Gemeinden und Kirchen

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Foto: Bonifatius Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Erfurts Geschichte ist zugleich die Geschichte der Erfurter Kirchen und des Glaubens in der Stadt. Von Anbeginn an spielte die Religiosität, der Glaube und das kirchliche Leben eine entscheidende Rolle.

Das Christentum hatte sich in Thüringen nach der Einbeziehung in das Frankenreich im 6. Jahrhundert ausgebreitet. So verdankt die Stadt Erfurt Bischof Bonifacius ihre erste urkundliche Erwähnung, die aus dem Jahre 742 stammt. In Erfurt waren im Frühmittelalter ausschließlich der Petersberg und der Domhügel mit kirchlichen und amtlichen Gebäuden bebaut. Am Fuße des Petersberges breitete sich eine ländliche Siedlung aus.

Als Erfurt in die Geraniederung hinein- und auf das östliche Geraufer hinüber wuchs, entstanden in diesem nun sehr ausgedehnten Stadtgebiet zahlreiche Pfarrkirchen. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts ist Erfurt eine Stadt der romanischen Kirchen; die Ruinen der Peterskirche sowie Teile des Domes, der Schotten- und der Reglerkirche erinnern an diese Zeit. Ihre wirtschaftliche Blütezeit erlebte die Stadt – dem Anbau und Handel mit Waid geschuldet – zwischen der Mitte des 13. Jahrhunderts bis zum Ende des 15. Jahrhunderts. Erfurt wuchs zu einer mittelalterlichen Großstadt mit etwa 20.000 Einwohnern.

Damals entfaltete sich auch ein umfangreiches Kirchenwesen. Es bestanden drei Stifte und elf Klöster. Fast alle Kirchen wurden im gotischen Stil um- bzw. neu gebaut. Da Erfurt in nicht weniger als 25 Pfarreien eingeteilt war, kam es, mit Ausnahme der Kaufmannskirche, nur zum Bau kleiner Pfarrkirchen. Dafür errichteten die Stifte und die Bettelmönchsorden eindrucksvolle gotische Kirchen. Im 14. Jahrhundert, vor allem aber im 15. Jahrhundert bekamen die Kirchen und die Stadtmauern weithin sichtbare Türme mit großen Helmen. Die Stadt erhielt daher von Martin Luther den Beinamen „Erfordia turrita“, das „türmereiche Erfurt“.

Die Stifte waren bereits gegen Ende des 13. Jahrhunderts mit Schulen verbunden, die hochschulähnlichen Charakter trugen. Zu den Konventen der Bettelmönchsorden gehörten „Generalstudien“, d. h. Ordenshochschulen. Diese akademischen Einrichtungen bildeten die Grundlage der 1392 vom Rat der Stadt gegründeten Universität.

Die wirtschaftliche Entwicklung Erfurts hatte Ende des 15. Jahrhunderts ihren Höhepunkt überschritten. Jahre finanzieller und politischer Schwierigkeiten folgten. Das 16. Jahrhundert war von der Reformation, das 17. Jahrhundert vom Dreißigjährigen Krieg geprägt, die Stadt gliederte man Kurmainz an.


In Erfurt begann die Reformation im Jahre 1520, also zu dem Zeitpunkt, zu dem Luthers Schriften erschienen. Sie wurde gegen den Willen des Landesherren durchgeführt und von fast allen Bevölkerungsschichten getragen. Zunehmend wurde in den Kirchen evangelischer Gottesdienst gehalten und das Abendmahl auch mit Austeilung des Weines an die Gemeinde gefeiert.

Im April 1525 hielt sich ein Bauernheer in der Stadt auf; die Stifte wurden gestürmt. Kurz danach verbot der Rat den katholischen Gottesdienst in allen Kirchen mit Ausnahme der Hospitalkirche. Er setzte neue Pfarrer ein und erklärte den Dom zur evangelischen Hauptkirche. Vor allem durch äußeren politischen Druck kam es 1530 zum Vertrag von Hammelburg, der in der Stadt die Existenz beider Konfessionen zuließ. Die Katholiken erhielten den Dom zurück.

Die Reformation breitete sich aber weiter aus, und Ende des 16. Jahrhunderts waren mehr als 90% der Erfurter evangelisch. Die Einwohner der zu Erfurt gehörenden Dörfer, ausgenommen die so genannten „Küchendörfer“, nahmen den evangelischen Glauben an. Die „Küchendörfer“ dienten der unmittelbaren Versorgung der Mainzischen Institutionen in der Stadt.

