The Gasping Society: Ulrike Theusner. Zeichnungen und Druckgrafik

11.11.2016 10:00 – 22.01.2017 18:00

Ulrike Theusner (*1982), mit Atelier in Weimar, aber tätig ebenso in Leipzig, Berlin und New York, ist als Zeichnerin ein Naturtalent und zugleich eine scharfsinnige Beobachterin ihrer Umwelt. Seit Jahren belegen zahlreiche Porträts von Freunden und urbane Szenen ihre Fähigkeit zum spontanen bildnerischen Zugriff auf das von ihr Erlebte. Ihre Handschrift wirkt spielerisch leicht, impulsiv und zeugt vom souveränen Umgang mit den grafischen Mitteln.

Ein androgyner Mensch.
Sam, Gasping Society, 2016, Tusche auf Papier, 70 x 50 cm Bild: © Ulrike Theusner. Courtesy Galerie Rothamel, Erfurt und Frankfurt/Main
22.01.2017 18:00

The Gasping Society: Ulrike Theusner. Zeichnungen und Druckgrafik

Genre Ausstellung
Veranstalter Angermuseum – Kunstmuseum der Landeshauptstadt
Veranstaltungsort Angermuseum, Grafikkabinett, Anger 18, 99084 Erfurt

Ungestüme Phantasie und kulturkritisches Engagement als Künstlerin

Bunte Graphik.
Foto: First Love, Gasping Society, 2016, Kaltnadelradierung, Pastellkreide und Tusche auf Bütten, P 39,3 x 29,7 cm, B 50 x 35 cm Foto: © Ulrike Theusner. Courtesy Galerie Rothamel, Erfurt und Frankfurt/Main

In den immer wieder gesuchten künstlerischen Dialogen mit klassischer wie moderner Literatur (wie T.S. Eliots The Waste Land von 1922) und Kunst (wie William Hogarths A Rake's Progress von 1735) zeigt sich ihre ungestüme Phantasie, aber ebenso ihr kulturkritisches Engagement als Künstlerin. Hogarth ging es in seinen modern moral subjects um die Dar­stellung des durch soziale und ökonomische Pressuren deformierten menschlichen Subjekts, das wiederum andere Menschen deformiert, sprich: um menschliche Abgründe, die durch negative gesellschaftliche Konstellationen induziert und verschärft werden.

Ulrike Theusner imaginiert den Typus des Hogarthschen Wüst­lings zwar in prall-barocker Pracht, sieht in ihm aber offensicht­lich auch einen Zeitgenossen. Das vermeintlich lustige, fröhliche Treiben ihrer Figuren und Figurengruppen offenbart Morbides und Endzeitliches, schließt physiognomische Zuspitzungen und veristische Überzeichnungen ein und kann als indirekte Form von Zeitkritik verstanden werden.

Die Charaktere verkörpern auf jeweils verschiedene Weise den Zeitgeist

In ihrer neuesten, zwischen 2015 und 2016 entstandenen Serie Gasping Society, bestehend aus 96 Tuschezeichnungen und einer Mappe mit 16 kolorierten Kaltnadelradierungen, geht sie direk­ter vor. Ausgangspunkt ist ihr persönliches Erleben in den Groß­städten, vor allem Berlin, mit Freundinnen und Freunden, die sie aus der Mode- und Künstlerszene kennt. Zugleich stehen diese Menschen für bestimmte Charaktere und verkörpern auf jeweils verschiedene Weise den Zeitgeist.

Ulrike Theusner zeichnet bunte Vögel, Sonderlinge oder moderne Romantiker

Sie geben sich partyfest und körperbetont, sind als mo­derne Nomaden global unterwegs und experimentieren mit unterschiedlichen Identitäten - moderne Stutzer, die dem Exhibitionismus der sozialen Netzwerke ebenso frönen wie den Partydrogen. Ulrike Theusner zeichnet sie als bunte Vögel und Sonderlinge, moderne Romantiker, soziale Rollenspieler oder in statusbetonter Statuarik, stets selbstbezogen und beziehungsuntauglich, leidend an grassierender Unverbindlichkeit und deshalb existenziell gefährdet. Die Porträts ihrer neuen Serie sind individuell und verkörpern zugleich soziale Typen - darin den foto­grafischen Porträts nahe, die August Sander in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts schuf und 1929 program­matisch unter dem Titel Antlitz der Zeit veröffentlichte.

In diesem Sinne könnte man in der Serie Gasping Society eine moderne Antwort auf Sanders Opus magnum sehen: Men­schen des 21. Jahrhunderts. Dazu treten Figuren, die sym­bolisch für den aktuellen, neoliberalen Way of life stehen, das allgemeine Fressen und Gefressen-werden auf dem Weg zum Platz an der Sonne oder zu den fünfzehn Minuten Berühmtheit, die Andy Warhol jedem von uns zubilligte.

So spontan entstanden die Zeichnungen von Ulrike Theusner auch wirken, sie offenbaren ihr Gespür für subjektive Befindlichkeiten, ihren Blick für soziale Differenzen und den rasanten Wertewandel in den zwischenmenschlichen Verhältnissen - und ihre Intention, diese Welt, die aus der Balance gekippt scheint, mit einer gleichsam veristischen Intensität zu porträtieren.