Erfurter Stadtschreiber

Der Erfurter Stadtschreiber-Literaturpreis

Frau mit braunen Haaren, brauner Jacke und braunem Tuch. Im Hintergrund - verschwommen - das Rathaus zu Erfurt.
Foto: Katharina Bendixen, Stadtschreiberin 2014 Foto: © Stadtverwaltung Erfurt / J. Ludwig

Die Stadt Erfurt fördert seit 2002 das Projekt "Erfurter Stadtschreiber-Literaturpreis". Die Förderung von Autorinnen und Autoren durch eine Erfurter Stadtschreiberstelle ist eine Art geistiger Visitenkarte der thüringischen Landeshauptstadt. Erfurt als eine der ältesten Buchdruckerstädte Deutschlands soll so mehr in den Mittelpunkt des literarischen Interesses gerückt und als Literaturstandort profiliert werden.

Der Erfurter Stadtschreiber-Literaturpreis wird an Autorinnen und Autoren deutscher Sprache vergeben, die u.a. die Gegenwart poetisch in Gedanken fassen und zur sprachlichen und ästhetischen Auseinandersetzung mit aktuellen Problemen und Auffassungen beitragen. Literarische Gattungen sind nicht vorgegeben.

Mit der Verleihung des symbolischen Amtes des Erfurter Stadtschreibers ist für den Zeitraum vom 1. April bis zum 31. Juli des jeweiligen Jahres ein Preis in Form eines monatlichen Stipendiums sowie die kostenlose Bereitstellung eines Apartments (Stadtschreiberwohnung) in Erfurt verbunden.
Gewünscht ist, dass der Erfurter Stadtschreiber für die Zeit seines Amtes die Stadtschreiberwohnung als Wohnsitz wählt.

Der Erfurter Stadtschreiber-Preis wird durch eine Jury bis zum 30. November des Vorjahres der Preisverleihung vergeben. Die Finanzierung des Erfurter Stadtschreiberpreises erfolgt durch die Stadt Erfurt.

Übersicht der Stadtschreiber

Die Ursprünge

Stadtschreiber sind in Deutschland seit dem 13. Jahrhundert bekannt. Als städtische Beamte leiteten sie, meist juristisch geschult, die städtischen Kanzleien und besorgten den gesamten Schriftverkehr. In Erfurt ist seit 1265 ein beamteter Stadtschreiber nachzuweisen. Bis in die ersten Jahre des 15. Jahrhunderts waren ständig zwei Schreiber beschäftigt. Der Oberstadtschreiber war nicht nur Stadtschreiber, sondern auch Ratgeber und Anwalt des Rates in allen Fragen der Stadtpolitik.

Nach der Übernahme von Stadt und Verwaltung durch Preußen 1802 übernahmen die städtischen Beamten den Schriftverkehr selbst. In dem Maße, wie sich der städtische Rat schriftlicher Aufzeichnungen bediente, erhalten wir durch die Tätigkeit der Schreiber ein getreues Abbild der Schriftsprache jener Zeit. Die Kanzleisprache ist gleichzeitig auch ein Spiegel der Entwicklung der Stadtsprache. Erfurt war Zentrum des Thüringischen und zugleich Drehscheibe der Kanzleischreiber zu anderen deutschen Dialektgebieten.

Die bedeutende Erfurter Universität und das frühzeitig entwickelte Druckereiwesen trugen dazu bei, dass in Erfurt ein Sprachausgleich zwischen oberdeutschen und mitteldeutschen Dialekten stattfand. Insoweit wirkten die Erfurter Stadtschreiber an der Herausbildung einer Literatursprache mit und fanden Eingang in die Sprach- und Literaturgeschichte.

Heute ist der Stadtschreiber in Deutschland zumeist ein Schriftsteller, der auf Einladung der Stadt für eine befristete Zeit als Autor und Literaturvermittler wirkt. Der ehemalige Pressesprecher der Gruppe 47, Franz-Josef Schneider, erfand 1974 das symbolische Amt des Stadtschreibers neu. Im August 1974 berief die Gemeinde Bergen-Enkheim erstmalig einen Schriftsteller zum Stadtschreiber für ihren Ort. Man wollte für Autoren Möglichkeiten schaffen, von materiellem Druck befreit, schreiben zu können. Kein geringerer als Wolfgang Koeppen wurde von einer Jury, bestehend aus Heinrich Böll, Marcel-Reich-Ranicki, Hans-Werner Richter und Bergener Bürgern, in sein Amt berufen.