in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und stellte einen Dokumentarfilm über die Geschichte seiner Familie her, wurde Alfred Cohn die Ehre zuteil, sich in das Goldene Buch der Stadt Erfurt einzutragen.

Am Abend des 27. Januar traf ich auf Éva Pusztai. Gemeinsam mit anderen Überlebenden des Holocaust war sie im Gedenk- und Erinnerungsort Topf & Söhne zu Gast. Anlässlich des Gedenktages und des einjährigen Bestehens des Erinnerungsortes präsentiert sie dort ihr Buch "Die Seele der Dinge", in dem sie über ihr Leben als ungarische Jüdin und ihre Familie, die im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet wurde, schreibt.  

Der 27. Januar hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig es ist, die Erinnerungen an die menschenverachtenden Verbrechen des Naziregimes aufrecht zu erhalten. Ich bin sehr froh, wiederholt die Möglichkeit gehabt zu haben, mit Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen. Persönliche Begegnungen prägen mehr als jedes Buch oder jede Dokumentation. Weil aber nicht jeder die Möglichkeit hat, mit Überlebenden ins Gespräch zu kommen, sind Erinnerungsorte wie Topf & Söhne oder unsere DenkNadeln von unschätzbarem Wert.

In diesem Sinne – gehen Sie mit offenen Augen durch die Straßen der Landes­hauptstadt und wenn Sie an einer DenkNadel vorbeikommen, halten Sie inne und schauen Sie auf die Geschichte hinter dem Mahnmal.

Ihr
 

Andreas Bausewein