Überleben in der Provinz?: Das Schicksal der Juden in Thüringen nach 1942. Werkstattgespräch im Erinnerungsort "Topf & Söhne"

03.07.2013 10:15

Ab Mai 1942 erhielten auch in Thüringen fast alle noch hier lebenden Juden die Aufforderung zur Deportation in die Ghettos und Vernichtungslager im Osten. Von 4.700 Menschen jüdischen Glaubens, die 1933 in Thüringen lebten, war ein Großteil vor den Nazis geflohen, meist unter großen materiellen Verlusten. Doch weit über tausend Menschen lebten noch hier, vertrieben aus ihren Berufen, zusammengepfercht in Ghettohäusern, stigmatisiert durch den Zwang, den gelben Stern zu tragen, und vom Terror der Gestapo und der SS permanent bedroht.

Für die Metropole Berlin mit ihrer Anonymität und noch existierenden Netzwerken jüdischer Selbsthilfe geht die Forschung heute von rund 7.000 Menschen aus, die untertauchten, als sie die Aufforderung zur Deportation erhielten. Etwa 1.500 von ihnen gelang es, im Untergrund zu überleben. Im ländlich geprägten Thüringen dagegen sind bis heute kaum zehn Geschichten vom im Versteck geretteten Juden bekannt.

Im Werkstattgespräch am 10. Juli um 19:30 Uhr im Erinnerungsort Topf & Söhne spricht Dr. Harry Stein, Kustos für KZ-Geschichte an der Gedenkstätte Buchenwald, über das Schicksal der 1942 noch in Thüringen lebenden Juden, der Vernichtung des jüdischen Lebens durch die Deportationen und dem schwierigen Überleben im Versteck. Monica Kingreen vom Fritz-Bauer-Institut ist Expertin für die Verfolgungsgeschichte der Juden in Frankfurt und Hessen und hat zahlreiche Einzelschicksale recherchiert. Ihr Beitrag ermöglicht einen Blick auf die Nachbarregion Hessen mit ihrer großen jüdischen Gemeinde in Frankfurt und der ländlichen Umgebung. Auch der historische Vergleich zwischen Thüringen und Hessen wird so möglich. Dritter Teilnehmer des Werkstattgesprächs ist Prof. Dr. Reinhard Schramm, Vorsitzender der jüdischen Landesgemeinde Thüringen. Geboren im Mai 1944 in Weißenfels, konnte er den Nationalsozialismus gemeinsam mit seiner jüdischen Mutter nur überleben, weil der nichtjüdische Vater seine Familie in den letzten Kriegsmonaten versteckte.

Als Begleitveranstaltung zur Sonderausstellung "Entkommen? 1942-1945. Berlin und Thüringen" bietet das Werkstattgespräch die Möglichkeit, den Forschungsstand zur Vernichtung des jüdischen Lebens in Thüringen zusammenzutragen, mit anderen Regionen wie Hessen und Berlin zu vergleichen und offene Forschungsfragen zu benennen. Die Kenntnis einzelner Verfolgungs- und Rettungsgeschichten, wie sie in der Sonderausstellung des Erinnerungsortes gezeigt werden, und auch von Dr. Harry Stein, Monica Kingreen und Prof. Dr. Reinhard Schramm über Jahre zusammengetragen wurden, ermöglicht neue Erkenntnisse über die Erfahrungen der Verfolgten, das Überleben im Untergrund und die Hilfe nichtjüdischer Retter.

Überleben in der Provinz? Juden in Thüringen 1942-1945. Werkstattgespräch mit Dr. Harry Stein, Gedenkstätte Buchenwald, Monica Kingreen, Fritz-Bauer-Institut, Frankfurt am Main, Prof. Dr.-Ing. habil. Reinhard Schramm, Vorsitzender der jüdischen Landesgemeinde Thüringen. Moderation: PD Dr. Annegret Schüle

10. Juli, 19:30 Uhr, Erinnerungsort Topf & Söhne, Sorbenweg 7