Gutenberg-Gymnasium offiziell übergeben

29.08.2005 00:00

Mit einer Feierstunde wurde heute das neugestaltete Gutenberg-Gymnasium offiziell an die Schulgemeinschaft übergeben. In dreijähriger Bauzeit erhielt das historische Gebäude ein neues Erscheinungsbild.

Zur knapp 60-minütigen Festveranstaltung, die in der neu errichteten Turnhalle stattfand, waren u.a. Bundeskanzler Gerhard Schröder und Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus der Einladung von Erfurts Oberbürgermeister Manfred Ruge gefolgt.

Nach der schrecklichen Bluttat vom 26. April 2002, bei dem ein ehemaliger Schüler 16 Menschen tötete und sich anschließend selbst richtete, hatte Schröder spontan die finanzielle Hilfe des Bundes zugesagt und 10 Mio. EUR für die Sanierung des Gebäudes bereitgestellt. 
Absichtlich sollte es kein Tag der großen Reden werden, sondern ein Tag der Schülerinnen und Schüler, die nunmehr in diesem Gebäude lernen. Dementsprechend war auch das Programm der Feierstunde zusammengestellt.

Neben der Begrüßung durch Erfurts Oberbürgermeister Manfred Ruge, der Ansprache durch den Bundeskanzler und einem Grußwort durch Thüringens Ministerpräsidenten Dieter Althaus standen die Schülerinnen und Schüler mit Musik und Gesang, ihren Gedanken und Gefühlen im Vordergrund. So war der Kreis der Offiziellen, die vom OB eingeladen wurden, mit Absicht sehr begrenzt. Hingegen bekam jeder Gymnasiast und jeder Lehrer eine persönliche Einladung des Stadtoberhauptes. Auch waren Angehörige der Opfer unter den Gästen der Feierstunde.

Manfred Ruge erinnerte kurz an die schrecklichen Ereignisse von vor 3 1/4 Jahren. Er verwies darauf, dass es der Wunsch der Schulgemeinschaft war, die Tradition des Gutenberg-Gymnasiums in diesem Haus fortzuführen. "Dem konnten und wollten wir uns als Stadt nicht verschließen." Ruge danke dem Bundeskanzler für seine spontane Hilfe und hob hervor, "dass jeder Euro, der in diese Schule investiert wurde, ein gut angelegter Euro ist". Davon konnte sich Schröder nach der Feierstunde bei einem kurzen Hausdurchgang selbst überzeugen.

