Weihbischof Dr. Reinhard Hauke: Gott hat nicht große Worte gemacht, sondern sein Wort Mensch werden lassen

07.01.2014 16:48

"Unsere Menschheitsgeschichte lebt vom Wort, das uns gesagt wird oder das wir sagen. Das Wort kann heilende und zerstörerische Wirkung haben", so der 1953 in Weimar geborene Weihbischof im Bistum Erfurt, Dr. Reinhard Hauke, der gegenwärtig als Diözesanadministrator die Diözese leitet, zum Kulturellen Jahresthema 2014 "Wie viele Worte braucht der Mensch?". Er eröffnet damit den Reigen einer monatlichen Reihe, in der prominente Personen des öffentlichen Lebens der Landeshauptstadt Erfurt ihre persönliche Sicht und Auffassung zur Sprache und ihre Beziehung zum Wort darlegen werden.

Die Kraft des göttlichen Wortes kann nur spüren, wer sich ihm stellt.

Weihbischof mit schwarzer Soutane, schwarzer Mozetta mit violetten Knöpfen, Zingulum, Brustkreuz und Zucchetto, auch Pileolus genannt.
Foto: Weihbischof Dr. Reinhard Hauke : Gott hat nicht große Worte gemacht, sondern sein Wort Mensch werden lassen Foto: © Bistum Erfurt

Personen und ihre Worte sind für unser Bistum Erfurt bedeutsam: Weihbischof Dr. Joseph Freusberg, Bischof Hugo Aufderbeck, Bischof Dr. Joachim Wanke, Weihbischof Hans-Reinhard Koch, die heilige Elisabeth von Thüringen, der heilige Bonifatius und die heiligen Bischöfe Eoban und Adelar, die in der Domkrypta ruhen.

Vom heiligen Bonifatius ist uns in einem Brief an Papst Zacharias besonders die Gründungsmitteilung des Bistums Erfurt wichtig. Es heißt dort im Brief von 742: „Wir müssen Eurer Väterlichkeit mitteilen, dass wir durch Gottes Gnade für die Völker Germaniens, die einigermaßen aufgerüttelt und zurechtgewiesen sind, drei Bischöfe bestellt und die Provinz in drei Sprengel eingeteilt haben und jetzt bitten und wünschen wir, dass die drei Orte oder Städte, in denen sie eingesetzt und bestellt sind, durch Urkunden Eurer Machtfülle bestätigt und gesichert werden. Ein Bischofssitz, so haben wir bestimmt, soll in der Burg sein, die Würzburg heißt; und der zweite in der Stadt, die Buraburg heißt; der dritte an einer Stelle, die Erfurt heißt, diese war ehedem eine Stadt ackerbautreibender Heiden.“

Wir wollen nicht nur die Namen der bedeutsamen Christen kennen, sondern uns sind ihre Worte wichtig und wir sind froh, wenn wir etwas finden können, was sie gesagt oder aufgeschrieben haben.

Evangelium ist Frohbotschaft und nicht Drohbotschaft

Das Domarchiv bewahrt Urkunden und weitere Dokumente auf, die uns das Leben und Wirken der bisherigen Bischöfe von Erfurt verlebendigen. Gern denke ich an das Bild, das Bischof Hugo Aufderbeck mir bei der Diakonenweihe 1978 auf den Weg mitgegeben hat: „Wir dürfen das Evangelium nicht wie einen nassen Lappen den Menschen um die Ohren hauen.“ Für mich bedeutet das: Das Evangelium ist Frohbotschaft und nicht Drohbotschaft. Oder ein anderes Bild von Bischof Aufderbeck ist bekannt: „Wir sind nicht schwarz wie die Teufel oder weiß wie die Engel. Wir sind grau wie die Esel und gestreift wie die Zebras.“ Wie kann man besser beschreiben, welchen Zustand wir in unseren Herzen finden und doch wissen, dass wir von Gott geliebt sind.

Gott hat nicht große Worte gemacht, sondern sein Wort Mensch werden lassen

Das Johannesevangelium meditiert in seinem Prolog über die Bedeutung des Wortes. Für uns Christen ist dabei natürlich der Satz bedeutsam: „Und das Wort ist Fleisch geworden.“ Eine größere Bedeutung kann man dem Wort nicht zumessen. Gott hat nicht große Worte gemacht, sondern sein Wort Mensch werden lassen. Im Dom können wir ein Rundbild im Langhaus betrachten, auf dem der Maler Peter von Mainz im 16. Jahrhundert diesen Satz anschaulich gemacht hat, als er die sogenannte „Hostienmühle“ malte. Die vier Evangelisten schütten in die Hostienmühle ihr Wort Gottes – ihre Evangelien – hinein und unten erscheint in einem Kelch das Jesuskind. Dabei kommt ein zusätzlicher Gedanke ins Spiel: da die Evangelisten ja in unterschiedlicher Weise geschrieben und gepredigt haben, wird damit ja auch das Menschenwort in das menschgewordene Gotteswort eingefügt.

Wir wissen, dass die Kirche lange mit der Frage gerungen hat, wie viel Menschliches im Evangelium sein darf oder was es bedeutet, wenn wir sagen: Die göttliche Inspiration hat die biblischen Texte werden lassen. Heute sind wir uns darüber einig, dass Gottes Wort in Menschengestalt zu uns gekommen ist und wir einerseits den Anteil des Menschen würdigen müssen und andererseits durch unseren menschlichen Ausdruck die Anstößigkeit der Gottesbotschaft nicht weg drängen oder vereinfachen dürfen. Auch die Arbeit am neuen Messbuch macht mir dieses Ringen deutlich, denn die Übersetzer haben die Aufgabe, entsprechend dem lateinischen Text zu übersetzen und doch die deutsche Sprache in ihrer Eigenart zu berücksichtigen. Weiterhin sollen die klaren biblischen Bilder und Hinweise nicht vereinfacht oder verunklärt werden.

Das heilende und heilige Wort Gottes

Gott traut uns Menschen zu, dass wir sein Wort verstehen und in unser Leben umsetzen können. Seine Menschwerdung, die in Bethlehem einen besonderen Ausdruck gefunden hat, setzt sich fort, wenn wir Christen Gottes Wort hören und für unser eigenes Leben bedenken. Christen sollen das heilende und heilige Wort Gottes als Arznei ansehen, die uns geschenkt wurde und nicht im Bücherregal verstauben soll. Die Kraft des göttlichen Wortes kann nur spüren, wer sich ihm stellt.

Weihbischof Dr. Reinhard Hauke

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