Christian Brandl. Suspense. Malerei und Grafik

08.10.2014 13:20

Eine Ausstellung des Erfurter Kunstvereins in der Kunsthalle Erfurt in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Erfurt, der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen, der Galerie Kleindienst, Leipzig und der Galerie Leuenroth, Frankfurt am Main, vom 10.10.2014 bis 04.01.2015 in der Kunsthalle Erfurt.

Zustandsbilder der Entfremdung

Gemalte Dame im grauem Kostüm und weißem Hut sowie weißen Handschuhen. In den Händen hält sie eine historische Plattenkamera. Das Sujet bildet eine grüne Landschaft mit Bäumen.
Bild: Christian Brandl: Unterwegs, 2010, Öl, Acryl auf Leinwand, 150 x 110 cm Bild: © Sammlung Wollesky, Leipzig / Foto: Frank Höhle, Berlin

Der Erfurter Kunstverein e. V. widmet sich dem Schaffen des Leipziger Malers und Grafikers erstmals umfassend und zeigt in der Kunsthalle Erfurt 60 Gemälde sowie 40 Handzeichnungen und Druckgrafiken. Die Ausstellung gewährt Einblicke in die Werkentwicklung und Themensetzungen, zugleich werden die erkennbaren Bezüge sowohl zur jungen Leipziger Malerei (Neue Leipziger Schule) als auch gattungsüberschreitend zum Film aufgezeigt.

Auf den ersten Blick erscheint die figurative Malerei Christian Brandls sehr normal, klassisch verortet, geradezu langweilig - kein Grund also zur Aufregung. Bei näherer Betrachtung jedoch wird eine leichte Spannung spürbar, eine untergründige Beunruhigung - vergleichbar Filmstills aus Hitchcock-Klassikern. Obschon gegenständlich, sind die Bilder Brandls „abstrakt“. Mit wenigen Ausnahmen kann man sie weder zeitlich noch lokal verorten. Seine Protagonisten lässt er in Modeklassikern der 1960er Jahre auftreten, die den Dresscode bis heute bestimmen: der Herr im dunklen Einreiher mit Clubkrawatte, die Dame im Kostüm oder Etuikleid – scheinbar „zeitlos“, wie heute noch Bilder von den Kennedys, Cary Grant oder Tippi Hedren wirken. Die (Innen-) Architektur drückt die gleiche gepflegte, gutbürgerliche Verwechselbarkeit aus: Streifentapeten, holzverkleidete oder reinlich verputzte Fassaden, eine etwas angejahrte Haustür oder ein altmodischer Blumenerker. Selbst die Natur, soweit als Garten in des Bürgers Hand, scheint diesem Diktat der  zurechtstutzenden Ordnung unterworfen: Man(n und Frau) hat sich im Griff.

Dann aber sorgen die in den Bildern angelegten Brüche für „suspense“. Die Figuren Brandls lachen nie, sind häufig angespannt, stehen unter innerem Zwang – mindestens dem, Haltung zu bewahren. Meist schauen sie weg, ins Leere, aneinander oder jedenfalls am Betrachter vorbei. Sie sind allein, mehr noch: isoliert, als ob sie die Präsenz des Anderen als Belastung empfänden – immer kurz vor oder nach einem Krach. Eine Ikonografie der Spannung, der Anstrengung, der
Abwendung, der Trennung. Es ist ein hoher Preis, den die Menschen für die Wahrung ihres schönen Scheins zu entrichten haben. Und ein vergeblicher noch dazu: Die Natur entzieht sich der Zähmung. Meer und Gebirge sind per se Metaphern ihrer Urgewalt, aber auch die Wälder sind drohende Baumgebirge, und selbst die Gartenhecken und -büsche wachsen den Besitzern buchstäblich über den Kopf, nur darauf lauernd, bald wieder das Regiment übernehmen und die
menschlichen Zähmungsversuche überwuchern zu können. Wo die Natur zerstört wurde, bleiben die Menschen verstört und deprimiert zurück.

Herr mit verschränkten Armen und grauem Haar, im Hintergrund das Gemälde des Künstlers.
Foto: Christian Brandl Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Leise, aber unerbittlich

Die Sprache der Bilder Christian Brandls ist leise, aber unerbittlich. Mit den Stilmitteln von „stills“ zwingt er den Betrachter, das „davor“ und das „danach“ zu denken und macht die Zeit der Menschen zum eigentlichen Thema. Wir sind dabei, so die Botschaft, unsere Zeit mit Oberflächlichem zu vergeuden. Über dem ganzen materiellen Wohlstand haben wir uns selbst, unsere Mitmenschen und den Einklang mit der Natur verloren. Wir sind nicht mehr im Maß mit unserem Leben. Mit dem Leben. Es sind Zustandsbilder der Entfremdung, die Christian Brandl malt und zeichnet.

Ausstellungsidee:
Axel Breinlinger

Kuratoren:
Axel Breinlinger und Cornelia Nowak

Zur Ausstellung erscheint eine Publikation

Christian Brandl. Suspense, Hg. Cornelia Nowak, Axel Breinlinger, mit Texten von Axel Breinlinger, Ulrich Hachulla, Cornelia Nowak, Paul Kaiser, burgart-presse Jens Henkel Rudolstadt, 2014, 132 S., 106 Abb., ISBN 978-3-910206-93-9, Preis 29 €. Vorzugsausgabe mit beigelegtem Original-Linolschnitt "Nacht" (2014) von Christian Brandl, signiert und nummeriert, Auflage 20 Exemplare, Preis 200 €.

Dank an die Leihgeber

Privatbesitz, Bad Soden/Ts.
Privatbesitz, Berlin
Sammlung Hans Bellstedt, Berlin
Angermuseum Erfurt
Privatbesitz, Erfurt
Privatbesitz, Erkrath
Privatsammlung, Essen
Galerie Leuenroth, Frankfurt am Main
Leihgabe Klaus Schöffling, Frankfurt am Main
Privatsammlung, Krefeld
Christian Brandl, Leipzig
Galerie Kleindienst, Leipzig
Kunsthalle der Sparkasse Leipzig
Privatsammlung, Leipzig
Privatbesitz, Zwickau
Sammlung Wollesky, Leipzig
Sammlung Hildebrand, Leipzig
Sammlung Wollheim
sowie Privatleihgeber, die nicht genannt werden möchten

Dank an die Förderer

Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur
Kulturstiftung des Freistaats Thüringen
Sparkasse Mittelthüringen
und private Förderer

Öffentliche Führungen durch Mitglieder des Erfurter Kunstvereins

jeweils donnerstags 19 Uhr
Kuratorenführungen
Sonntag, 26. Oktober, 16 Uhr, Axel Breinlinger
Sonntag, 23. November, 16 Uhr, Cornelia Nowak
Führung mit Christian Brandl
Sonntag, 7. Dezember, 16 Uhr