Ein wichtiger Tag für die Erinnerungskultur in Europa

25.01.2011 15:32

Die Landeshauptstadt Erfurt eröffnet den Erinnerungsort "Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz" am 27. Januar 2011, dem internationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Sie hat dieses Datum gewählt, um die Opfer des nationalsozialistischen Menschheitsverbrechens zu ehren.

Die Stadt Erfurt eröffnet den Erinnerungsort auf den Tag 66 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers   Auschwitz am 27. Januar 1945. Die sowjetischen Truppen fanden damals die Ruinen der Krematorien vor - gesprengt von der SS, um die Spuren ihres Völkermords an den europäischen Juden und Sinti und Roma zu vernichten. Sie fanden die Reste der von den Ingenieuren von J. A. Topf & Söhne errichteten Verbrennungsöfen und der mit Lüftungstechnik aus Erfurt ausgerüsteten Gaskammern. Nach Befragung von überlebenden Häftlingen, Sicherstellung der Hinterlassenschaften der Opfer und Auswertung der von der SS zurück gelassenen Bauleitungsakten kam eine sowjetische Kommission schon im Mai 1945 zu dem Ergebnis, dass Topf & Söhne eine Schlüsselrolle bei dem Massenverbrechen in Auschwitz hatte.
Außer dem Ofenbau-Ingenieur Kurt Prüfer und drei weiteren leitenden Ingenieuren, die im März 1946 von der sowjetischen Armee verhaftet wurden, wurde keiner der Beteiligten zur Rechenschaft gezogen: nicht die Geschäftsführer Ludwig und Ernst Wolfgang Topf, nicht die Prokuristen, nicht die anderen Ingenieure und die Reisemonteure, nicht die an der Herstellung beteiligten Zeichner, Schlosser und Klempner, nicht die mit der Abwicklung betrauten Kaufleute.
Heute ist eine juristische Ahndung nicht mehr möglich, da keiner der Beteiligten mehr am Leben ist. Heute geht es für uns Nachgeborene darum, die Verantwortung gegenüber der Geschichte zu übernehmen und einen unersetzbaren historischen Lernort für die Zukunft zu sichern. An keinem anderen zivilen Ort waren die mit der Praxis der industriellen Vernichtung von Menschenleben verbundenen Fragen mehr präsent als in diesem Erfurter Unternehmen: als Auftrag, als Arbeit, als technologische Herausforderung. Die vorbehaltlose Zusammenarbeit von Topf & Söhne mit der SS irritiert in besonderer Weise. Denn weder die Firmeninhaber noch die beteiligten Mitarbeiter entsprechen dem Bild fanatischer Nationalsozialisten oder radikaler Antisemiten. Weder waren die Aufträge der SS wichtig für das Überleben der Firma noch wurde Zwang auf das Unternehmen ausgeübt, sie zu übernehmen.
Eröffnung durch den Staatsminister für Kultur und Medien Bernd Neumann
Bernd Neumann, Staatsminister für Kultur und Medien, wird den Erinnerungsort im Rahmen einer Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus eröffnen, zu der die Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen und die Präsidentin des Thüringer Landtags einladen. Das Eröffnungsprogramm des Erinnerungsortes unterstreicht seine internationale Bedeutung. Damit ist der einzige historische Ort in Europa erhalten, an dem an einem ehemaligen Firmensitz die Mittäterschaft der privaten Wirtschaft am Massenmord in den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern gezeigt, belegt und erinnert werden kann. 
Am 27. Januar um 16.45 Uhr werden sich ehemalige Häftlinge der nationalsozialistischen Konzentrationslager und ihre Angehörigen mit Bernd Neumann, Vertretern der Thüringer Landesregierung, des Landtages, der Gedenkstätte Buchenwald, der Landeshauptstadt Erfurt und Erfurter Bürgerinnen und Bürgern am neu errichteten Stein der Erinnerung vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude versammeln, um der Toten der Konzentrations- und Vernichtungslager zu gedenken und Kränze niederzulegen.
Gegen 17 Uhr wird die Gedenkstunde im ehemaligen Verwaltungsgebäude, im Saal im 2. Obergeschoss, beginnen. Es werden Bernd Neumann, Birgit Diezel, Präsidentin des Thüringer Landtags, Christine Lieberknecht, Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen, ein ehemaliger Häftling und Prof. Dr. Volkhard Knigge, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, sprechen. Es wirken Schülerinnen und Schüler aus dem Goethegymnasium Weimar mit, die die Szenische Lesung "Technik ohne Moral" darbieten.
Die Landespressekonferenz wurde zu dieser Gedenkstunde eingeladen. Nicht angemeldete Pressevertreter können die Veranstaltung per Video-Übertragung im selben Geschoss (zukünftiger Wechselausstellungs-Saal, 2. OG, rechts) verfolgen.
AusstellungTechniker der "Endlösung". Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz
Um 20 Uhr wird die Ausstellung Techniker der "Endlösung". Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz an die Öffentlichkeit übergeben. Die Ausstellung der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora wurde nach ihrer viel beachteten Präsentation an neun Standorten in Europa in der Vor- und Nachgeschichte stark erweitert und um eine Außenausstellung ergänzt.
Die Ausstellung zeigt Akten der SS-Bauleitung Auschwitz, Verhörprotokolle aus Moskau und lange unzugängliche Firmendokumente. Damit präsentiert sie Schlüsseldokumente zum Holocaust, die den Gasmord in Auschwitz belegen. In den historischen Zeichensälen wurden die Arbeitsplätze der beteiligten Ingenieure kenntlich gemacht, eine Beamer-Installation projiziert Pläne der Abteilung Spezialofenbau (D IV) von Kurt Prüfer auf eine historische Zeichenmaschine. Zahlreiche Großfotos veranschaulichen die Geschichte der Firma und des Betriebsgeländes. In Buchenwald 1997 geborgene Aschekapseln und die zu Lumpen zerschlissene letzte Habe von Häftlingen auf den Todesmärschen von Auschwitz-Birkenau nach Buchenwald werden als stumme Zeugnisse und beredte Spuren gezeigt. Berichte von Häftlingen bezeugen, was den Menschen in Auschwitz angetan wurde. Die Nachgeschichte der Leugnung, Verdrängung, Strafverschonung sowie der späten und erkämpften Erinnerung bis zum Aufbau des Erinnerungsortes sind dokumentiert.
In der Außenausstellung zeigen Spuren historischer Gebäude, ein Modell des Firmengeländes 1944/45 sowie einzelne Stelen auf dem Parkplatz des Fachmarktzentrums sowie auf den angrenzenden Bürgersteigen die Ausdehnung des historischen Firmenareals. Mit historischen Blickachsen und Dokumenten wird die Firmengeschichte veranschaulicht.
Das Konzept für den Erinnerungsort wurde im Auftrag der Stadt Erfurt von Dr. Annegret Schüle erstellt, die Innenraum- und Außengestaltung lag bei Konstantin Pichlerter Horst, Kastner Pichler Architekten. Die fachliche Beratung durch die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora erfolgte durch Rikola-Gunnar Lüttgenau.
Als Kuratoren wirkten Rikola-Gunnar Lüttgenau (Wanderausstellung) und Dr. Annegret Schüle (Erweiterung zur Dauerausstellung und Außenausstellung). Die Innenausstellung wurde gestaltet von Hans Dieter Schaal, die Ausstellungsgrafik erarbeiteten Luise Händle und Berthold Weidner, die Grafik produzierten Eicher Werkstätten. Gebaut wurde die Ausstellung von AMF Theaterbauten. Die Außenausstellung wurde von Konstantin Pichlerter Horst, Kastner Pichler Architekten, in Zusammenarbeit mit Prof. Fleischmann gestaltet, die Realisierung lag beim Bauhaus.Transferzentrum Design e.V.


