12. Etappe Tour de Bildung: Stadtteilzentrum Moskauer Platz

19.12.2011 13:10

Wer in Erfurt die Adresse "Moskauer Platz" hört, hat sofort die entsprechenden Bilder im Kopf: Beton, Plattenbauten und im Hintergrund die halbverfallene Ruine des ehemaligen Kultur- und Freizeitzentrums. Die Moskauer Straße ist nicht weit von hier, nur zwei Ecken weiter. Boris und ich verfahren uns trotzdem.

Textreportage

Wer in Erfurt die Adresse „Moskauer Platz“ hört, hat sofort die entsprechenden Bilder im Kopf: Beton, Plattenbauten und im Hintergrund die halbverfallene Ruine des ehemaligen Kultur- und Freizeitzentrums. Die Moskauer Straße ist nicht weit von hier, nur zwei Ecken weiter. Boris und ich verfahren uns trotzdem. Unser Ziel: das Stadtteilzentrum, das vom Verein Mitmenschen e.V. getragen wird. Nach telefonischer Rücksprache finden wir schließlich unseren Weg durch den nasskalten Novembernachmittag. Ein kürzlich sanierter Flachbau in schickem Lila, der sofort aus dem Umgebungsgrau hervorsticht. Drinnen Kinderlärm, Leiterin Anja Kaufmann begrüßt uns freundlich. „Wir haben Angebote für Kinder, für Eltern und Senioren, die direkt auf die jeweiligen Bedürfnisse zugeschnitten sind“, erläutert sie während wir uns einem großen Aufenthaltsraum am Ende des Ganges nähern. „Es gibt eine offene Kinderbetreuung am Nachmittag und dreimal in der Woche Seniorennachmittage. Nicht weit von hier ist unser Jugendhaus mit Angeboten für Jugendliche ab 13 Jahren. Meine Aufgabe sind vor allem die Familienbildungsangebote. Das heißt, wir unterstützen die Eltern in Fragen der Entwicklung und Erziehung der Kinder. Ziel dabei ist, dass Eltern und Kinder gemeinsam aktiv werden und neue Modelle des Miteinander kennenlernen. Das geht von thematischen Workshops bis hin zu gemeinsamen Basteln, Kochen und Backen. Auch, dass die Eltern untereinander ins Gespräch kommen, ist uns wichtig.“

Wir sind im Aufenthaltsraum angekommen, wo ungefähr zwanzig Kinder malen, schneiden und kleben. Mit dabei auch einige Eltern und Senioren. Aus dem bunten Bastelpapier sollen Laternen werden, denn heute ist Martini. Bei Anbruch der Dunkelheit wollen alle gemeinsam mit ihren Laternen durchs Viertel ziehen, bis zum Jugendhaus, wo schon ein kleines Lagerfeuer und Stockbrot warten. Stefanie Willing sitzt mit ihren beiden Kindern Emily und Elias am Basteltisch und beklebt ein Eulenmotiv mit bunten Glitzersteinen. „Mein Bruder hat seine Laterne schon gestern fertig gehabt,“ sagt die siebenjährige Emily, als Elias in Richtung Kickertisch aufspringt. „Ich wohne hier gleich um die Ecke in der Moskauer Straße und wir kommen seit zwei Jahren hierher, seitdem die Kinder zur Schule gehen. Ich selbst helfe ab und zu beim Basteln oder spiele mit den Kindern, aber Emily und Elias sind fast jeden Tag hier. Es ist fast wie in einer kleinen Familie. Viele Kinder und Eltern kennen sich schon aus dem Kindergarten, aber man lernt auch viele Eltern neu kennen“, sagt Stefanie Willing und klebt das Pergamentpapier mit der Eule an einen Pappring.

Auch Anja Kaufmann bastelt mit. „Unser Angebot hat sich hier im Stadtteil sehr schnell herumgesprochen, wir sind aber prinzipiell offen für das ganze Stadtgebiet. Viele Kinder bzw. Jugendliche kommen über viele Jahre hinweg zu uns - erst in die offene Kinderbetreuung und später gehen sie ins Jugendhaus. Besonders freut mich, dass viele Eltern das Angebot mit annehmen und mit ihren Kindern gemeinsam kommen, anstatt sie einfach hier abzugeben.“ Mittlerweile ist es draußen dunkel geworden. Anja Kaufmann versammelt die Gruppe auf der Treppe vor dem Eingang. Überall leuchtet es bunt. Sie deutet auf ihre Kollegin, die ihre Laterne an einem langen Stab in die Höhe hält. „Alle folgen dieser Laterne!“ Dann geht es los. „Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne...“

10.11.2011, Andreas Kubitza