Senior Dr. Rein: Ein Wort für ein Leben

01.03.2014 08:43

"Ich habe keine Erinnerung an den Moment, als ich es zum ersten Mal hörte. Ich habe erst viel später davon erfahren. Ich höre immer neu darauf. Ich werde bis zu meinem Lebensende verbunden sein – mit meinem Taufspruch."
Mit diesen Worten leitet der Senior des Evangelischen Kirchenkreises Erfurt, Dr. Matthias Rein, seinen Beitrag innerhalb einer monatlichen Reihe zum kulturellen Jahresthema 2014 ein, in der prominente Personen des öffentlichen Lebens der Landeshauptstadt Erfurt ihre persönliche Sicht und Auffassung zur Sprache und ihre Beziehung zum Wort darlegen.

Mein Taufspruch: Dein Wort ward meine Speise ... (Jer 15,16)

Portrait Dr. Matthias Rein
Foto: Senior Dr. Matthias Rein

Meine Eltern und meine Taufpaten haben dieses Wort für mich ausgesucht.  Sie haben es mir geschenkt. Sie haben es mir mitgegeben auf meinen Lebensweg - ein Wort für ein ganzes Leben. Das Wort für mein Leben. Mein Taufspruch steht im Buch des alttestamentlichen Propheten Jeremia. Es heißt:

Dein Wort ward meine Speise, sooft ich's empfing, und dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost; denn ich bin ja nach deinem Namen genannt, Herr, Gott Zebaoth. (Jer 15,16)

In diesem Wort geht es um das Wort: „Dein Wort, Gott, ist mir Speise, Freude und Trost“, sagt Jeremia. Das Wort von Gott macht den Leib satt, es tröstet und erfreut das Herz. Wohlgemerkt, nicht die Tat, nicht das Ereignis, nicht die fassliche Gegenwart Gottes, sondern sein Wort.

Ein bemerkenswerter, ein lebendiger Brauch in der christlichen Tradition.

Ein Wort für ein Leben. Ein bemerkenswerter, ein lebendiger Brauch in der christlichen Tradition. Worte aus der Heiligen Schrift werden einem Menschen zur Taufe, zur Konfirmation, zur Firmung, zur Eheschließung und auch zum Begräbnis zugeeignet.

Schon die christlichen Wüstenväter und -mütter im 3. Jahrhundert n.Chr. gaben Menschen ein „Wort für das Leben“ auf den Weg. Martin Luther führt in der Vorrede zu einer Sammlung von Begräbnisliedern von 1542 eine Reihe von Bibelsprüchen auf, die er zum Eingravieren auf Grabsteine empfiehlt. Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700-1760) begründet den Brauch, einen biblischen Satz als „Losung“ für jeden Tag auszuwählen (zum ersten Mal verlesen am 3. Mai 1728 in der Abendversammlung der Herrnhuter Gemeinde). Ein solches Wort soll ein persönliches Wort Gottes für die jeweilige Person sein. Es soll ansprechen, es soll orientieren, mit Gott verbinden, trösten und stärken. Ein Wort für ein Leben.

Dieser Brauch, dieser Ausdruck von Frömmigkeit bringt eine bestimmte Menschen- und Weltsicht zum Ausdruck.

Jeder Mensch ist angeredet

Er zeigt, dass jeder Mensch angeredet ist. Jeder Mensch lebt von Worten, die ihm andere Menschen zusprechen, Worte, die er sich nicht selbst sagen kann. Dies gilt im Blick auf das Zusammenleben mit anderen Menschen (Sozialität) und es gilt im Blick auf die transzendentale Dimension menschlicher Existenz. Die Erfahrung lehrt, dass ein solches Angeredet-Sein nicht verschwindet im Laufe von Lebensjahren. Es bleibt als Grunddimension bestehen von der Geburt bis zum Tod.

Der Brauch zeigt weiter, dass Verstehen in Kommunikationsprozessen möglich ist und das Verstehen und Verstandenwerden zu unserer Existenz gehören. Wir wollen und können einander verstehen. Und Gott selbst macht sich verstehbar, indem sein Wort für Menschen in ihrer Erfahrungswelt hörbar wird, verstanden werden kann und will.

Verantwortung tragen

Und es zeigt drittens, dass wir als Menschen Verantwortung tragen. Wir werden angesprochen im Wort und durch die Schöpfung, wir können verstehen. Wir sollen antworten mit unserem Leben. Wir können falsch und richtig handeln. Wir können das Gespräch, aus dem wir und in dem wir leben, aktiv befördern und kreativ mitgestalten. Wir führen als Menschen eine „responsorische Existenz“.

Diese Menschen- und Weltsicht stellt meta-wissenschaftliche Basisannahmen für einen sprachbezogenen wissenschaftlichen Umgang mit der Wirklichkeit im Bereich des jüdisch und christlich geprägten Abendlandes dar. Und es hat existentielle Dimensionen.

Friedrich Hölderlin fasst dies in gedichtete Worte:

Viel hat erfahren der Mensch,
Der Himmlischen viele genannt,
Seit ein Gespräch wir sind
Und hören können voneinander.
(Entwurf zu „Versöhnender, der du nimmergeglaubt ...")

Fragen

Wie viele Worte braucht der Mensch, der aus dem Wort lebt?

Ein Wort für ein ganzes Leben?

Wie heißt Ihr Wort für Ihr Leben?

Dr. Matthias Rein
Senior des Evangelischen Kirchenkreises Erfurt

Dr. Matthias Rein
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