Bilder-Geschichten: Die Erfurter Firma J. A. Topf & Söhne und der Holocaust

25.01.2016 13:48

Die Erfurter Firma J. A. Topf & Söhne lieferte 1939 bis 1945 Leichenverbrennungsöfen für die nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagerlager und entwickelte die Lüftungstechnik für die Gaskammern in Auschwitz-Birkenau. Heute befindet sich auf dem ehemaligen Firmengelände der Erinnerungsort Topf & Söhne. In der Ausstellung "Techniker der 'Endlösung'" wird die Mittäterschaft von Topf & Söhne am Massenmord gezeigt und belegt.

Das Firmenareal aus einer westöstlichen Luftperspektive

Vogelperspektive eines Firmengeländes. Auf dem Bild der Schriftzug (Logo) Topf.
Foto: Werbeanzeige der Firma J. A. Topf & Söhne, 1935 Foto: © Sammlung Gedenkstätte Buchenwald

Bildbeschreibung

Die Werbeanzeige aus dem Erfurter Stadtführer von 1935 zeigt das Firmenareal von J.A. Topf & Söhne aus einer westöstlichen Luftperspektive. Die Aufnahme verweist auf die gewachsene Größe des 1878 gegründeten und 1889 hier Erfurter Familienunternehmens, das sich auf Heizungsanlagen, Brauerei- und Mälzereieinrichtungen spezialisiert hatte.

Im vorderen Bildbereich befinden sich drei flache, längliche Gebäude: Die erste Halle war Montagehalle, dahinter befand sich die mechanische Fertigung und die Schlosserei. Parallel dazu ist ein Gebäude mit Flach- und Spitzdach zu sehen. Dieses war Verwaltungsgebäude. Hier befindet sich heute der Erinnerungsort Topf & Söhne.

Angrenzend an die Verwaltung gab es weitere Büroräume, mehrere Werkstätten und Lager, in denen beispielsweise Gussmodelle und Gussteile aufbewahrt wurden. Hinter dem gesamten Areal, im oberen Bildabschnitt, sind die Gleise des Güterbahnhofs gut erkennbar. Von dort wurden die gefertigten Produkte an Kunden weltweit geliefert.

Über das Bild erstreckt sich durchscheinend das 1899 als Warenzeichen eingetragene Logo der Firma.

Industrie und Holocaust

Von 1939 bis 1945 entwickelte Topf & Söhne Leichenverbrennungsöfen im Auftrag der SS. In den Topf-Öfen wurden die Leichen der in den Konzentrations- und Vernichtungslager ermordeten Menschen verbrannt. Das international marktführende Unternehmen hatte seit 1914 städtische Krematorien mit Feuerbestattungsöfen ausgestattet und sich seit Jahren für die technische Entwicklung der Einäscherung als würdige Bestattungsform engagiert.

Die Leichenverbrennungsöfen in den KZs hatten allerdings mit diesen Einäscherungsöfen nichts mehr zu tun, sondern funktionierten nach dem Prinzip eines Kadaververnichtungsofens. Es ging der SS nicht um eine pietätvolle Bestattung, sondern darum, mit Hilfe der technischen Kompetenz von Topf & Söhne viele Leichen in möglichst kurzer Zeit zu beseitigen und so die Spuren ihrer Verbrechen zu vernichten. Ab 1943 beteiligte sich die Firma an der systematischen Massentötung von Menschen, indem sie die Gaskammern in Auschwitz-Birkenau mit Be- und Entlüftungstechnik ausstattete.

Das unverkennbare, auf der Werbeanzeige von 1935 selbstbewusst präsentierte Logo von Topf & Söhne war Markenzeichen und befand sich auf jedem Produkt der Firma, auch auf den Leichenverbrennungsöfen für die Vernichtung der Menschen in den Konzentrationslagern (heute noch im Krematorium in der Gedenkstätte Buchenwald zu sehen). Ohne Skrupel wurden die Geschäfte mit der SS als normale Geschäftspartnerschaft behandelt und ausgeführt.