Um 20 Uhr führen zunächst Bürgermeisterin Tamara Thierbach, die Leiterin des Erinnerungsortes Dr. Annegret Schüle, Architekt Konstantin Pichler und Förderkreis-Vorsitzender Rüdiger Bender knapp in Konzept, Gestaltung und zukünftige Projekte des Erinnerungsortes ein. Dann folgt die Uraufführung des Films zur Ausstellung "Stets gern für Sie beschäftigt, …" Menschheitsverbrechen und Berufsalltag (ca. 30 Min.). Der Regisseur Aldo Gugolz ist anwesend. Danach wird die Dauerausstellung im 3. OG für das Publikum geöffnet. Aufgrund der begrenzten Zahl von Sitzplätzen im historischen Zeichensaal können keine Reservierungen mehr für den 27. Januar, 20 Uhr, entgegen genommen werden. Eine Begrenzung der Gäste einschließlich Stehplätze auf insgesamt 150 Personen ist aufgrund der Statik zwingend.
Vom 28. bis 30. Januar finden weitere Veranstaltungen statt, bei denen noch Plätze zur Verfügung stehen (siehe Flyer Eröffnung Erinnerungsort Topf & Söhne). Als Programmerweiterung aufgrund der großen Nachfrage wird der Film zur Ausstellung   "Stets gern für Sie beschäftigt, …". Menschheitsverbrechen und Berufsalltag am Samstag, den 29. Januar 2011, 17 Uhr, wiederholt. Von besonderem Interesse werden die Berichte von Rik Vanmolkot (Belgien) und Dr. Ketil G. Andersen (Norwegen) sein, die Techniker der "Endlösung" als Wanderausstellung in ihren Ländern zeigten und am Sonntag, den 30. Januar, 11 Uhr, von der großen Wirkung in der Öffentlichkeit, an den Schulen und bei Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft ihrer Länder berichten. Um 13 Uhr findet dann die Darbietung der Szenischen Lesung der Schülerinnen und Schüler aus Weimar ein weiteres Mal statt.
Historischer Lernort
Als historischer Lernort eröffnet der Erinnerungsort einen neuen Zugang zur Geschichte des Holocaust. Besucherinnen und Besucher werden durch dieses historische Beispiel alltäglicher Mittäterschaft angeregt, von ihren eigenen Erfahrungen ausgehend die Geschichte zu reflektieren und über ethische Fragen in Wirtschaft und Arbeitswelt von heute nachzudenken. Aus dem Erinnerungsort Topf & Söhne auf der einen und den einzigartigen Zeugnissen jüdischen Lebens in Erfurt auf der anderen Seite erwächst ein Spannungsbogen über 600 Jahre deutsch-jüdischer Geschichte zwischen kulturellem Reichtum und den tiefsten Abgründen gewollter, geplanter und technisch umgesetzter Vernichtung. Im Zusammenspiel dieser historischen Orte und Zeugnisse bieten sich für Erfurt, Deutschland und Europa vielfältige Chancen für das historisch informierte Nachdenken darüber, wie eine menschliche und demokratische Kultur gefördert und lebendig erhalten werden kann.
Der Erinnerungsort am Sorbenweg 7 wird von der Landeshauptstadt Erfurt getragen und wurde im Aufbau von Land und Bund gefördert. Kooperationspartner ist die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Die Außenausstellung ist frei zugänglich, die Innenausstellung ist ab 28. Januar täglich außer Montag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist kostenlos, Führungen und Projekte sind nach Voranmeldung möglich: Tel. 0361 655-1681, E-Mail: topfundsoehne@erfurt.de.