Die Konvente der Bettelmönchsorden hatten sich aufgelöst, die Stifte bis auf das Reglerstift und fast alle anderen Klöster blieben erhalten; letztere wurden erst im 19. Jahrhundert vom preußischen Staat säkularisiert. Von 1550 bis 1570 erfolgte die endgültige Neuordnung der evangelischen Kirche in Erfurt. Ihre oberste Behörde, das „Evangelische Ministerium“, unterstand von da ab bis zur preußischen Vereinnahmung dem Rat der Stadt.

An Stelle der 25 Pfarrsprengel schuf man acht große evangelische Gemeinden. Fünf der vorhandenen Pfarrkirchen wurden übernommen. Die drei anderen Pfarrkirchen bildeten die ehemaligen Bettelordenskirchen. Acht Pfarrkirchen erhielten die Katholiken. Dazu zählten der Dom und die Severi-Kirche.

Zwölf ehemalige Pfarrkirchen blieben von da ab kirchlich fast unbenutzt und wurden bis auf eine, die Ägidienkirche, im Verlauf der nächsten 250 Jahre abgebrochen; von einigen haben sich lediglich die Türme erhalten, so unter anderem der Paulsturm.

Während des Dreißigjährigen Krieges hatten die Schweden zwischen 1631 und 1650 zweimal Erfurt besetzt. Das gab der evangelischen Lehre Auftrieb und bot Schutz vor den kaiserlichen Truppen.

Im Jahre 1664 vereinnahmte der Erzbischof und Kurfürst von Mainz mit Hilfe eines umfangreichen Truppenaufgebots die Stadt. Bis 1802 war Erfurt Provinzstadt des katholischen Kurmainz. Die Kurmainzische Herrschaft führte aber nicht zur Unterdrückung der Protestanten. Das Kirchenregiment über die evangelischen Einwohner erhielt der evangelische Teil des Rates der Stadt.

Im Jahre 1802 kam Erfurt zu Preußen und verblieb dort bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. In den napoleonischen Kriegen wurde die Stadt 1806 für sieben Jahre von den Franzosen besetzt. Fast alle Kirchen verwendete man für militärische Zwecke, so als Materialdepot, Lazarett, Gefangenenlager oder Werkstatt.

Auch die Kirchen der stadtnahen Dörfer wurden durch die Kriegshandlungen sehr in Mitleidenschaft gezogen, doch konnten sie bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts wiederhergestellt werden. Im gleichen Zeitraum restauriert man auch die großen evangelischen Kirchen in Erfurt, für die der Staat finanzielle Zuschüsse gab.

Die Einwohnerzahl wuchs nach der Eröffnung der Eisenbahn rasch an. Kirchliche Gebäude wurden dringend gebraucht. Obwohl die Bebauung besonders nach 1890 weit über die mittelalterliche Stadtfläche hinauswuchs, kam es, ausgenommen die Thomaskirche (1902) und die Lutherkirche (1927), nicht zum Bau großer Kirchen.

Vielmehr wurden die Stadterweiterungen den in der Innenstadt gelegenen mittelalterlichen Kirchen gemeindlich zugeordnet.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts nahmen die kirchlichen Aktivitäten auch außerhalb der Gottesdienste immer mehr zu. Daher wurden in vielen Gemeinden nach dem Ersten Weltkrieg Gemeindehäuser gebaut.

Zwischen 1933 bis 1945 gab es vielfältige Behinderungen des kirchlichen Lebens. Diese Zeit, die vielen Menschen Verfolgung, Leid und Tod brachte, endete mit der Beschädigung und der Zerstörung zahlreicher kirchlicher Bauwerke durch Bombenangriffe.

Nach dem Krieg begann eine umfangreiche Phase des Wiederaufbaus, die von allen Kirchengemeinden getragen wurde. Dann erfolgte eine Periode der Kirchenerneuerungen, die noch heute andauert.

So sind besonders in den letzten Jahren fast alle Kirchen des inneren Stadtgebietes und der eingemeindeten Dörfer baulich instand gesetzt und in hervorragender Weise ausgemalt worden. Die Wiederherstellung des Augustinerklosters stellt einen Höhepunkt kirchlicher Aufbau- und Restaurierungsarbeit dar.

In den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden nahezu alle evangelischen Kirchen der zum gesamten Stadtgebiet gehörenden Gemeinde renoviert. Um 1980 begann die Errichtung kirchlicher Gebäude in den großen Neubaugebieten. 1982 ist das Gemeindehaus an der Kilianikirche eingeweiht worden. Weitere Gemeindezentren am Roten Berg und in Erfurt-Südost kamen 1992 bzw. 1990 dazu.