"Euthanasie" in der Nazi-Zeit: Projektwoche der Lebenshilfe Erfurt will für ethische Fragen im gesellschaftlichen und beruflich-individuellen Handeln sensibilisieren

01.06.2015 11:37

Die Lebenshilfe Erfurt feiert in diesen Tagen ihr 25-jähriges Bestehen. Als wichtiger Träger in der Region setzt sie sensibel und erfolgreich Projekte zur Inklusion von Menschen mit und ohne Behinderung um.

Aus der Geschichte kann und muss gelernt werden – mit diesem gemeinsamen Ziel gestaltet die Lebenshilfe zu ihrem Jubiläum gemeinsam mit dem Erinnerungsort Topf & Söhne vom 2. bis 11. Juni eine Projektwoche zum Gedenken an die "Euthanasie"-Verbrechen im Nationalsozialismus. Wesentliches Anliegen beider Partner ist, für ethische Fragen im gesellschaftlichen und beruflich-individuellen Handeln heute zu sensibilisieren.

Zu folgenden Veranstaltungen sind alle Interessierten herzlich eingeladen:

Am 2. Juni um 19 Uhr eröffnet Dr. Ute Hoffmann, Leiterin der Gedenkstätte für Opfer der NS-"Euthanasie" Bernburg, die Projektwoche. Ihr Vortrag "'Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen ...' – Die Ermordung von kranken und behinderten Menschen in der "Euthanasie"-Anstalt Bernburg 1940-1941" führt in die Thematik ein, zu der bis 11. Juni auch eine Ausstellung im Erinnerungsort Topf & Söhne gezeigt wird.

Am 4. Juni, ebenfalls 19 Uhr, wird die Filmdokumentation "Sichten und Vernichten – Psychiatrie im Dritten Reich" präsentiert. Ernst Klee zeigt dokumentarische Aufnahmen aus einer Kindermordabteilung, in der Menschen mit Behinderung wie Labortiere zu Forschungszwecken "verbraucht", zu Medizinexperimenten bestellt, ermordet und seziert wurden.

Klee dokumentiert, dass die brutalen Morde der Nazizeit im Menschenbild der Psychiatrie bereits Jahre zuvor geplant und vorbereitet waren. Klee zeigt das Desinteresse in beiden deutschen Staaten an einer Aufarbeitung dieser NS-Medizinverbrechen. Die Täter wurden nicht zur Rechenschaft gezogen und konnten ihre Karrieren vielfach fortsetzen.

Im anschließenden Podiumsgespräch diskutieren PD Dr. Annegret Schüle (Erinnerungsort Topf & Söhne), Peter Reif-Spirek (Landeszentrale für politische Bildung Thüringen) und Uwe Kintscher (Lebenshilfe Erfurt).

Am Wochenende, 6. und 7. Juni, finden jeweils um 14:00 Uhr Führungen in Einfacher Sprache durch die Ausstellung zur "Euthanasie"-Anstalt Bernburg statt.

Am 8. Juni wird um 19 Uhr erneut eine Filmreportage von Ernst Klee gezeigt, "Die Hölle von Ueckermünde. Psychiatrie im Osten".

In der aufrüttelnden Reportage geht es um die völlig unhaltbaren Zustände im Umgang mit Menschen mit Behinderung in der DDR. Dabei stellt Klee die fachlich konzeptionellen Missstände sowie die desolaten baulichen Zustände am Beispiel zweier Anstalten dar. Am anschließenden Podiumsgespräch werden PD Dr. Annegret Schüle (Erinnerungsort Topf & Söhne), Wolfgang Zweigler (Kommunaler Beauftragter der Stadt Erfurt für Menschen mit Behinderung) sowie Hannelore Wenzlaff und Uwe Kintscher (beide Lebenshilfe Erfurt) teilnehmen.

Für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Lebenshilfe Erfurt finden während der Projektwoche Workshops im Erinnerungsort Topf & Söhne statt.