Schenkung des Mainzer Künstlers Joachim Kreiensiek an die Stadt Erfurt - Übergabe von Stadtansichten

24.06.2008 00:00

"Ausschnitte aus der Erfurter Stadtkarte" lautet der Titel der 9-teiligen Bildergruppe Joachim Kreiensieks, der diese Arbeiten heute der Stadt Erfurt im Rahmen eines Empfanges schenkt.  

Noch vor der offiziellen "Jubiläumsausstellung" anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Städtepartnerschaft zwischen Mainz und Erfurt im Februar mit Mainzer Künstlern im Kulturhof Krönbacken präsentierte sich der Mainzer Künstler Kreiensiek mit eigenwilligen Interpretationen urbanistischer Kunst unter dem Thema "Kartographie und Abstraktion" – und hatte sich natürlich auch mit der Partnerstadt Erfurt bildnerisch auseinandergesetzt.
Joachim Kreiensiek bemüht sich in seiner künstlerischen Arbeit um ein Spannungsverhältnis von Inhaltlichkeit und Abstraktion und bezieht sich u. a. auf Motivvorlagen wie Stadtkarten, um Chiffren für unsere Gegenwart zu finden. Seine deutschen Stadtbilder z. B. von Mainz, Dresden, Siena oder Rom, die darauf basieren, tragen nur scheinbar abstrakten Charakter. Auf Entfernung zeigen sie sich als monochrome Tafeln, und erst bei näherem Hinzutreten entdeckt sich dem Betrachter die Informationsfülle gegenwärtiger Infrastruktur in sinnlich schimmernder Verstecktheit, und das in einem Maßstab, der den historischen Kern der Stadt und die architektonische Anlage der Gebäude erkennen lässt. Stets handelt es sich hier um einen pastos lebendigen, reliefartigen Farbauftrag, der das einfallende Licht vexierartig reflektiert. Diese besondere Art des Farbauftrages und der daran gebundenen Wahrnehmung macht es auch fast unmöglich, die Bilder fotografisch angemessen zu dokumentieren.

Durch die Einbindung in das diesjährige Partnerschaftsjubiläum ebenso wie durch die besonderen Räumlichkeiten des Ausstellungsortes mit ihrer mittelalterlichen Balkenarchitektur inspiriert, gab Kreiensiek die konzeptuelle Strenge auf und entschied sich eine graphische Arbeit zur Partnerstadt Erfurt einzubeziehen. Zum zentralen Motiv wurde die Gegenüberstellung der transzendent marmorweißen Stadtkarte Roms mit Erfurt als großformatiger Bleistiftzeichnung. Eine Reihe bereits malerisch ausgeführter kleinerer Formate fügte sich spannungsvoll in die Architektur des Galerieraumes ein und zeigte ausschnitthaft Erfurtmotive. Ein erheblicher Anteil an anderen abstrakten Arbeiten – angeregt von urban anmutenden technischen Strukturen wie Lötplatinen und Lochkarten – gab die wichtige Korrespondenz zu den monochromen Karten und erweitert die Präsentation zu Assoziations- und Beziehungsvielfalt.

Durch häufige Erfurt-Aufenthalte und Kontakte mit und in der Stadt anlässlich der Ausstellung, aber auch durch die fortgeschrittene Arbeit an der Erfurter Stadtkarte wurde Joachim Kreiensiek dazu veranlasst, im Jahr des 20-jährigen Bestehens der Städtepartnerschaft einige der kleineren Arbeiten zu diesem Thema der Stadt Erfurt zu übereignen.
Die Schenkung besteht aus neun Arbeiten in verschiedenen Formaten, Öl auf Leinwand, ungerahmt. Sie ist Teil des schon beschriebenen konzeptionellen Programms, während dessen Kreiensiek sich mit der gewachsenen Struktur ausgewählter Städte auseinandersetzt. Die Gesamtzeichnung für Erfurt war schon für die Ausstellung erarbeitet worden, konnte jedoch noch nicht ausgeführt werden. Daher wurden alternativ die folgenden Ausschnitte gewählt: Allerheiligenstraße, Am Hügel, Anger, Augustinerstraße, Domplatz/Fischersand, Fischmarkt/Rathaus, Michaelisstraße, Moskauer Straße, Regierungsstraße.
Dann bearbeitete der Künstler in einer von ihm als typisch für unsere Stadt empfundenen Farbe – überwiegend im Ton des Sandsteins vom Petersberg, aber auch beziehungsvoll in hellem Waidblau für den Bereich Michaelisstraße und in Grau für das Neubaugebiet Moskauer Platz – diese Vorlagen dem Konzept folgend monochrom, was den tradierten Erwartungen und Erfahrungen des Betrachters hinsichtlich Darstellungen von Städten widerspricht. Durch Richtungsänderungen beim Farbauftrag entstehen jedoch die beschriebenen charakteristischen Relieftexturen zur Unterscheidung der unterschiedlichen Arten der Bebauung, also von Straßenzügen und Plätzen, Häusergruppen, Quartieren und Stadtteilen, so dass auch in diesen kleinformatigen Ausschnitten die Details sich erst allmählich beim Herantreten bzw. beim Bewegen vor der Bildfläche erschließen. Auf diese Weise werden auf einzelnen Bereichen sogar Kennzeichnungen mit Straßen- oder Platznamen erkennbar.
Man nähert sich der Stadt gewissermaßen aus der Vogelperspektive und nur über ein sehr konzentriertes Schauen – eine Herausforderung, sich um das Bild zu bemühen, die jedoch mit einer sehr reizvollen, ungewohnten und die Phantasie inspirierenden Sicht auf die jeweilige Stadt belohnt wird.

Am 24. Juni findet um 14:30 Uhr im Rathausfestsaal im Beisein von Vertretern des Stadtparlaments, der Stadtverwaltung sowie von Erfurter Künstlern und Kulturinstitutionen die offizielle Übergabe der Schenkung im Gesamtwert von 3.150 Euro durch den Künstler an den Oberbürgermeister Andreas Bausewein statt. Begleitet von einem kleinen Kulturprogramm und einem Empfang. Die Laudatio spricht der Beigeordnete für Kultur Herr Kindervater. Die Arbeiten werden in den außermusealen Kunstbesitz der Stadt Erfurt übernommen und noch in diesem Jahr der Öffentlichkeit zugänglich dauerhaft präsentiert.

Information zum Künstler:
Der 1961 in Bitburg geborene, in Mainz ansässige Joachim Kreiensiek absolvierte v on 1983 bis 1993 ein Studium der Kunsterziehung und Politik an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, bevor er 1994 ein Diplom in Freier Kunst bei Prof. Klaus Jürgen Fischer erwarb und neben zahlreichen Ausstellungen in Deutschland, Frankreich und Italien auch durch verschiedene Stipendien – zuletzt in den USA und Frankreich – auf sich und sein originelles Kunstkonzept aufmerksam machte.