14. Etappe Tour de Bildung: Zentrum für Integration und Migration

16.03.2012 16:01

Ein Schulhof im Erfurter Norden. In einem Flachbau neben dem Spielplatz befindet sich das Zentrum für Integration und Migration – kurz ZIM. Es ist Mittwoch gegen 18:00 Uhr, Zeit für die wöchentliche Rechtsberatung für Migranten/-innen.

Textreportage

Ein Schulhof im Erfurter Norden. In einem Flachbau neben dem Spielplatz befindet sich das Zentrum für Integration und Migration – kurz ZIM. Es ist Mittwoch gegen 18.00 Uhr, Zeit für die wöchentliche Rechtsberatung für Migranten/-innen. Im Flur treffen wir Tajinisa Muschenko, eine Kirgisin, die seit acht Jahren in Erfurt lebt. Eine Nachbarin behauptet, ihre Tochter habe die Scheibe der Haustür beschädigt. Die Rechnung der Hausverwaltung kann und will sie nicht bezahlen. „Ich bin alleinerziehend mit zwei Töchtern. Zur Zeit mache ich einen Lehrgang in Buchführung, danach wäre es schön, wenn ich eine Arbeit fände“, erzählt sie. „Ich spreche Kirgiesisch, Usbekisch und Russisch, habe aber schon viel vergessen. Mein Deutsch ist mittlerweile am besten, weil ich keine Bekannten hier habe, mit denen ich die anderen Sprachen sprechen kann. Ich lebe gern in Erfurt, bis auf den Streit mit der Nachbarin habe ich keine Probleme hier.“ Den Tipp mit der Rechtsberatung hat sie von einer Freundin, die hier auch schon Hilfe erfahren hat. „Die Vermieterin behauptet etwas, das nicht stimmt, die Beweislast liegt auf ihrer Seite. Wir können zudem eine Zeugin benennen, die meine Mandantin entlastet. Ich werde eine entsprechende Gegendarstellung schreiben“, fasst Rechtsanwalt Stefan Güntzel das Ergebnis der Beratung zusammen. Seit er im Dezember 2007 mit der Beratung begann, steige der Bedarf stetig an. „Die Anfragen unterscheiden sich dabei nicht von denen die ich in meiner Weimarer Kanzlei bearbeite – größtenteils Streitigkeiten mit Ämtern und Behörden sowie mietrechtliche Probleme. Manchmal ist es jedoch sprachlich nicht ganz einfach. Ohne Frau Kluschkova, die ins Russische übersetzt, wäre ich manchmal aufgeschmissen.“

Termin bei Beate Tröster, der Leiterin des ZIM. „In Erfurt gibt es etwa 10.000 Migranten, die meisten stammen aus Vietnam und aus der russischen Föderation. Wir sind eine der ersten Anlaufstellen, bieten Vermittlung und Beratung an – etwa bezüglich Sprach- und Integrationskursen, dem Aufenthaltsstatus, bei Behördengängen oder der Anerkennung von Bildungsabschlüssen. Es gibt aber auch eine Reihe von Kulturangeboten, wie beispielsweise einen afrikanischen Trommelworkshop, einen russischen Chor oder verschiedene Sportangebote.“

Am Sonntagnachmittag trifft sich der Vietnamverein. Aerobic und Tanz stehen auf dem Programm. Etwa 40 Frauen treffen sich hier regelmäßig, auch um sich auszutauschen und zu feiern. Zwei Geburtstage sind es heute. Es gibt selbstgebackenen Obstkuchen und vietnamesische Süßigkeiten. In der Küche wird es eng. „Der Verein hat über 400 Mitglieder in Erfurt. Die meisten sind schon seit Ende der 80er Jahre hier. Unser Angebot richtet sich vor allem an Frauen und Kinder. Es gibt zum Beispiel eine Vietnam-Schule damit die Kinder richtig Vietnamesisch lernen. Wir müssen uns in Deutschland gut integrieren, dürfen aber unser eigenes Wissen nicht vergessen“, sagt Bui Huu Trung, Vorsitzender des Vietnamvereins Erfurt. Bao Anh und Tuu Yen spielen ein Computerspiel. „Eine ist die Verkäuferin und eine die Kundin. Dann muss man die Kleidung verkaufen“, erklären sie und zeigen auf das bunte Display in ihren Händen. Die beiden Mädchen sind acht Jahre alt, im Gegensatz zu ihren Eltern sprechen sie perfektes Deutsch. „Wir gehen in die Riethschule. Unsere Lieblingsfächer sind Deutsch, Kunst und Englisch. Am Wochenende kommen wir oft hier her, weil es zu Hause zu langweilig ist und wir uns hier treffen können.“

Das ZIM bietet insgesamt sechs verschiedenen migrantischen Vereinen Raum. Die städtische Einrichtung ist Teil eines Netzwerks aus insgesamt 57 Organisationen, die sich in Erfurt um Integrationsarbeit kümmern, erfahre ich von Beate Tröster. Trotzdem bleibt noch viel zu tun: „Integration ist eine Querschnittsaufgabe, die die gesamte Gesellschaft betrifft – Familie, Kindergarten, Schule, Arbeitsstelle oder Nachbarn sind hier an erster Stelle gefragt. Interkulturelle Kompetenz sollte am besten schon im Kindergarten und in der Schule erworben werden. Auch manche Mitarbeiter in Ämtern und Behörden könnten da noch etwas dazulernen.“

16.03.2009, Andreas Kubitza