Bild der Woche – Bildnis Martin Gottlieb Klauer

24.11.2015 11:28

"Bild der Woche" präsentiert im Rahmen der Ausstellung "Jacob Samuel Beck: Ausstellung zum 300. Geburtstag des Erfurter Malers" regelmäßig dienstags einzelne Beck-Werke, die zurzeit im Angermuseum, dem Kunstmuseum der Landeshauptstadt Erfurt, ausgestellt werden. Heute: Jacob Samuel Becks "Bildnis Martin Gottlieb Klauer (1742 – 1801)"

Das einzige bisher bekannte Gemälde Klauers?

Ein Herr in rehbrauner zeitgenössischer Kleidung schaut auf einen blonden Engel, den er im Arm hält.
Foto: Jacob Samuel Beck: Bildnis Martin Gottlieb Klauer (1742 – 1801), 1775. Öl auf Leinwand. Foto: © Angermuseum Erfurt, Inv.-Nr. 3428, Foto: Stadtverwaltung Erfurt / D. Urban

Vor über hundert Jahren erwarb das Angermuseum 1912 aus Erfurter Privatbesitz dieses von Jacob Samuel Beck signierte und 1775 datierte Porträtgemälde. Ein Rätsel blieb seitdem, um wen es sich bei dem dargestellten elegant gekleideten jungen Mann handelt, der mit innigem und ein wenig wehmütigem Ausdruck den nackten Knaben an seiner Seite anblickt.

Im Zuge der Forschungen zur Erfurter Jubiläumsausstellung fand nun der Berliner Kunsthistoriker Helmut Börsch-Supan eine überraschende Antwort auf diese Frage. Dargestellt ist offenbar der von Herzogin Anna Amalia 1773 zum Weimarer Hofbildhauer ernannte Martin Gottlieb Klauer (Rudolstadt 1742-1801 Weimar) mit seinem Sohn. Das Bild wäre damit das einzige bisher bekannte Gemälde dieses bedeutenden klassizistischen Bildhauers der Goethezeit. Klauers Skulpturen prägen bis heute an verschiedenen Stellen das Erscheinungsbild Weimars - etwa mit den Büsten von Goethe, Schiller, Herder und Wieland im Schlosspark Belvedere oder mit dem Neptunbrunnen auf dem Weimarer Marktplatz.

Ein tragisches Schicksal, das Klauers Leben in der frühen Zeit überschattete, scheint den biografischen Hintergrund des Porträts zu bilden. Klauer hatte im Januar 1772 in Rudolstadt Johanna Elisabeth Kapler, die Tochter des fürstlichen Kellermeisters, geheiratet. Nach der Geburt des Sohnes Heinrich Günther im September 1772 starben sowohl Mutter als auch Sohn noch im selben Jahr. „Was Beck in seinem Porträt dargestellt hat und nur im Einvernehmen mit dem Bildhauer, ja wohl nur nach dessen Idee so hat darstellen können, ist die traumhafte Vision Klauers, dass sein verstorbener Sohn als Engel zu ihm herabgestiegen ist, um ihn zu trösten“ (Helmut Börsch-Supan).

Im Porträt hält Klauer, der sich als Bildhauer auch mit antiken Gemmen beschäftigte, die Zeichnung einer vergrößerten Gemme aus der berühmten Sammlung des Philipp von Stosch in seiner linken Hand. Das Motiv eines Amors, der im Begriff ist, auf einem Löwen zu reiten, versinnbildlicht die Liebe als größte Macht: „Amor leonem domans“ – die Liebe zähmt den Löwen. 

Der nackte Knabe steht mit dem linken Fuß auf einem Buch, das als die Ilias des Homer zu erkennen ist. So ist das Kind gleich zweifach mit der Antike verbunden, denn auch die Figur des Knaben geht auf eine Amorfigur aus der Gemmensammlung von Stosch zurück. In dem  ungewöhnlichen Gemälde fließen auf sensible Weise die symbolischen Bedeutungen des Antikenbezugs mit der biografischen Ebene des Porträtierten zusammen. Das ausdrucksvolle Bildnis zählt zusammen mit dem zeitgleich entstandenen Porträt des Komponisten Joseph Martin Kraus (s. Bild der Woche Nr. 1) zu den herausragenden Werken der letzten Schaffensphase von Jacob Samuel Beck.