15. Etappe Tour de Bildung: Die Herbstzeitlosen

27.04.2012 15:59

"Ein Gedicht ist ein Gedanke, der verdichtet wird. Ein Gedicht ist ein Geschenk und jeder packt es anders aus. Ein Gedicht begleitet mich manchmal eine sehr lange Zeit." Einmal im Monat treffen sich die Herbstzeitlosen.

Textreportage

„Ein Gedicht ist ein Gedanke, der verdichtet wird. Ein Gedicht ist ein Geschenk und jeder packt es anders aus. Ein Gedicht begleitet mich manchmal eine sehr lange Zeit.“ Einmal im Monat treffen sich die Herbstzeitlosen. In der Bibliothek des Kompetenz- und Beratungszentrums für Seniorinnen und Senioren wird Kaffee ausgeschenkt, dazu gibt es Sahnetorte. Evelyn Acker begrüßt die acht Anwesenden, die gekommen sind, um sich gegenseitig ihre neuen Texte vorzustellen. „Die Gruppe gibt es jetzt seit 2007, und wir sind von Anfang an auf großes Interesse gestoßen. Ich selbst war erst als Teilnehmerin dabei, inzwischen kümmere ich mich als Leiterin auch um die Organisation.“, erklärt Evelyn Acker. Ihre Inspiration holt sich die 59-Jährige, die die jüngste der Gruppe ist, aus Kunst und Literatur: „Ich bin Autodidaktin, aber gelesen habe ich schon immer viel - Heinrich Heine, Jack London, Eva Strittmatter, Emma Watson, Joan Aiken und viele andere. Da ich male, bin ich irgendwann auf die Idee gekommen, auch selbst zu schreiben.“

Nach dem Organisatorischen wird gelesen. Texte über eine Fahrt nach Stuttgart mit kaputtem Navigationssystem, einer Bootsfahrt auf der Elbe und einem zusammengebrochenen Bücherregal werden zu Gehör gebracht. Hier zu lang, da zu unverständlich, dort zu viele Adjektive – die Kritik ist offen und direkt. Harry Urban bekommt den Hinweis, in seinem Text noch mehr Pointen zu setzen. Der 72-jährige Rentner war früher Starkstromelektriker und stammt aus einem kleinen Dorf bei Zeitz. Seine Leidenschaft sind mundartlich verfasste Texte in Lyrik und Prosa. „Ich habe bei der Reichsbahn an der Elektrifizierung der Strecken gearbeitet, war deshalb viel im Freien und kam mit den unterschiedlichsten Leuten aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zusammen. Da habe ich mir viel notiert und zu Geschichten und Gedichten in ostthüringer Mundart verarbeitet. Über meinen Heimatort Diemendorf schreibe ich auch viel. Einige meiner Gedichte wurden sogar schon in der Zeitung abgedruckt. Bei den Herbstzeitlosen bin ich seit vier Jahren dabei und freue mich vor allem über Anregungen und Kritik von den anderen.“

Evelyn Acker will vor allem Mut zum Schreiben machen: „Viele sagen: Es gibt so viele Bücher, eigentlich ist alles schon geschrieben. Dann antworte ich mit einem Zitat von Eva Strittmatter: Macht nichts, ob das schon da ist oder nicht, du drückst aus, was du fühlst und denkst, gleich wie gut oder wie schlecht es ist.“ Besonders gut gelungene Texte werden sogar gedruckt: „Wir geben vierteljährlich unser Heft Die Herbstzeitlosen heraus und bereiten uns zur Zeit auf das Erfurter Federlesen vor, das im September stattfinden wird. Das ist ein Schreibwettbewerb für Seniorinnen und Senioren, der von der Stadtbibliothek und dem Seniorenkompetenzzentrum schon seit 15 Jahren mit großem Erfolg veranstaltet wird.“ Wer nicht nur im Publikum sitzen will, kann sich den Herbstzeitlosen gerne anschließen: „Wir sind immer auf der Suche nach neuen Mitgliedern für unsere Gruppe. Wer Leidenschaft fürs Schreiben und Lesen mitbringt ist bei uns herzlich willkommen“, sagt Evelyn Acker.

27.04.2012, Andreas Kubitza