6. Etappe Tour de Bildung: Schachclub Turm Erfurt

11.05.2011 08:00

Das Gebäude, ein unscheinbarer Flachbau im Erfurter Osten, teilt sich der Club mit einem Fußballverein. Gleich daneben ist ein Spielfeld, auf dem auch heute trainiert wird. Es ist Freitagabend, Holger Schade, Vereinsvorsitzender des Schachclubs Turm Erfurt, begrüßt uns zu den regelmäßigen Trainingszeiten.

Textreportage

Das Gebäude, ein unscheinbarer Flachbau im Erfurter Osten, teilt sich der Club mit einem Fußballverein. Gleich daneben ist ein Spielfeld, auf dem auch heute trainiert wird. Es ist Freitagabend, Holger Schade, Vereinsvorsitzender des Schachclubs Turm Erfurt, begrüßt uns zu den regelmäßigen Trainingszeiten. Doch scheinbar sind wir wieder mal etwas spät. "Jetzt haben Sie gerade das erste Training verpasst. Gerade noch war hier alles voller Kinder." Dreißig Mitglieder aus allen Altersgruppen hat der Verein, die jüngsten sind sechs Jahre alt, wie Holger Schade weiter ausführt. Ich frage ihn, was die Kinder denn so trainieren, wenn sie da sind. "Es werden beispielsweise bestimmte Stellungen aufgebaut, für die Lösungen gefunden werden müssen. Und es werden die Spielphasen, also Eröffnung, Mittelspiel und Endspiel trainiert." Worauf es denn in den verschiedenen Phasen ankommt, frage ich weiter. "Wenn bei der Eröffnung einzelne Bauern zu weit vorgezogen werden, hat der König meistens keinen Schutz und kann leicht bedroht werden. Besser ist es, möglichst viele Figuren schon in der Eröffnung zu verwenden. Im Mittelspiel ist es wichtig, die Figuren möglichst günstig im Mittelfeld zu positionieren und die Türme auf offene Linien zu bringen. Im Endspiel sollte man unbedingt eine Pattstellung vermeiden. Das passiert wenn der gegnerische König zwar nicht angegriffen wird, er aber gleichzeitig keine Möglichkeit mehr hat einen regelgerechten Zug zu absolvieren." 

Heute Abend ist nicht viel los. Zwei Spieler sind noch da. Einer von ihnen ist der 73-jährige Manfred Hase, der Clubälteste. "Ich habe das Schachspielen gelernt, als ich 1959 in Berlin bei der Armee war. Das war eine willkommene Abwechslung wenn man Bereitschaftsdienst hatte. Bevor ich vor drei Jahren hier zum Verein kam, hatte ich allerdings über dreißig Jahre lang nicht gespielt." Mit routinierten Handbewegungen spielt er eine Zugkombination, die er offenbar auswendig kennt und nippt an seiner Biertulpe. "Bier darf man natürlich bei offiziellen Turnieren nicht trinken, das ist klar", lacht er. Seinem Gegner zuliebe habe er heute mal italienisch eröffnet. "E4, E5 und dann Springer F3. Ein offenes Spiel, das auf Angriff geht."

Ich will die beiden nicht länger stören und gehe wieder rüber zu Holger Schade. Wir sprechen über den Unterschied zwischen Amateuren und Profis. "Das Wichtigste ist regelmäßiges Training, Spielpraxis und Erfahrung. Wenn man drei oder vier Jahre lang im Verein gespielt hat, sollte man eigentlich jeden Amateur problemlos besiegen können. Aber auch Laien sollte man natürlich nicht unterschätzen. Gegen einen Großmeister haben wir als Vereinsspieler aber kaum eine Chance. Dafür müsste man täglich trainieren und viele Partien anderer Großmeister nachspielen." Ob sie denn schon den ein oder anderen Titel erringen konnten, frage ich. "Wir spielen sowohl Einzelturniere als auch in verschiedenen Mannschaften in den Bereichen Erwachsene und Schüler. Aus den verschiedenen Altersklassen nehmen regelmäßig Spieler an der Thüringenmeisterschaft teil – sofern sie in den Qualifikationsturnieren auf den vordersten Plätzen sind. Bis jetzt hatten wir mehrere Bezirksmeister und einen Vizelandesmeister." Boris und ich beschließen spontan, eine kleine Partie gegeneinander zu spielen, auf Amateurniveau natürlich. Holger Schade schaut uns über die Schulter. Gott sei Dank kommentiert er nicht, was wir tun.