Am 9. November, dem Tag des Gedenkens an die Pogromnächte 1938, ist Éva Pusztai zu Gast in Erfurt

05.11.2012 12:46

Unersetzbar ist die Begegnung mit Überlebenden. Davon berichtet eindrücklich die Sonderausstellung im Erinnerungsort Topf & Söhne, die bis 27. Januar 2013 zu sehen ist. In der Ausstellung kommen die 1925 geborene ungarische Jüdin Éva Pusztai und andere Überlebende der nationalsozialistischen Vernichtung zu Wort. Doch was es für die Überlebenden bedeutet, Zeugnis abzulegen von dem, was ihren Familien und ihnen angetan wurde, lässt sich von anderen kaum ermessen.

Éva Pusztai schwieg 59 Jahre über den Moment in ihrem Leben, als die Nationalsozialisten ihr gesamtes bisheriges Leben zerstörten. Mit ihrer Familie wurde sie nach der deutschen Besetzung Ungarns in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort wurde sie am ersten Juli 1944 auf der Rampe von ihren Eltern, ihrer elfjährigen Schwester und weiteren Verwandten getrennt. Sie alle wurden ermordet, insgesamt 49 Mitglieder ihrer Großfamilie. Neben Menschen, die es wie Éva Pusztai geschafft haben, zu sprechen, stehen andere, für die es bis heute zu schwer ist. Ihre Lebensgeschichte kennen nur wenige. Eine Dokumentation und öffentliche Thematisierung ist nicht möglich.
Am 9. November um 19 Uhr lädt der Erinnerungsort Topf & Söhne am Sorbenweg zur Podiumsdiskussion "Die Mühen der Erinnerung / Vom jahrzehntelangen Schweigen und der Kraft des Sprechens" ein. Auf dem Podium sprechen Éva Pusztai und Reinhard Schramm. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen und hat als Kleinkind mit seiner jüdischen Mutter im Versteck in Weißenfels die Shoah überlebt. Auf dem Podium wird auch die Regisseurin Christa Spannbauer sitzen, die ihr Fernsehfilmprojekt "Mut zum Leben. Die Botschaft der Überlebenden von Auschwitz" vorstellt. Angesprochen werden an diesem Abend die Gründe für das Schweigen, die Mühen der Erinnerung und der Sinn und die Kraft des Sprechens. Die Diskussion fragt nicht nur nach persönlicher Last und individueller Stärke, sie behandelt auch die aktuellen Gefahren des Antisemitismus und Rechtsextremismus und thematisiert die gesellschaftlichen Bedingungen in Deutschland und Europa, die das Reden über die Shoah ermöglichen oder ersticken. Moderiert wird das Gespräch von Annegret Schüle, der Leiterin des Erinnerungsortes Topf & Söhne.
Für alle Interessierten gibt es die besondere Möglichkeit, an einer Zeitzeugenbegegnung mit Éva Pusztai am 9. November um 12 Uhr im Festsaal des Erfurter Rathauses teilzunehmen. Diese Veranstaltung eignet sich besonders gut für Schülerinnen und Schüler weiterführender Schulen. Auch ganze Klassen sind willkommen. Eine Anmeldung für die Zeitzeugenbegegnung wird erbeten unter 0361 / 655 16 82 oder lernort.topfundsoehne@erfurt.de. Höhepunkt der Zeitzeugenbegegnung wird Frau Pusztais Eintragung in das Goldene Buch der Stadt um 13 Uhr sein. Für den Erinnerungsort Topf & Söhne, der Ende Oktober seinen 20.000sten Besucher begrüßen konnte, ist diese Ehrung durch den Oberbürgermeister Andreas Bausewein Anlass besonderer Freude. Dass Überlebende wie Éva Pustzai dem Erinnerungsort ihre Geschichte und ihre Zeugnisse anvertrauen, gibt ihm eine besondere Verantwortung, diese berührenden, verstörenden, aber auch zum Engagement für Menschlichkeit auffordernden Erfahrungen mit der Öffentlichkeit zu teilen und Begegnungen zwischen diesen letzten Zeitzeugen und den Nachgeborenen zu ermöglichen.
Veranstaltungen mit Éva Pustzai am 9. November in Erfurt
Zeitzeugenbegegnung um 12 Uhr im Festsaal des Rathauses
Eintragung in das Goldene Buch der Stadt um 13 Uhr

Anmeldung unter 0361 655-1682 oder per E-Mail.

Podiumsdiskussion "Die Mühen der Erinnerung / Vom jahrzehntelangen Schweigen und der Kraft des Sprechens" um 19 Uhr im Erinnerungsort Topf & Söhne, Sorbenweg 7.