Herausforderung und Verantwortung

30.10.2015 00:01

Liebe Erfurterinnen und Erfurter,

wenn ich mich über die städtischen Medien an Sie wende, tue ich das zumeist zum Ende eines Jahres um Bilanz zu ziehen und um eine Vorausschau auf das kommende Jahr zu geben. In diesem Jahr ist das anders, denn die Umstände sind andere.

Andreas Bausewein
Foto: Andreas Bausewein Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Erfurt Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Erfurt, Deutschland, ganz Europa steht vor einer Herausforderung historischen Ausmaßes. Ich rede davon, dass sehr viele Menschen nach Deutschland und auch nach Erfurt kommen und Asyl begehren. Diese aktuelle Entwicklung, die uns in ihrer Geschwindigkeit und Masse regelrecht zu überrennen scheint, ruft ganz unterschiedliche Reaktionen hervor.

Ganz gleich welchem „Lager“ Sie angehören, ob Sie die Menschen mit offenen Armen empfangen, ob Sie neutral sind oder ob Sie ihnen mit Skepsis begegnen: Es ist wichtig, dass wir – die Verwaltung und die Politiker dieses Landes – Sie alle mit Ihren Fragen, Bedürfnissen, aber auch mit Ihren Ängsten ernst nehmen.

Aber es ist auch unsere moralische Pflicht, den Kindern, Frauen und Männern, die zumeist mit nichts außer den Kleidern, die sie tragen, und bestenfalls einem Mobiltelefon in der Tasche Deutschland erreichen, eine menschenwürdige Unterkunft zu geben und die Möglichkeit, das hiesige Asylverfahren zu durchlaufen und zu prüfen, ob Ihnen Asyl gewährt werden kann.

In Erfurt haben aktuell rund 2.400 Menschen – die meisten von ihnen stammen aus Syrien und Afghanistan – einen Asylantrag gestellt. Die Hälfte hat bereits eine Aufenthaltserlaubnis, knapp 1.000 Menschen sind mitten im Asylverfahren. Täglich verlassen Menschen die Stadt und täglich kommen neue Menschen an.

Sie leben in Wohnungen, in den aktuell 20 bestehenden Gemeinschaftsunterkünften, in drei Notunterkünften und demnächst auch in den ersten Containeranlagen. Die Kinder besuchen Kindergärten und Schulen, die Erwachsenen lernen Deutsch, einige konnten bereits erfolgreich in den Arbeitsmarkt integriert werden.

Gerechnet auf die Einwohnerzahl Erfurts sind 2.400 Menschen nicht viel. Mit allen ausländischen Mitbürgern, ob aus Frankreich, Vietnam, dem Irak, Russland oder den USA, hat die Landeshauptstadt inklusive der Asylbewerber einen Ausländeranteil von gerade einmal 5 Prozent. Dennoch müssen wir nicht nur die Unterbringung und Betreuung der neu Zugereisten im Blick haben, sondern auch die anstehende Integration derer, die dauerhaft in Erfurt leben werden.

Die aktuelle Zuwanderung ist eine der größten Herausforderungen dieses Landes seit dem Zweiten Weltkrieg. Ich möchte die Ursachen an dieser Stelle nicht politisch bewerten, auch die Asyl- und die Einwanderungspolitik Deutschlands nicht. Dass erstere in Teilen hausgemacht sind und letztere bei weitem verbesserungswürdig ist, ist jedem von uns bewusst.

Ich möchte an Sie appellieren, den Menschen, die bei uns Asyl suchen, aufgeschlossen gegenüber zu treten. Zahlreiche Erfurterinnen und Erfurter engagieren sich ehrenamtlich, spenden Kleidung oder Geld. Viele Mitarbeiter der sozialen Träger, der Verwaltung und der Polizei arbeiten täglich über das normale Maß hinaus. Ihnen gilt mein ausdrücklicher Dank!

Wir alle sind vor besondere Herausforderungen gestellt. Der Schlüssel zur Bewältigung dieser Aufgaben besteht aber nicht darin, auf die Straße zu gehen und lautstark nach rechts zu rücken. Vielmehr müssen wir aufeinander zugehen. Wir müssen diejenigen, die bei uns Asyl suchen, mit den hiesigen Normen und Werten vertraut machen, ohne ihnen ihre Heimat und Identität zu nehmen. Das ist ein Prozess. Der erledigt sich nicht von heute auf morgen und er wird auch nicht immer und in allen Teilen gelingen. Ich habe dabei auch vollstes Vertrauen in unseren Rechtsstaat und darauf, dass alle Asylgesuche gewissenhaft geprüft und entschieden werden. In den Fällen, wo ein Asylgesuch rechtskräftig abgelehnt wurde, müssen die Menschen wieder in ihre Heimatländer zurückkehren.

Bei all dem ist es wichtig, auf der einen Seite nicht pauschal über die Zugereisten und auf der anderen Seite auch nicht über Mitbürger, die Sorgen und Ängste äußern, zu urteilen. Nicht jeder kann und muss helfen. Aber ich bitte Sie, der aktuellen Situation gegenüber mindestens neutral, besser noch aufgeschlossen gegenüberzustehen. Geben Sie den Menschen, die in Erfurt Asyl suchen, eine Chance, hier vorerst ein Zuhause zu finden.

Andreas Bausewein

Oberbürgermeister