Erinnerungsort Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz

Heute befindet sich auf dem ehemaligen Firmengelände von Topf & Söhne der Erinnerungsort Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz. Er wurde am 27. Januar 2011, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, mit einer Gedenkstunde des Thüringer Landtags und der Landesregierung eröffnet. Am authentischen Ort wird die Mittäterschaft der Privatwirtschaft am Holocaust exemplarisch gezeigt und belegt. Den Besucherinnen und Besuchern stellt sich hier die Frage nach der Verantwortung jedes Einzelnen im beruflichen Alltag. Forschendes Lernen spielt in der Pädagogik des Erinnerungsortes eine zentrale Rolle. Die Bildungsangebote bieten Jugendlichen und Erwachsenen die Möglichkeit, Schlüsseldokumente zum Holocaust zu untersuchen sowie Erfahrungen der Opfer anhand von aus Auschwitz erhaltenen Berichten und Zeugnissen der Überlebenden nachzuvollziehen. Der Ort ermutigt, sich selbst ein kritisches Urteil über das Handeln der Akteure bei Topf & Söhne zu bilden und dieses mit der eigenen Lebensrealität in Beziehung zu setzen.

Das Firmengelände von Topf & Söhne, wie es in der Werbeanzeige von 1935 gezeigt wird, existiert heute nicht mehr. Bis auf das ehemalige, heute denkmalgeschützte, Verwaltungsgebäude wurden die zumeist baufälligen Gebäude und Ruinen abgetragen. Historische Überreste blieben erhalten und wurden sichtbar gemacht. Das neugestaltete Gelände ist nunmehr eine lesbare und berührbare Karte der Erinnerung. Auch auf dem hinter dem ehemaligen Verwaltungsgebäude neu errichteten Fachmarktzentrum erinnern Hinweisstelen an die Produktion im Auftrag der SS. Vor der Eingangstür liegt der Stein der Erinnerung, der den Opfer des Nationalsozialismus gewidmet ist. Ein begehbares Modell aus Gusseisen visualisiert das Gelände von 1944/45.

Éva Pusztai, Budapest, Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau

Meine Verbindung zu Topf, das ist der Tod meiner 49 Verwandten, darunter meine Eltern und meine 11-jährige Schwester. Sie alle wurden in den Öfen von Topf & Söhne verbrannt. Ich komme jedes Jahr deshalb nach Buchenwald, um einen Ofen zu sehen, weil doch in so einem oder ähnlichen Ofen alle meine Familienmitglieder verbrannt wurden und weil es in Auschwitz keine mehr gibt.

Quelle: Éva Pusztai in einer Gesprächsrunde nach dem Besuch der Ausstellung "Techniker der 'Endlösung'. Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz" im Rahmen der Feierlichkeiten zum 66. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald am 14./15. April 2011

Veranstaltungsprogramm zu Fünf Jahre Erinnerungsort Topf & Söhne in Erfurt

Seit der Eröffnung am 27. Januar 2011 hat sich das neue Geschichtsmuseum der Landeshauptstadt hervorragend entwickelt. Heute kann das kleine Team um Dr. Annegret Schüle auf zehn Sonderausstellungen zusätzlich zur Dauerausstellung, fast 1.500 Führungen, Projekte und Veranstaltungen sowie über 50.000 Besucherinnen und Besucher zurückblicken.

Hinter diesen Zahlen verbergen sich unzählige berührende Erfahrungen, neue Erkenntnisse und anregende Begegnungen. Forschung, Bildungsarbeit, innovative Ausstellungsformate wie über jüdische Fußballer und eine sensible Debattenkultur zu historischen und aktuellen Fragen zeichnen den Erinnerungsort aus und machen ihn zu einem unverzichtbaren Impulsgeber einer aufgeklärten und wachen Erfurter Zivilgesellschaft.

Besondere Höhepunkte bietet die Veranstaltungswoche anlässlich des 5-jährigen Bestehens vom 25.-31. Januar 2016.