Fotos: Frank Bangert

Begrüßung durch Oberbürgermeister Manfred Ruge zur Feierstunde anlässlich der offiziellen Übergabe des Gutenberg-Gymnasiums am 29. August 2005, 10.30 Uhr
Es gilt das gesprochene Wort!
Liebe Schülerinnen und Schüler,
sehr geehrte Lehrerinnen und Lehrer,
verehrte Gäste,
3 ¼ Jahre ist es jetzt her, als wir hier an diesem Ort die wohl schlimmsten, ja grausamsten Stunden unseres bisherigen Lebens verbrachten. Wir fürchteten uns, zitterten, weinten. Lebensängste geißelten uns. Bis heute beschäftigt uns die Frage: Können wir dieses schreckliche Ereignis jemals vergessen? Können wir diese grauenvolle Tat, die Bilder in unseren Köpfen, die Stunden zwischen Bangen und Hoffen jemals verarbeiten? Etwas im wahrsten Sinne des Wortes Unfassbares war geschehen, von dem keiner geglaubt hat, das es hierzulande möglich ist.
Bereits in den Tagen danach war es der feste Wunsch der Schulgemeinschaft, die Tradition des Gutenberg-Gymnasiums in diesem Gebäude fortzuführen. Dem konnten und wollten wir uns als Stadt Erfurt nicht verschließen. In einer Projektwoche habt Ihr, liebe Schülerinnen und Schüler, im Juli Bekanntschaft mit Eurer neuen Schule in ihren historischen Mauern geschlossen. Am vergangenen Donnerstag hat das neue Schuljahr begonnen. Die ersten Unterrichtsstunden in den neuen Klassenzimmern liegen hinter Euch.
Heute nun haben wir uns hier zu einer Feierstunde zusammengefunden.  Denn in einem würdigen Rahmen möchten wir Euch, liebe Schülerinnen und Schüler, und Ihnen, verehrte Lehrerschaft, das neu gestaltete Gutenberg-Gymnasium übergeben. Dass wir dazu in der Lage sind, ist das Ergebnis der anstrengenden Arbeit vieler Partner aus unterschiedlichen Bereichen.
Heute ist ein geeigneter Tag, um in aller Öffentlichkeit Danke zu sagen. Mein Dank gilt allen, die sich seit jenem schwarzen Freitag mit der Aufarbeitung beschäftigt haben. Ich denke dabei vordergründig an die Familien, aber ebenso an die Psychologen und Therapeuten, an die Ärzte und Seelsorger, an die Vertreter der Kirchen und die vielen Menschen, die ihren Teil dazu beigetragen haben, das Leid zu lindern und den Blick nach vorn zu richten.
Zu Dank verpflichtet sind wir der Bundesregierung. Sie, verehrter Herr Bundeskanzler, haben uns damals spontan Ihre Hilfe und Unterstützung zugesagt. Als Oberbürgermeister weiß ich um die Schwierigkeiten, eine außerordentliche Zuwendung zu ermöglichen – und dann in dieser Höhe! Schließlich reden wir über 9,97 Mio. EUR aus dem Bundeshaushalt, die in den Umbau der Schule geflossen sind. Herr Bundeskanzler, haben Sie herzlichen Dank! Ich denke, wir sind uns einig, dass jeder Euro, der in diese Schule investiert wurde, ein gut angelegter Euro ist. Heute können wir uns gemeinsam das Ergebnis anschauen.
Danken möchte ich unserem Ministerpräsidenten, Herrn Althaus – den ich hiermit herzlich grüße – für die vielschichtige Begleitung durch die Thüringer Landesregierung in dieser schweren Zeit und für sein persönliches Engagement. Gleiches gilt auch für Herrn Ministerpräsidenten a. D. Dr. Vogel.
Herzlich Danke sage ich dem Thüringer Landtag für die schnelle Änderung des Thüringer Schulgesetzes. Stellvertretend darf ich die Präsidentin des Thüringer Landtages, Frau Prof. Schipanski begrüßen.  (Lieberknecht, Matschie, Ramelow.) Die Gymnasiasten unseres Freistaats können nunmehr am Ende der 10. Klasse eine Prüfung ablegen und haben – sollten sie das Abitur nicht schaffen – einen Realschulabschluss. Mit dieser Novellierung kamen die Landtagsabgeordneten umgehend einer Forderung nach, die im Zuge der Aufarbeitung des 26. Aprils 2002 laut wurde.
Wenn es gilt, Danke zu sagen, so ist eine Frau zu nennen, die in den vergangenen drei Jahren fast Unmögliches geleistet. Sie, verehrte Frau Alt, sind bis an die Grenzen des Machbaren gegangen. Wir alle sind erstaunt, dass Sie diesen enormen Anforderungen standgehalten haben und wissen zugleich, dass Sie oft das Limit Ihrer psychischen und physischen Belastbarkeit erreicht haben.  Trotzdem haben Sie durchgehalten – dafür meinen Dank und meine Anerkennung.
Auch Ihnen, sehr geehrter Herr Prof. Goebel, möchte ich meinen Dank aussprechen. Das Thüringer Bildungssystem gehört nach einer Studie der Initiative „Soziale Marktwirtschaft“ zu den Besten in der Bundesrepublik. Beim sogenannten Bildungs-TÜV hat sich unser Freistaat maßgeblich verbessert und liegt auf Platz drei hinter Bayern und Baden-Württemberg. Dieses Ergebnis sollte uns Ansporn sein, uns nicht auf dem Erreichten auszuruhen und Probleme, die es gibt, versuchen zu lösen.
Danken möchte ich allen Dezernaten und Ämtern der Stadtverwaltung Erfurt, die in irgendeiner Art am Umbau beteiligt waren. Allen voran die Bau- und die Schulverwaltung. Es war nicht immer einfach, alle Interessen zu wahren, alle Vorstellungen, Wünsche und Notwendigkeiten aufeinander abzustimmen. Trotzdem ist es in einem gesunden Miteinander gelungen.
Für die Zukunft begleiten Euch, liebe Schülerinnen und Schüler und Sie, verehrte Lehrerschaft, alle guten Wünsche. Mögen Sie sich alle in dieser neu gestalteten Schule wohlfühlen, Spaß beim Lernen und Lehren haben und zwischen den ernsten Schulstunden viele schöne Momente erleben.
Wenn ich einen Wunsch äußern darf, so wäre es dieser: Ziehen wir aus dem tragischen Ereignis weiterhin unsere Lehren, hören wir einander zu, reden wir miteinander, geben wir aufeinander acht. Pflegen wir einen offenen Umgang und lasst uns die Probleme nicht vergraben – nur so kommt unsere Gesellschaft weiter.